WÜRZBURG

Bezahlung: Der große Unterschied

Noch vor 60 Jahren konnte ein Ehemann ohne Wissen seiner Frau deren Job kündigen. Bis 1977 durfte der Mann seiner Frau verbieten, außer Haus zu arbeiten. Das erscheint heute unvorstellbar. Dennoch ist die Welt der weiblichen Erwerbsarbeit noch nicht in Ordnung.

Seit genau zehn Jahren erinnert der Equal Pay Day (EPD) in Deutschland daran, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Auch in Mainfranken wird darauf alljährlich aufmerksam gemacht. (Übersicht über EPD-Aktionen in Deutschland.)

21 Prozent beträgt der Verdienstunterschied in Deutschland derzeit. Deshalb fällt der Equal Pay Day heuer auf den 18. März: Bis dahin arbeiten weibliche Beschäftigte quasi umsonst. Dass Frauen für gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn bekommen, ist nicht akzeptabel, meint dazu Radu Ferendino von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mainfranken in Würzburg. Die IHK selbst lässt dies dem Pressesprecher zufolge auch nicht zu: „Bei uns sind für die Bezahlung Stellenprofile und Funktionsgruppen ausschlaggebend, nicht das Geschlecht.“

Experte: Oft ist auch die Familiensituation der Grund für weniger Lohn

Ferendino ist allerdings auch überzeugt, dass kein Chef einer Frau absichtlich weniger zahlt als einem Mann. Den großen Unterschied beim Verdienst führt er nicht zuletzt auf die weibliche Berufswahl zurück: „Frauen arbeiten häufiger in sozialen Dienstleistungen, die schlechter bezahlt werden als beispielsweise technische Berufe.“

Aber auch eine familienbedingte Erwerbsunterbrechung und der anschließende Wiedereinstieg in Teilzeit und Minijobs tragen Ferendino zufolge mit dazu bei, dass Frauen im Durchschnitt noch immer 21 Prozent weniger Geld in der Lohntüte haben.

Dies bestätigt Christina Boll vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Etwa 14 Prozent dieser 21-prozentigen Lohnlücke lassen sich nach ihren Erkenntnissen dadurch erklären, dass Frauen öfter in Teilzeit und in schlechter bezahlten Berufen arbeiten und ihre Karriere aufgrund von Schwangerschaften unterbrechen müssen. Nur sieben Prozent der Lohnlücke sind demnach auf echte Diskriminierung zurückzuführen.

Übers Gehalt wird nicht diskutiert

Doch auch diese sieben Prozentpunkte werfen Fragen auf: Wie können Betriebe damit durchkommen? Experten zufolge liegt dies daran, dass in Deutschland, anders als in vielen anderen Ländern, nicht offen über Gehälter diskutiert wird. Das soll sich in Zukunft durch ein „Lohntransparenzgesetz“ ändern. Bundesfamilienministerin Manuela Schweswig stellte den Gesetzentwurf im Februar vor. Demnach können Arbeitnehmerinnen in Firmen mit mehr als 200 Beschäftigten in Zukunft Auskunft darüber verlangen, wie viel Geld ihre Kollegen in vergleichbaren Positionen verdienen.

In Mainfranken wären davon rund 200 Unternehmen betroffen. Die sind jedoch alles andere als glücklich über das Gesetzesvorhaben. „Den Betrieben droht nun erneut eine Bürokratiewelle“, kommentiert IHK-Sprecher Ferendino.

Bosch Rexroth bemüht sich um Chancengleichheit

„Unabhängig von politischen Plänen legen wir selbst großen Wert auf die Gleichheit beim Entgelt“, betont Kerstin Schürr von der Bosch Rexroth AG in Lohr. Bei Bosch Rexroth mit seinen mehr als 15 000 Beschäftigten in Deutschland seien Tätigkeiten tariflich eingruppiert: „Unabhängig vom Geschlecht der Person, die die Stelle inne hat.“ Eine regelmäßige Erhebung gewährleistet nach Schürrs Worten, dass es kein Ungleichgewicht im Unternehmen gibt.

Um Chancengleichheit zu realisieren, werden der Pressesprecherin zufolge Frauen auf allen Ebenen gefördert. „Es gibt ein Mentoring-Programm speziell für Frauen, berufliche Frauennetzwerke wie women@bosch sowie Netzwerkveranstaltungen, bei denen sich Frauen austauschen können“, informiert Schürr.

s.Oliver bietet Hilfe für Rückkehrerinnen an

Damit Beruf und Familie besser vereinbart werden können, bietet der Betrieb Einführungsveranstaltungen für Elternzeitrückkehrerinnen an. Beschäftigte in Elternzeit haben außerdem die Möglichkeit, an Abteilungstreffen teilzunehmen. Darüber hinaus wird mobiles Arbeiten, Arbeiten im Homeoffice und Job Sharing angeboten.

Auch dem Modeunternehmen s.Oliver in Rottendorf bei Würzburg ist es wichtig, alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihrer Leistung entsprechend gleich zu behandeln, so Pressesprecherin Carolin Bischof. Sie verweist darauf, dass das Unternehmen mit Gabriele Fluck seit Februar eine neue, weltweit agierende Personaldirektorin hat. Die sei gerade dabei, sich innerhalb des Unternehmens einen Überblick zum Thema Entgeltgleichheit zu verschaffen.

Handwerksfrauen sind gesucht

Für die Handwerkskammer Unterfranken ist Lohnfairness ebenfalls ein wichtiges Thema. Beschäftigte werden laut Daniela Kraus von der Pressestelle völlig unabhängig vom Geschlecht in Entgeltstufen eingruppiert. In den Handwerksbetrieben selbst würden die Mitarbeiter weitgehend auf Basis von Tarifverträgen vergütet. „Gerade unter dem Aspekt des akuten Fachkräftemangels gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern“, ist Kraus überzeugt.

Frauen wie Männer seien gesuchte Spezialisten und erhielten deshalb eine entsprechende Vergütung: „Uns sind keine Fälle von Entgeltdiskriminierung bekannt.“

Das geplante Lohntransparenzgesetz tangiert das Handwerk kaum. Die unterfränkischen Betriebe haben durchschnittlich nur fünf Beschäftigte und sind sehr familiär geprägt. „Gerade durch diese Struktur ist Transparenz in Bezug auf das Entgelt meist sowieso gegeben“, meint Kraus. Wie das Thema Vergütung innerhalb der Betriebe konkret kommuniziert werde, darauf habe die Kammer allerdings keinen Einfluss.

Expertin: Entgeltungleichheit ist auch in Mainfranken immens

Dass es auch in Mainfranken immense Entgeltungleichheit gibt, erfuhr Evelyn Bausch, Frauenreferentin der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), in den vergangenen Jahren immer wieder am Equal Pay-Stand in der Würzburger Fußgängerzone. „Einmal kam eine Frau an unseren Info-Stand und erzählte, dass sie sich, als ihr Betrieb geschlossen wurde, endlich traute, ihren männlichen Kollegen nach seinem Verdienst zu fragen“, schildert sie. Die Frau erfuhr, dass sie als Industriefachwirtin mit derselben Qualifikation wie der Kollege jahrelang 1000 Euro pro Monat weniger verdient hatte.

Bausch fordert zum Equal Pay Day, frauendominierte Berufe endlich aufzuwerten. „Es kann nicht sein, dass Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen, die in ihrer Arbeit eine große Verantwortung tragen, derart schlecht bezahlt werden“, meint sie. Auch die Alten- und Krankenpflege werde als „leichter“ Dienstleistungsberuf zu gering eingestuft. Die Bezahlung berücksichtige nicht, welchen großen psychischen und physischen Belastungen Pflegekräfte tagtäglich ausgesetzt sind.

Expertin sieht Gesetz skeptisch

Gegenüber dem Lohntransparenzgesetz ist Bausch skeptisch: „Welche prekär beschäftigte Arbeitnehmerin traut sich, ihren Chef nach der Zusammensetzung ihres Gehalts zu fragen?“ Dadurch riskiere sie, ihr Arbeitsverhältnis zu belasten oder sogar zu verlieren. Die Gesetzesvorlage wälzt in ihren Augen die Durchsetzung der Lohngerechtigkeit im Betrieb auf die Arbeitnehmerin ab. Positiv sei immerhin, dass endlich über Gehälter geredet werden kann: „Es gibt ja noch Arbeitsverträge, in denen steht, dass es verboten ist, sich mit Kollegen über das eigene Gehalt auszutauschen.

“ Dieser Passus sei zwar unzulässig: „Doch das wusste bisher kaum jemand.“

DGB: Neues Gesetz geht in die richtige Richtung

Für Karin Dauer, Vorsitzende des DGB-Kreisverbands in Würzburg, ist das neue Gesetz ein Schritt in die richtige Richtung: „Allerdings nur ein kleiner.“ Die Gewerkschafterin hofft, dass dadurch überhaupt etwas in Bewegung kommt an der kulturell verankerten Haltung: „Über Geld spricht man nicht“. „Frau“ sollte unbedingt über ihr Gehalt sprechen, appelliert sie: „Ich halte das für eine notwendige Voraussetzung, um Entgeltdiskriminierung entlarven zu können.“

Problematisch am Gesetzentwurf ist auch für Dauer, dass Frauen damit auf sich allein gestellt ist: „Zumindest da, wo es keinen Personal- oder Betriebsrat gibt.“ Womöglich seien sie auch mit den Zahlen, die sie erhalten, überfordert und könnten sie nicht interpretieren. Deshalb fordert die DGB-Frau ein Verbandsklagerecht.

„Frauen verkaufen sich leider zu schlecht“

Zusammen mit Evelyn Bausch und Gewerkschaftsfrauen kämpfte in den vergangenen Jahren auch Uschi Engert als Mitglied der kürzlich aufgelösten Würzburger Gruppe der „Business and Professional Women“ beim Equal Pay Day für faire Frauenlöhne. „Leider verkaufen sich Frauen in vielen Fällen zu schlecht, da sie einfach zu bescheiden sind“, konstatiert sie. Männer stünden oft jedes Jahr auf der Matte und verlangten mehr Lohn: „Frauen hingegen muss man darauf hinweisen, dass es mal wieder Zeit ist, mehr Geld zu fordern.“

Die Lohnlücke kommt nach Engerts Beobachtungen nicht zuletzt zustande, dass Frauen zu selten in Führungsebenen tätig sind. Gerade in Behörden, so die Frauenrechtlerin, hätten sie noch zu wenige gut bezahlte Positionen. Denn Männer würden nach wie vor bevorzugt.

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