Bad Neustadt

Bon-Pflicht: Café in der Rhön reagiert mit schräger Idee

Die neue Bon-Pflicht sorgt in der Rhöner Bäckerinnung für schlechte Stimmung. Indes hat die Chefin eines Cafés in Oberelsbach eine kreative Lösung gegen die Papierflut.
Kassenzettel-Aktion in Oberelsbach: Der Bon-Baum begrüßt die Kunden des Mühlencafés. Foto: Sonja Demmler

Jacken und Mäntel sucht man auf dem Garderobenständer links neben dem Eingang des Mühlencafés in Oberelsbach (Lkr. Rhön-Grabfeld) vergeblich. Stattdessen schlängeln sich Hunderte bedruckter Kassenzettel um das schwarze Gestell. Auch an den Fenstern wurden die Bons optimal in Szene gesetzt: Sie hängen, ansprechend drapiert, von den Gardinenstangen.

Ute Lenhardts Kreationen sind ein Hingucker – und sie sorgen für Gesprächsstoff. Genau das war ihre Absicht. "Wenn ich die Bons einfach im Müll entsorge, bekommen die Kunden gar nicht mit, welche Massen an Abfall das neue Gesetz mit sich bringt", sagt die 59-Jährige.

Die meisten Kunden des Oberelsbacher Cafés legen keinen Wert auf den Bon. Foto: Sonja Demmler

Seit dem 1. Januar gilt die Bon-Pflicht. Seitdem gehen in dem Cafe mit angeschlossener Bäckerei nicht nur Kaffee, Brötchen, Brot und süße Stückchen über den Tresen, sondern auch Unmengen von Kassenzetteln aus Papier. Doch die meisten Kunden winken ab, sie nehmen ihre Bons erst gar nicht an.

"Früher", berichtet Lenhardt, die zusammen mit ihrem Mann vier Filialen betreibt, "brauchten wir pro Kasse alle drei Monate eine Bonrolle, jetzt muss die Rolle alle zwei Tage gewechselt werden".  Die Unternehmerin hält das Gesetz für unsinnig. "Unsere Kassen registrieren jeden Verkauf, egal, ob ein Bon rausgeht, oder nicht. Auf diese Daten hat das Finanzamt jederzeit Zugriff", erklärt sie.

Der Landrat lässt rechnen

Kreativ geht auch Rhön-Grabfelds Landrat Thomas Habermann das Problem an: Mitarbeiter des Landratsamtes sollen berechnen, welche Müllmengen durch die Bon-Pflicht entstehen. Die Idee kam ihm, als er sonntags Brötchen holte. Die Verkäuferin erzählte ihm, dass die nicht angenommenen Bons täglich einen Sack füllen, der 180 Liter fasst. "Das ist ein handwerklich schlecht gemachtes Gesetz", urteilte der Landrat und kündigte an, in der nächsten Sitzung des Kreisausschusses eine Resolution gegen diese Papierflut verabschieden zu wollen.

Bons statt Vorhängen, auch eine Form des Protests. Foto: Sonja Demmler

Zahlen, die er dafür braucht, liefert ihm gerne Franz Schmitt, der Chef von "Schmitt’s Backstube" in Bad Neustadt. Sein Unternehmen betreibt 25 Verkaufsstellen im Landkreis. "Jeden Tag", berichtet er in einem Gespräch mit dieser Redaktion, "kommen acht bis neun Säcke mit Kassenzetteln zusammen. Das sind ungefähr 12 500 Bons.“ Müll, den er nicht als Papierabfall entsorgen kann, weil das Papier beschichtet ist. Die Kosten der Bon-Pflicht belaufen sich in seinem Unternehmen auf 16 000 bis 18 000 Euro pro Jahr, schätzt Schmitt.

Habe ich Schwarzbrot gekauft?

Seine Mitarbeiterinnen sind genervt von dem Aufwand, den sie nun betreiben müssen. 100-mal reichen sie den Kassenzettel über den Tresen und in 95 Prozent der Fälle müssen sie ihn wieder zurücknehmen und entsorgen. Die Kundschaft ist ebenfalls leicht genervt. So mancher nimmt es auch mit Humor. "Was passiert denn, wenn ich den Bon nicht mitnehme? Habe ich dann überhaupt ein Schwarzbrot gekauft?", habe ein Kunde gefragt.

 

Schmitt hat den Versuch unternommen, sich vom Finanzamt von der Bon-Pflicht befreien zu lassen. Als Grund habe er die Umweltbelastung durch den vielen Papiermüll angegeben. Dieser Tage kam der Ablehnungsbescheid. Die Begründung: Der Umweltgedanke reiche nicht aus, um auf den Bon zu verzichten.

Obermeister: Das ist nicht im Sinn der Branche

"Das ist unproduktiv und unwirtschaftlich und sorgt für schlechte Stimmung in der Innung." So fasst Ullrich Amthor, Obermeister der Bäckerinnung Bad Kissingen/Rhön-Grabfeld, die bisherigen Erfahrungen mit der Bon-Pflicht zusammen. Die Gesetzesänderung bringe höhere Kosten und eine größere Arbeitsbelastung mit sich. "Das ist nicht im Sinn einer Branche, die auf jede Arbeitskraft angewiesen ist", sagt Amthor.

Er hat durchaus Verständnis dafür, dass der Gesetzgeber verhindern will, dass manche Unternehmer ihre Umsätze mit manipulierten Kassen nicht oder falsch erfassen. Doch dieses Ziel könne man auch mit modernen Kassensystemen ohne verpflichtende Bon-Ausgabe erreichen.

Sein Verband will nun mit Aktionen auf die Bon-Flut aufmerksam machen. Mit Protestaktionen, Aufdrucken auf Brötchentüten - oder mit Vorhängen, die frustrierte Unternehmerinnen aus liegen gebliebenen Kassenzetteln basteln.

Kassenbon-Pflicht
Der Staat verliert alljährlich hohe Summen, weil Unternehmen ihre Umsätze mit manipulierten Kassen, Schummelsoftware oder fingierten Rechnungen nicht oder falsch erfassen – vor allem in Branchen mit hohem Bargeldanteil. Der Schaden liegt laut Schätzungen bei jährlich zehn Milliarden Euro. Das soll die Kassensicherungsverordnung, kurz das Kassengesetz, richten. Demnach sollen Kassen durch eine technische Sicherheitseinrichtung (TSE) fälschungssicher werden. Ursprünglich sollten Kassen bis zum Jahresbeginn 2020 die neuen Vorschriften erfüllen, das Finanzministerium räumte nun Zeit bis Ende September ein. Die Bon-Pflicht gilt trotzdem schon von Januar 2020 an.

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