Würzburg/Eichelsdorf

Corona: Gastronomen in Mainfranken denken schon ans Aufhören

Hotellerie und Gastronomie zählen sich in der Region zu jenen Wirtschaftsbereichen, die von der Corona-Krise am Heftigsten getroffen werden. Wir zeigen, warum.
So leer wie hier in München sind derzeit auch in Mainfranken die Biergärten und Gaststätten. Die Corona-Krise trifft Wirte und Hoteliers zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Die lukrative Touristensaison würde normalerweise bald beginnen.
So leer wie hier in München sind derzeit auch in Mainfranken die Biergärten und Gaststätten. Die Corona-Krise trifft Wirte und Hoteliers zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Die lukrative Touristensaison würde normalerweise bald beginnen. Foto: Peter Kneffel, dpa

Nicht einmal zwei Wochen ist es her, dass Bayerns Gastronomen zwar schon Alarm wegen der Folgen der Corona-Krise schlugen, andererseits aber auch entspannte Stimmen zu hören waren. Doch jetzt bricht über die Wirte in Mainfranken offenbar die Katastrophe mit umso größerer Wucht herein.

Kurzarbeit, Resignation, Umsatzeinbruch - von allem war am Dienstag zu hören. Stellenweise gehe gar nichts mehr, erste Wirte haben offenbar bereits aufgegeben. Das jedenfalls hat der unterfränkische Geschäftsführer im Branchenverband Dehoga, Michael Schwägerl, mitbekommen. Das Telefon stehe seit Montagmorgen nicht mehr still, sagte er auf Anfrage. Die Verunsicherung sei enorm.

Gibt Ratschläge: Michael Schwägerl vom Gaststättenverband Dehoga in Würzburg.
Gibt Ratschläge: Michael Schwägerl vom Gaststättenverband Dehoga in Würzburg. Foto: Hans-Peter Hepp

"Viele versuchen jetzt, ihren Betrieb irgendwie aufrecht zu erhalten", so Schwägerl. "Kurzarbeit ist sehr gefragt." Wie viele Wirte und Hoteliers die Krise überleben, könne man noch nicht absehen. Besonders gravierend sei, dass die lukrative Touristensaison ausgerechnet im April beginne.

Ein weiteres Problem sieht Schwägerl in der ab diesem Mittwoch geltenden Regelung, wonach Gaststätten dann nur noch von 6 bis 15 Uhr geöffnet sein dürfen. Viele Wirte hätten wegen des Personalmangels die Öffnungszeiten eh schon runtergefahren - und auf den Abend verlegt. Die Zeitvorgaben der Staatsregierung stünden dem jetzt im Weg. "Mancher braucht jetzt gar nicht mehr aufmachen."

Erste Reaktionen in diese Richtung gibt es bereits. So ist das gesamte Klosterareal auf dem Kreuzberg in der Rhön nach Angaben der Verantwortlichen bis 31. März geschlossen - die gerade bei Wanderern beliebte Brauereigaststätte inklusive. Dort waren am sonnigen Wochenende die Tische noch proppevoll gewesen - Hygiene-Abstandsregeln hin oder her. 

Auch die klassichen Landgasthöfe trifft Corona massiv. Inhaberin Brigitte Kirchner vom Wirtshaus "Zu den Haßbergen" im Hofheimer Stadtteil Eichelsdorf weiß nicht, wie es weitergeht. Ihre sechs Aushilfsmitarbeiter habe sie bereits nach Hause geschickt. "Mein Mann und ich machen jetzt halt alles selber", sagte die Wirtin am Dienstag.

Wie ein Landgasthaus in den Haßbergen reagiert

Unter der Woche lasse sie jetzt ihr Gasthaus zu, allein an Sonntag werde von 11 bis 14 Uhr geöffnet. Bitter ist für Kirchner auch, dass für die kommenden Tag zwei Familienfeiern und drei Konfirmationen abgesagt worden seien. Sollten diese Zusammenkünfte in ihrem Gasthaus zum Beispiel im Juni/Juli nachgeholt werden, werde es eng im Kalender.

So leer wie die Gaststätte sind bei den Kirchners auch die Gästezimmer. Reservierungen lägen im Moment keine vor, klagt Kirchner. Ob ihr Betrieb die Krise überlebt, "weiß ich nicht". Wenn der Mai keine Wende bringt, dann werde sie wohl aufhören müssen.

Catering-Unternehmen rechnet mit Riesenverlust

Nicht besser sieht es in der Systemgastronomie aus, worunter im Wesentlichen Kantinen und Catering zu verstehen sind. So rechnet Farroch Radjeh in Reichenberg bei Würzburg damit, dass er allein im März und April einen Verlust von 1,5 Millionen Euro macht - bei geschätztem Jahresumsatz für 2020 von 6,5 Millionen Euro. Dem Chef von FR Catering sind nach eigenen Worten wegen Corona "zwei Mega-Aufträge" des Daimler-Konzerns weggebrochen. FR Catering ist bundesweit auf die Bewirtung von Großveranstaltungen spezialisiert.

"Ich plane bis Ende Juni eine Katastrophe ein", so Radjeh. Weil sein Unternehmen Rücklagen gebildet und ein gutes Geschäftsjahr hinter sich habe, könne alles "mit einem blauen Auge" ausgehen. Reagiert hat der Unternehmer dennoch: Für bis zu 18 seiner 38 Beschäftigten hat Radjeh Kurzarbeit angemeldet, der Rest baue Überstunden ab. Bis auf die Abteilungen Verkauf und Verwaltung sowie die fünf Auszubildenden stehe sein Betrieb derzeit still.

Kurzarbeit - plus der Weg zur Bank

Mit Kurzarbeit für alle 70 Mitarbeiter reagiert auch Christoph Unckell in Würzburg. Der Chef des Hotels Rebstock hat zudem nach eigenen Worten schon den Kontakt mit seiner Bank aufgenommen, um die Folgen der Krise zu besprechen. "Wir fahren momentan auf Sicht - es ist aber Nebel", beschreibt Unckell die unklare Lage.

Schwierig sei für ihn zudem der Umstand, dass er wegen des neuen Erweiterungsbaus "Engelgarten" zehn Millionen Euro Schulden habe. Sein Hotel sei in der vergangenen Woche mit zehn statt maximal 200 Gästen belegt gewesen. Darunter seien welche aus dem Ausland, die wegen der Pandemie und geschlossener Landesgrenzen nicht nach Hause könnten. Sein dem Hotel angegliedertes Feinschmeckerrestaurant "Kuno 1408" habe er bis auf Weiteres geschlossen.

Auf welche Ideen Gastronomen jetzt kommen

Unckell gehört zu jenen Gastronomen, die mit neuen Ideen einen kleinen Weg aus der großen Krise suchen. So hat der Rebstock-Chef via Facebook seine Hotelzimmer für Homeoffice angeboten. Nur Freunde machte er sich damit nicht: Weil er 60 Euro pro Tag und Zimmer verlangt, habe er einen Shitstorm auf Facebook abbekommen, sagte Unckell am Dienstag.

Abgesehen von solchen Überlebensstrategien gibt es landauf, landab Gaststätten, die die Mahlzeiten neuerdings mit eigenem Lieferdienst zum Kunden bringen, sich spontan bekannten Anbietern wie Lieferando und Co. anschließen oder einfach Essen zum Mitnehmen anbieten wie zum Beispiel die eigentlich geschlossene Pizzeria La Rustica in der Würzburger Innenstadt. "So etwas empfehlen wir durchaus", meint Dehoga-Geschäftsführer Schwägerl.

Derlei Alternativen sind aber nicht für jeden Gastronomen ein praktikabler Weg. Für Gastwirtin Brigitte Kirchner in Eichelsdorf kommt ein Lieferdienst nicht in Frage. Aber dass gerade ältere Menschen am Wochenende ihr Essen im Gasthaus abholen, das habe es schon vor Corona gegeben. Vielleicht nimmt das ja jetzt zu, sagt sie: "Ich hoffe es."

Corona: Wo notleidende Gastronomen Hilfe bekommen
Dehoga: Der Hotel- und Gaststättenverband hat auf seiner Bayern-Website jede Menge Checklisten und Basis-Infos zu Corona zusammengestellt - inklusive Merkblätter sowie Formulare (zum Herunterladen) für Kurzarbeitergeld oder bei Arbeitsausfall. Details: www.dehoga-bayern.de
Dehoga-Ratschlag: Unterfrankens Bezirksgeschäftsführer Michael Schwägerl gibt in Not geratenen Gastwirten und Hoteliers den Tipp, sich so schnell wie möglich mit der Hausbank wegen Rettungsmaßnahmen in Verbindung zu setzen. Außerdem sollte der Steuerberater eingeschaltet werden, um bei der Steuer Stundungen und Minderung der Vorauszahlungen zu erreichen.
BVMW: Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft hat Rettungsmöglichkeiten unter anderem für kleine Unternehmen zusammengestellt, die jünger als fünf Jahre sind. Näheres: www.bvmw.de/mainfranken
Nützliche Internetadressen für Unternehmen in Mainfranken finden Sie auch in unserem regionalen Wirtschaftsblog ImPlus: www.mainpost.de/im-plus

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