Würzburg/Schweinfurt

Corona setzt Mainfrankens Wirtschaft immer heftiger zu

Die Alarmglocken schrillen sehr laut: Experten zufolge treibt die Corona-Krise immer mehr Firmen in der Region in die Not. Die Zeit zum Überleben wird für sie knapp.
Im Maschinenbau und unter den Autozulieferern hat die Corona-Krise derzeit verheerende Folgen. Indes steuern in Mainfranken auch in anderen Branchen offenbar immer mehr Firmen auf das endgültige Aus zu.
Im Maschinenbau und unter den Autozulieferern hat die Corona-Krise derzeit verheerende Folgen. Indes steuern in Mainfranken auch in anderen Branchen offenbar immer mehr Firmen auf das endgültige Aus zu. Foto: Jan Woitas

Dass die Corona-Krise zurzeit der Wirtschaft im Land das Wasser abgräbt, ist bekannt. Doch jetzt malen Fachleute aus Mainfranken ein besonders düsteres Bild – auch für die Zeit nach der Krise. Immerhin gibt es einige wenige Lichtblicke.

Heftig Alarm schlug am Mittwoch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt. Sie hat in einer erneuten Blitzumfrage unter 184 Unternehmen in Mainfranken ermittelt, dass knapp die Hälfte vor dem Aus steht, sollten die von der bayerischen Staatsregierung angeordneten Betriebsschließungen bis Ende April anhalten.

Wer überlebt, muss wahrscheinlich den Gürtel massiv enger schnallen. Denn 71 Prozent der befragten Betriebe rechnen damit, dass bis Jahresende ihr Umsatz bis zur Hälfte des erwarteten Wertes schrumpft. 30 Prozent gehen von Einbußen um bis zu einem Viertel aus, so die IHK in einer Mitteilung.

Die Kammer hatte schon in den vergangenen Wochen solche Corona-Blitzumfragen gemacht. Die Aussichten der Unternehmen haben sich seither permanent verschlechtert. "Nicht wenige kämpfen bereits heute um ihr Fortbestehen", sagte der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Sascha Genders.

Drei Viertel der Unternehmen in der Region greifen nach dem rettenden Strohhalm, weil sie laut IHK Liquiditätshilfe des Staates beantragten. 41 Prozent haben ihr Geschäft kurzerhand digitalisiert und zum Beispiel Online-Shops eingerichtet. 28 Prozent verkaufen neuerdings Gutscheine, um zumindest noch ein bisschen Umsatz zu machen.

Derweil haben sich elf Chefredakteure der auf bundesweite Wirtschaftsmagazine spezialisierten Vogel Communications Group in Würzburg Gedanken zur Lage gemacht. Ihre in einer Mitteilung zusammengetragenen Einschätzungen beziehen sich auf Deutschland, "können aber eins zu eins runtergerechnet werden" auf Mainfranken, wie Verlagssprecher Gunther Schunk gegenüber dieser Redaktion sagte. Kernaussage: Es gibt wenig Licht und viel Schatten.

"Die Corona-Krise setzt die ohnehin gestresste Automobilindustrie zusätzlich unter Druck", ist die Meinung von Claus-Peter Köth, Chefredakteur des Vogel-Magazins "Automobilindustrie". Zum Beispiel in Schweinfurt sitzt mit ZF ein wichtiger Zulieferer mit gut 9000 Beschäftigten.

Zwar geht Köth davon aus, dass – wenn alles gut läuft – die Autofabriken in Europa bis Ende Juni "wieder auf 80 bis 100 Prozent" hochfahren könnten. Aber: Damit nach der Corona-Krise die Menschen wieder Autos kaufen, "wird es viele verkaufsfördernde Ideen von Herstellern und Politik brauchen – etwa eine neue Abwrackprämie".

Ruf nach einer neuen Abwrackprämie

Mit dieser Prämie hatte die Bundesregierung 2009 der von der Finanzkrise gebeutelten Auto-Branche unter die Arme gegriffen. Die Menschen im Land bekamen 2500 Euro, wenn sie ihr altes Auto verschrotteten und ein neues kauften.

Köths Kollege Wolfgang Michel vom Magazin "Kfz-Betrieb" sieht über dem Autohandel ebenfalls tiefdunkle Wolken. Das Geschäft vieler Autohäuser sei wegen Corona nahezu zum Erliegen gekommen. Der Handel mit Gebrauchtwagen "befindet sich im Sturzflug".

Unter was insbesondere der Maschinenbau leidet

Hinzu komme, dass Zulassungsstellen vielerorts fürs Publikum geschlossen seien und so die Auslieferung bestellter Fahrzeuge stocke. Auf diesen Umstand hatte kürzlich schon Roland Hoier als Obermeister der Kfz-Innung Unterfranken im Interview mit dieser Redaktion hingewiesen.

Im Maschinenbau sehen die Vogel-Chefredakteure Benedikt Hofmann und Udo Schnell ("MM Maschinenmarkt") eine weitere Facette der Corona-Krise: Sie habe die internationalen Lieferketten lahmgelegt. Das heißt: Fabriken hierzulande bekommen schlecht Nachschub für ihre Produktion.

Viele Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau können in diesem Jahr den durch Corona ausgelösten Umsatzrückgang von bis zu 30 Prozent nicht mehr ausgleichen. Davon ist Chefredakteurin Ute Drescher ("Konstruktionspraxis") überzeugt. Ein Viertel der Betriebe im Land werde heuer die Investitionen um bis zu 50 Prozent herunterfahren. "Leider also insgesamt düstere Einschätzungen."

"Der Logistik wird eine überragende Rolle zukommen."
Chefredakteur Bernd Maienschein über die Zeit nach der Corona-Krise

Der Würzburger Verlag mit seinen 820 Beschäftigten und zuletzt 100 Millionen Euro Jahresumsatz gibt nach eigenen Angaben etwa 100 Fachmedien heraus, deren Druckauflage bei insgesamt 250 000 Exemplaren liegt. In ihren jetzt präsentierten Analysen sehen die Vogel-Experten aber auch den einen oder anderen Silberstreif am Corona-Himmel.

So werde nach der Krise der Logistik "eine überragende Rolle zukommen", wie Chefredakteur Bernd Maienschein ("MM Logistik") schreibt. "Denn dann will jeder möglichst schnell wieder alles haben." Gut gehe es derzeit Anbietern von Labor- und Analysetechnik, meint Marc Platthaus von "Laborpraxis".

Und dann sind da noch die Start-ups

In das Horn der Klagen stößt auch die Gründerszene in Mainfranken. Gravierend wirke sich insbesondere aus, dass laufende Finanzierungsrunden ins Stocken geraten und dass die für Start-ups so wichtigen Messen wegen Corona abgeblasen wurden, hat Gerhard Frank vom Innovations- und Gründerzentrum (IGZ) in Würzburg beobachtet. Er kenne erste Start-ups, die auf die Insolvenz zusteuern. Überhaupt sei die Zahlungsfähigkeit vieler Jungunternehmen derzeit sehr angespannt.

Die IHK und die Handwerkskammer für Unterfranken haben im Internet Corona-Extras für Unternehmen eingerichtet. Außerdem gibt es Telefon-Hotlines. Die Links und Nummern sowie weitere nützliche Infos rund um die Corona-Krise finden Sie in unserem regionalen Wirtschaftsblog: www.mainpost.de/im-plus

Rückblick

  1. Warum das Iphöfer Hallenbad geschlossen bleibt
  2. Augsfeld: Was der Lebenshilfe in der Krise fehlt
  3. „Grundrechte-Friedensversammlung“ in den Wehranlagen
  4. Finanzkrise durch Corona: Musikschule pfeift auf dem letzten Loch
  5. Widerstand 2020, Demonstranten, Verschwörungserzähler: Die Corona-Gegner in MSP
  6. Coronakrise und Schweinfurter Tafel: Konzept funktioniert
  7. Kommentar zu Corona-Gegnern: Wem kann man noch vertrauen?
  8. Nach den Corona-Schließungen: Wer muss Kita-Gebühren zahlen?
  9. Nach wochenlanger Pause: Neuer Corona-Fall im Landkreis Kitzingen
  10. Vereine und der Corona-Lockdown: "Die Leute sind heiß, wieder Sport zu machen"
  11. Corona: 411 Verstöße wurden bisher im Landkreis Kitzingen geahndet
  12. Corona in MSP: Ganze Schulklasse in Quarantäne geschickt
  13. Der Kreis Haßberge ist coronafrei
  14. Kritik an Politik: Kinder sind in Pandemie zu wenig beachtet worden
  15. Bad Neustadt: Steuerausfälle in Millionenhöhe erwartet
  16. Rhön-Grabfeld: Spontan und innovativ im Kampf gegen Covid 19
  17. Erste OBA-Gruppenreise nach der Krise sorgt für zufriedene Gesichter
  18. "#abgehängt": Was steckt hinter den Plakaten in der Stadt?
  19. Schweinfurter Haus: Im Idyll zieht wieder Leben ein
  20. Berührungslos die Hände desinfizieren
  21. Wo es im Landkreis die meisten Coronafälle gibt
  22. Kulturschaffende kritisieren Bayerns Corona-Hilfen
  23. Corona-Tests für alle: Was Sie jetzt dazu wissen müssen
  24. Heiraten in Würzburg: Gebührenfrei in den Wenzelsaal?
  25. Kommentar: Es fehlt ein Konzept für den digitalen Unterricht
  26. Schule zu Hause: Wie geht guter digitaler Unterricht?
  27. Niederwerrner Schausteller klagt gegen Freistaat
  28. Kommentar: Viel mehr Menschen sollten die Corona-App nutzen
  29. Karte: Wo es im Landkreis Schweinfurt wie viele Corona-Fälle gab
  30. Coronakrise und die Kultur: SPD erzwingt in Schweinfurt Sitzung
  31. Wie gut ist Würzburg auf eine zweite Corona-Welle vorbereitet?
  32. Ochsenfurt: Mehr Besucher dürfen ins Freibad
  33. Bisher hat die App nur ganz vereinzelt vor Corona gewarnt
  34. Schlachthöfe: Grillgut aus der Region ist frei von Skandalen
  35. Großveranstaltungen: Bayern macht keine klaren Vorgaben
  36. Ochsenfurt: Ab 2. Juli zeigt das Kino Casablanca wieder Filme
  37. Wonnemar-Chef van Rijn: Ohne die Stadt hätten wir nicht öffnen können
  38. Was Corona für Abiturienten in Unterfranken bedeutet
  39. Corona-Schwerpunktpraxis wird eingestellt
  40. Söder will 30 000 Corona-Tests pro Tag in Bayern
  41. Maroldsweisach ist der Corona-Hotspot im Haßbergkreis
  42. Jetzt acht Corona-Tote im Landkreis
  43. So setzen unterfränkische Musikvereine die Hygiene-Konzepte um
  44. Sündenbock mit Gütersloh-Kennzeichen
  45. Kommentar: Wie Verbraucher die staatliche Hilfe steuern können
  46. Wo die Maskenpflicht an Grenzen stößt
  47. Ulrike Schneider: Nein zur Landesgartenschau wegen der Kosten
  48. Corona sorgt in Unterfranken für Rekorde bei Krankmeldungen
  49. Arbeitsmarkt: Was Corona in Unterfranken anrichtet
  50. Kommentar: Viele gehen vernünftig mit Krankschreibungen um

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Jürgen Haug-Peichl
  • Autobranche
  • Autohandel
  • Autohäuser
  • Coronavirus
  • Gerhard Frank
  • Handwerk
  • Handwerkskammer für Unterfranken
  • Handwerkskammern
  • IHK Würzburg-Schweinfurt
  • Produktionsunternehmen und Zulieferer
  • Transport und Logistik
  • Umsatzrückgang
  • Verschrottungsprämie
  • Zulassungsstellen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
8 8
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!