„Der Aufschwung in Deutschland ist erstaunlich robust“

Peter Altmaier       -  Wirtschaftsminister Peter Altmaier
Wirtschaftsminister Peter Altmaier Foto: dpa

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erwartet, dass die Konjunktur auch in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird. Der 60-Jährige sagt aber gleichzeitig, dass das Tempo gebremst wird. Denn bisher basiert das Wachstum auf vielen Überstunden.

Frage: Herr Altmaier, Ihr Kabinettskollege, Bundesfinanzminister Olaf Scholz, sieht für 2019 das „Ende der fetten Jahre“ kommen. Hat er recht?

Peter Altmaier: Der Aufschwung wird in Deutschland weitergehen, das sagen auch alle Fachleute. Allerdings mit einem etwas gebremsten Tempo. Der Geschwindigkeitsverlust ist in erster Linie Problemen in der Automobilindustrie und in der internationalen Handelspolitik geschuldet. Trotzdem ist der Aufschwung in Deutschland nach wie vor erstaunlich robust.

Mit welchem Wachstum rechnet Ihr Haus konkret?

Altmaier: Im Detail wird unsere Schätzung im Jahreswirtschaftsbericht erst Ende Januar feststehen und vorgestellt. Sie wird sich streng nach den Regeln der ökonomischen Vernunft ausrichten und daher möglicherweise etwas zurückhaltender ausfallen. Das ändert aber nichts daran, dass die deutsche Wirtschaft 2019 auf Wachstumskurs bleibt.

Für wie krisensicher halten Sie die deutsche Wirtschaft?

Altmaier: Für die nächsten zwei bis drei Jahre sehe ich die deutsche Wirtschaft gut aufgestellt. Wir gehören zu den wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt. Die Unternehmen müssen aber einige Probleme zügig angehen. Das Erste und Wichtigste ist der Fachkräftemangel. Bei einem normalen Auslastungsgrad hat unsere Wirtschaft das Potenzial, um etwa 1,5 Prozent jährlich zu wachsen. Alles, was wir darüber hinaus in den vergangenen Jahren an Wachstum gesehen haben, ging auf außergewöhnliche Anstrengungen wie Überstunden oder Wochenendarbeit zurück.

Also wächst Deutschland über seine Möglichkeiten?

Altmaier: In vielen Bereichen werden nach wie vor Überstunden gefahren und Wochenendarbeit geleistet. Das ist nicht beliebig steigerbar. Deshalb brauchen wir mehr Produktionsanlagen und Maschinen, um das Wachstumstempo aufrechtzuerhalten. Ohne zusätzliche Investitionen in Produktionsmittel läuft das System auf Verschleiß.

Aber es müssen dann Beschäftigte da sein, die die Maschinen bedienen.

Altmaier: Daher ist das Fachkräftethema so zentral. Neue Maschinen werden nur gekauft, wenn es gelingt, die Beschäftigung auszuweiten.

Ihr Vorschlag?

Altmaier: Wir müssen das in Deutschland vorhandene Potenzial an Fachkräften besser ausschöpfen. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen immer noch bei rund einer Dreiviertelmillion liegt. Zusätzlich brauchen wir auch die Möglichkeit, Fachkräfte aus dem Ausland in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren. Dazu haben wir ja jüngst ein Fachkräfte-Einwanderungsgesetz vorgelegt.

Droht den deutschen Exportbranchen nicht auch Ungemach von Problemen in den Absatzmärkten selbst?

Altmaier: International haben wir eine Tendenz zu Protektionismus und zu neuen Handelsbarrieren. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir im laufenden Jahr eine Entspannung sehen. Viel Erfolg hängt etwa von den chinesisch-amerikanischen Zollgesprächen ab. Wir haben die Probleme zwar noch nicht gelöst, aber ich bin heute deutlich optimistischer als noch vor einem halben Jahr.

Technologisch steht Deutschland weltweit gesehen nach wie vor eher für klassische Industrien und nicht so sehr für Zukunftstrends. Trügt der Eindruck?

Altmaier: Hier aufzuholen, ist eine der Hauptherausforderungen. Wir haben es mit einer starken Beschleunigung der Innovationszyklen zu tun. Maßgeblich ist das getrieben durch Themen wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Da geht es aber nicht nur um Technologie, sondern auch um deren Finanzierung. Wir müssen in Deutschland für innovative Ideen und Geschäftsmodelle mehr Wagniskapital bereitstellen. Wenn heute eine smarte Firma eine größere Finanzierung braucht, kommt das Geld fast ausschließlich aus dem Ausland. Das führt dazu, dass diese Unternehmen ins Ausland abwandern oder von ausländischen Investoren übernommen werden.

Was also tun?

Altmaier: Wir können für inländische Geldgeber Bürokratie abbauen und die Regulatorik vereinfachen, aber der Löwenanteil des Geldes muss aus der Privatwirtschaft kommen.

Stehen gut Qualifizierte vor goldenen Jahren?

Altmaier: In Deutschland nimmt seit rund 30 Jahren die Zahl der gering qualifizierten Arbeitsplätze ab und jene der gut qualifizierten zu. Akademiker in MINT-Berufen, aber insbesondere auch Absolventen einer dualen Ausbildung oder Meister werden künftig auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen haben.

Wie steht die deutsche Industrie als Rückgrat der Wirtschaft generell da?

Altmaier: Die Bedeutung der Industrie hat in den letzten Jahren zugelegt. Der Anteil der Firmen an der deutschen Wertschöpfung liegt derzeit bei gut 22 Prozent und damit weit über den Werten der übrigen Länder in der EU. Das macht uns zu einer starken und robusten Volkswirtschaft. Aber auch in der Industrie digitalisieren sich die Produkte zusehends. Es gibt fast keine Maschine mehr, die ohne smarte Software auskommt. Immer mehr Anwendungen fußen auf Vernetzung mit dem Internet und künstlicher Intelligenz. Diesen technologischen Übergang müssen die Anbieter schneller hinbekommen.

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