STUTTGART

Deutsche Winzer entdecken Merlot & Co.

Vorliebe für Internationales: Winzer Fritz Keller mit „Merlot“-Reben im baden-württembergischen Weinbaugebiet Kaiserstuhl. Foto: Patrick Seeger, dpa

Tempranillo statt Trollinger, Merlot statt Müller-Thurgau: Deutsche Winzer setzen verstärkt auf internationale Rebsorten. Wegen des Klimawandels und der höheren Durchschnittstemperaturen ist deren Anbau mittlerweile in Deutschland möglich. Bei den Verbrauchern kommen die südländischen Sorten nach Darstellung der Winzer gut an, im Einzelhandel spielen sie aber auch angesichts ihrer geringen Gesamtmenge kaum eine Rolle. Die Flaschen gehen eher vor Ort im Hofverkauf oder in regionalen Läden über den Tisch.

Der Anteil der internationalen Rebsorten hierzulande ist mit etwa einem Prozent aller Weinberge in Deutschland noch gering, doch es geht aufwärts – beim Cabernet Franc (44 Hektar), Shiraz (57 Hektar) und Tempranillo (zehn Hektar) hat sich die Fläche von 2010 bis 2014 mindestens verdoppelt, wie aus Zahlen des Deutschen Weininstituts hervorgeht. Um jeweils 20 Prozent stieg die Anbaufläche beim Cabernet Sauvignon (auf 360 Hektar) und Merlot (auf 600 Hektar).

Beim Deutschen Weininstitut in Mainz sieht man das Thema internationale Rebsorten auch als Marketingmaßnahme. „Damit sendet ein deutscher Winzer die Botschaft, ich steche heraus aus der Masse“, sagt Institutssprecher Ernst Büscher. „Man zeigt Kompetenz und kann einen guten Preis verlangen.“ Grundsätzlich sieht Büscher den Anbau von Merlot, Tempranillo und Cabernet positiv – im Angesicht des Klimawandels würden wichtige Erfahrungen gesammelt. Sollte es irgendwann also deutlich zu warm werden für den Anbau etwa von Spätburgunder, hätte man erprobte Alternativen.

Heftig umstritten

Unter anderen Weinexperten wird das Thema durchaus hitzig debattiert. Im Kern geht es um die Frage, ob sich der Weinstandort Deutschland treu bleiben soll mit seinem Schwerpunkt auf eher leichte, fruchtige Weine, die auch in kühleren Regionen gut reifen. Dazu zählen etwa Spätburgunder in Baden, Trollinger in Württemberg oder Riesling in Rheinhessen und in der Pfalz. Oder ob man internationaler wird, eigene Merlot-Rotweine oder Cuvées – Mischweine – anbietet und somit in die direkte Konkurrenz etwa zu französischen Winzern tritt.

Langfristig werde die Internationalisierungsstrategie nicht aufgehen, glaubt die auf Weinbau spezialisierte Professorin Ruth Fleuchaus von der Hochschule Heilbronn. Zwar ergäben Merlot, Chardonnay und Cabernet Sauvignon hierzulande in Schönwetterjahren „durchaus auch passable Weine“. Doch Deutschlands Alleinstellungsmerkmal und Stärke sei nun mal Weißwein auf Spitzenniveau, sagt sie. Ein Merlot-Rotwein aus Deutschland hingegen sei „kein Differenzierungsmerkmal gegenüber anderen Weinbau treibenden Ländern“.

Ganz anderer Meinung ist Ulrich Maile, Chef der Lauffener Weingärtner. Sein 850 Hektar großer Betrieb bei Stuttgart hat auf zehn Hektar internationale Rebsorten angebaut – noch im Versuchsstadium, um deren Tauglichkeit zu testen. „Wir wollen mit diesen Sorten beweisen, dass unsere Standorte gut genug sind, um auf internationalem Niveau Weine erzeugen zu können“, sagt Maile. Er ist davon überzeugt, dass Merlot, Cabernet Franc, Tempranillo und Shiraz hierzulande eine große Zukunft haben.

Der verstärkte Anbau dieser Sorten in hervorragenden Lagen geschieht aus seiner Sicht auch aus wirtschaftlicher Vernunft. Wegen des Klimawandels würden etwa Trollinger-Trauben vier Wochen früher reif als noch vor 20 Jahren. Das hieße auch, dass die Flächen nach der nun frühen Weinlese lange ungenutzt blieben – „vier Wochen Toplagenpotenzial verschenkt man praktisch, vier Wochen, in denen noch tolle Trauben reifen könnten“, sagt Maile. Mit internationalen Rebsorten, die länger brauchen zum Reifen, könnte dieses Potenzial besser genutzt werden.

Vom Experiment zum Prestige

Nach Einschätzung von Maile wird die Umstellung im großen Stil auf Merlot & Co. aber noch lange dauern. Ein Weinberg könnte bis zu 40 Jahre gut genutzt werden. Schon nach 20 Jahren roden, um die neuen Rebstöcke anzupflanzen, mache keinen Sinn, zumal die Umstellung pro Hektar mit etwa 20 000 Euro sehr teuer sei.

Fast schon ein Veteran in Sachen „Merlot allemand“ ist der badische Winzer Fritz Keller. Schon vor einem Vierteljahrhundert begann er mit dem Anbau von Merlot und Cabernet Sauvignon auf seinem Gut am Kaiserstuhl. Warum? Zunächst war es ein Experiment, dann ging es auch ums Prestige. Gleich mehrfach habe er mit seinen Weinen Wettbewerbe und damit Aufmerksamkeit gewonnen, sagt er.

Doch Kellers Begeisterung hat Grenzen. Die Merlot-Qualität aus deutschem Anbau reiche nicht aus, um mit Weinen aus Regionen wie Bordeaux mithalten zu können, sagt er nüchtern. Daher setzt er auch weiterhin auf heimische Klassiker wie Spätburgunder und Grauburgunder. „Die haben noch Entwicklungspotenzial, mit denen kann man punkten auf internationalem Parkett.“

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