„Die Deutschen sparen zu viel“

Peter Bofinger Der Wirtschaftsweise aus Würzburg spricht im Interview mit dieser Zeitung über die Spar-Wut der Deutschen, die USA als Vorbild für Europa – und seine persönliche Zukunft.

Ein drückend heißer Tag im August. Peter Bofinger hat für ein sommerliches Interview zugesagt. Wir wollen über die Wirtschaftslage und den Stand der Krise reden, aber auch über die Person des Mannes, der seit über neun Jahren als Wirtschaftsweiser zu den wichtigsten Finanzexperten des Landes zählt – und in dieser Rolle auch als Repräsentant seiner Wahlheimat Würzburg auftritt. Wir treffen uns am Fuß des Käppele-Kreuzwegs. Sein Sakko lässt Peter Bofinger gleich im Auto.

Frage: Täuscht der Eindruck, oder ist auch die Krisendebatte derzeit in einer Art Sommerloch?

Bofinger: Die Frage ist doch: Sind wir mitten im Auge des Sturms – oder geht das so gemütlich weiter wie zuletzt. Wir haben derzeit tatsächlich eine sehr entspannte Diskussionslage. Und das erstaunlicherweise wenige Wochen vor der Bundestagswahl. Aber das liegt wohl auch an anderen Themen – wie etwa dem Abhörskandal – welche die Leute bewegen.

Vielleicht kann auch einfach keiner mehr das Thema Krise hören. Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, die in der Öffentlichkeit den Ausgangspunkt der Finanzkrise markiert, liegt ja nun schon fast fünf Jahre zurück.

Bofinger: Eigentlich haben wir schon über sechs Jahre Krise. Es ging ja Anfang August 2007 mit der Schieflage der deutschen IKB los. Ich kann mich da noch gut dran erinnern. Es war unglaublich schlechtes Wetter – und draußen gingen die Finanzmärkte unter.

War Ihnen da klar, was auf uns zukommt?

Bofinger: Eigentlich schon. Ich hab damals schon gesagt, dass das nicht nur ein Thema der USA bleiben wird. Das Erstaunliche aber war, dass die meisten überhaupt nicht erkannt haben, was da auf uns zukommt.

Peter Bofinger stockt und winkt, er hat Thomas Obermeier entdeckt, unseren Fotografen. Man kennt sich: Schließlich ist der Würzburger Professor seit über neun Jahren Wirtschaftsweiser, und in all diesen Jahren gab es so manchen Fototermin. Wir machen uns in der Mittagshitze an den Aufstieg. Die Sonne brennt, doch die Platanen auf den sieben Terrassen der 14 Kreuzwegstationen spenden erfrischenden Schatten. Es ist Punkt zwölf, oben am Käppele läuten die Glocken.

• Sind Sie eigentlich öfter hier?

Bofinger: Ja, ich komme gern mit Gästen hierher, das ist für mich einer der schönsten Plätze von Würzburg, ja von ganz Franken. Ich finde das ganze Ensemble mit Festung, Käppele und der Residenz unten in der Stadt immer noch sehr beeindruckend.

Sie sind jetzt schon ziemlich lang in Würzburg.

Bofinger: Im November 1991 habe ich vertretungsweise eine Professur übernommen. Und von meinem Büro an der Uni, das ich seit dieser Zeit habe, sieht man die Festung. Das hat mich vom ersten Tag an fasziniert.

Sie wohnen auch ganz in der Nähe der Festung.

Bofinger: Stimmt, ich geh' da auch gern spazieren. Da gibt es eine wunderschön gelegene Bank, von der man einen tollen Blick hat. Da sitz' ich dann, wenn ich mal Rentner bin.

Die einzige Bank, die Sie später interessieren könnte? Einige Ihrer Kollegen sind in die Finanzbranche gewechselt . . .

Bofinger: Ach nein, da zeichnet sich gar nichts ab. Ich finde es übrigens auch nicht so spannend, meine ganze Energie dafür einzusetzen, dass reiche Leute noch reicher werden. Das sollte nicht oberstes Ziel meiner Arbeit sein.

Was ist das Ziel Ihrer jetzigen Arbeit?

Bofinger: Ich würde sagen, an einer guten Wirtschaftspolitik für Deutschland mitzuwirken. Das ist eine spannende Aufgabe. Und da geht es darum, nach bestem Wissen und Gewissen die Lage zu analysieren und zu überlegen, was die beste Lösung ist.

Was ist im Moment eigentlich Ihr Hauptjob?

Bofinger: Die Arbeit als Professor. Aber auch als Wirtschaftsweiser hat man einiges zu tun, das hat da halt eine stark saisonale Komponente: Wir fangen jetzt mit der Arbeit am Herbstgutachten an, das wir im November übergeben.

Höchstwahrscheinlich der alten und neuen Kanzlerin Angela Merkel, oder?

Bofinger: Was soll ich dazu sagen. Die Umfragewerte sprechen da eine relativ klare Sprache. Aber man weiß nie, was noch passiert.

Es gibt Leute, die sagen, dass die Politik vor der Bundestagswahl das Thema Krise klein hält – und dass die Wähler erst nach dem 22. September die ganze Wahrheit zu hören bekommen.

Bofinger: Was ist die ganze Wahrheit? Ich sehe das größte Problem im Augenblick im Siechtum der Länder in Südeuropa. Wir hatten da ja Phasen, in denen der Notarzt ständig unterwegs war und ständig Rettungsgipfel waren, das war natürlich spektakulär. Was wir derzeit haben, ist eher so eine schleichende Krankheit – und das finde ich sehr beunruhigend. Etwa, dass sich die Spanier freuen, dass ihre Wirtschaft nur um 0,1 Prozent geschrumpft ist. Das hilft uns nicht weiter.

Was heißt das alles jetzt für Deutschland?

Bofinger: Eine Menge, denn wenn es in Europa nicht läuft, dann läuft das auch bei uns auf Dauer nicht gut. Die Idee, dass wir uns bei unseren Exporten auf China und Co. verlassen können, die halte ich für gefährlich. Die Zeiten, in denen man in China das Wachstum mit immer neuen Investitionen künstlich angeheizt hat, die dürften vorbei sein. Der China-Boom ist vorbei, nur nehmen das viele Leute bei uns gar nicht so wahr.

Wir sind mittlerweile oben am Käppele angekommen – und doch ein wenig ins Schwitzen geraten. Im Schatten der Kirche ruhen wir uns kurz aus, bevor Thomas Obermeier zu seinem Recht kommt und Bofinger vor dem Panorama der Stadt fotografieren kann. •

Wenn Sie mit Gästen an Plätze wie diesen kommen, dann wird aber nicht über Krise und Konjunktur gesprochen, oder?

Bofinger: In der Regel versuche ich, nicht darüber zu reden. Ich finde es auch ein wenig lästig, wenn jemand wissen will, wie es mit dem Euro weitergeht. Ich bin übrigens auch kein guter Anlageberater, muss ich sagen. Da habe ich manchem Anleger einiges erspart, indem ich mich dazu nicht äußere.

Sie stehen schon gern mal auf einem Aussichtspunkt oder gar Gipfel, so als Bergsteiger, oder?

Bofinger: Na ja, sagen wir Bergwanderer.

Warum so bescheiden? Sie stoßen in enorme Höhen vor, waren schon auf mehreren 4000ern.

Bofinger: Ja, aber wir nehmen da schon mal einen Bergführer, etwa wenn es auf einen Gletscher geht. Und auch das sind dann aber schon eher die leichten Gipfel.

Woher kommt, wenn man in Pforzheim aufgewachsen ist, diese Liebe zu den Bergen?

Bofinger: Ich hab' da einfach Freunde gefunden, die das aktiv gemacht haben. Leider habe ich aber doch ein bisschen zu spät angefangen. Dass merk' ich immer dann, wenn es an etwas ausgesetztere Passagen geht.

Apropos Berge: Waren Sie schon mal da unten am Würzburger Stadtstrand?

Bofinger: Ja, da gehe ich immer mit Bloomberg (einer großen US-Nachrichtenagentur) hin. Die schicken immer ein Auto mit Satellitenschüssel. Dann zeige ich denen vom Strand aus den Blick auf Main und Festung. Das sieht schon gut aus. Und die mögen das.

Sind eben Amerikaner. Haben die USA eigentlich die Krise besser bewältigt als wir in Europa?

Bofinger: Ja, eindeutig. Das Problem ist, dass Europa nicht so konsequent reagiert hat beziehungsweise reagieren konnte, wie die USA. Nehmen wir die Arbeitslosenquote, die ist in den USA derzeit bei 7,4 in der Eurozone bei 12,2 Prozent. Vor ein paar Jahren lagen die noch gleich, bei jeweils etwa zehn Prozent. Die Amerikaner haben das Zwei- oder Dreifache an Fiskaldefizit gemacht, die Notenbank hat die Wirtschaft geradezu mit Liquidität geflutet.

Aber geht es nicht vor allem darum, endlich mit dem Schuldenmachen aufzuhören?

Bofinger: Das ist eine falsche Sichtweise. Es gab bis 2007 Teile der Welt, wo der Privatsektor massiv über seine Verhältnisse gelebt hat, etwa die USA, Spanien oder Griechenland. Seit der Lehman-Pleite sparen Unternehmen wie private Haushalte Geld, und das in einem gigantischen Maß – und das bremst die Wirtschaft massiv. Und daher versuchen die Staaten jetzt mit riesigen Defiziten dieses Nachfrageloch zu stopfen.

Ist für den Laien schwer zu verstehen.

Bofinger: Nehmen wir die schwäbische Hausfrau. Wenn die zu Hause merkt, dass ihre Haushaltskasse in die Miesen rutscht, dann kommt sie mit schlichtem Sparen ganz schnell wieder aus den roten Zahlen raus. Einfach, weil in der Regel ihre Einnahmen unabhängig vom Sparkurs sind und daher auch gleichbleiben. Das funktioniert in einer Volkswirtschaft aber so nicht. Wenn Staaten sparen, bremst das die Wirtschaft, und die Steuereinnahmen brechen ein. Am Ende kann so die Verschuldung noch zunehmen.

Wie wär' denn der deutsche Weg aus der Krise?

Bofinger: Das Grundproblem ist, dass wir uns in Deutschland keine Gedanken machen, wie wir Wachstum pushen können. Wir verlassen uns einfach darauf, dass uns die anderen mitziehen, indem sie unsere Produkte kaufen. Die eigene Dynamik fehlt. Wir geben zu wenig von dem Geld, was wir ja einnehmen, wieder aus. Wobei ausgeben jetzt nicht unbedingt konsumieren bedeutet, das heißt vor allem investieren. Doch die Unternehmen halten sich derzeit extrem zurück und warten lieber ab: Die Investitionsneigung ist so niedrig wie kurz nach der Lehman-Pleite.

Immerhin ist die Konsumlaune der Verbraucher intakt – wohl auch, weil es so wenig Zinsen gibt.

Bofinger: Ach ja, die niedrigen Zinsen! Es heißt da ja immer, dass EZB-Präsident Mario Draghi der Bösewicht ist, mit seiner Politik des billigen Geldes. Aber das stimmt gar nicht. Die Höhe der langfristigen Zinsen spiegelt schlicht die Bereitschaft zum Geldsparen auf der einen Seite und die Bereitschaft zum Investieren auf der anderen Seite wider. Und es wird wahnsinnig viel Geld gespart: Pro Jahr sparen die Deutschen 180 Milliarden Euro netto. Im Gegensatz dazu wird sehr wenig investiert – genau daraus resultieren die niedrigen Zinsen.

Gerade der berühmte „kleine Mann auf der Straße“, der hat aber derzeit das Gefühl, er zahlt doppel: als Steuerzahler – und als Sparer.

Bofinger: Das stimmt so nicht. Denn der Steuerzahler, der spart ja Geld. Die niedrigen Zinsen entlasten den deutschen Staat im Moment mit etwa 20 Milliarden Euro im Jahr. Das ist schon gewaltig. Der Sparer ist allerdings in der Tat ein Problem. Aber das liegt eben vor allem daran, dass die Deutschen zu viel sparen – und zu wenig investieren.

Peter Bofinger

Seit März 2004 ist Peter Bofinger Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung und damit einer der fünf Wirtschaftsweisen. Der gebürtige Pforzheimer übernahm 1991 den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Bofinger gilt als streitbarer Vertreter seiner Thesen. Auch als Autor macht der 58-Jährige von sich reden – etwa mit dem im vergangenen Herbst erschienenen Buch „Zurück zur D-Mark? Deutschland braucht den Euro“.

Das Interview fand auf dem Käppele über den Dächern Würzburgs statt. Die von Barockbaumeister Balthasar Neumann gestaltet Wallfahrtskirche zählt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Text: md

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