BRÜSSEL

Die Nacht, in der Europa reicher wird

Plötzlich reich: EU-Statistiker bereiten eine neue Methode zur Berechnung des Bruttoinlandsproduktes und der Staatsschulden vor.DPA
Plötzlich reich: EU-Statistiker bereiten eine neue Methode zur Berechnung des Bruttoinlandsproduktes und der Staatsschulden vor.DPA Foto: Foto:

Dieser 1. September 2014 ist der Traum jedes Finanzministers. Pünktlich um Mitternacht werden die meisten Euro-Staaten schlagartig reicher – einige sogar um bis zu fünf Prozent. Der überaus angenehme Nebeneffekt: Auch der Schuldenstand sinkt. Hintergrund der wundersamen Etat-Gesundung ist aber nicht die Wirkung eines der vielen Anti-Krisen-Instrumente der Währungsunion oder gar der Sparappelle, sondern eine Veränderung der amtlichen Statistik.

EU setzt neuen Standard um

Nicht nur die oberste Zahlenbehörde der EU, Eurostat, sondern auch die nationalen Ämter stellen an diesem Tag um. Bisher wurde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf der Grundlage des sogenannten „ESA 1995“ errechnet. Nun kommt „ESA 2010“ zum Zug – ESA steht für European System of Accounts, Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Es soll der veränderten Lage in der Wirtschaft Rechnung tragen.

Dabei handelt es sich um einen internationalen Standard nach den Vorgaben der Vereinten Nationen, den die EU nun erst umsetzt. Die USA haben die neuen Berechnungskriterien bereits 2013 eingeführt und wurden dadurch über Nacht immerhin drei Prozent reicher. Gleichzeitig ging der Schuldenstand um zwei Prozent zurück. Ähnlich erfreulich wird die neue Rechnung auch für die Europäer ausfallen.

Deutschland wird reicher

So schnellt das finnische BIP um runde fünf Prozent nach oben, Deutschland dürfte um gut drei Prozent wohlhabender werden – das sind in Zahlen rund 82 Milliarden Euro. Die Niederlande und Österreich legen um bis zu vier Prozent zu, Frankreich um drei, Italien, Spanien, Portugal und Irland um immerhin noch zwei Prozent. Für Griechenland gibt es bisher keine Angaben.

Die Statistiker in Wiesbaden und Brüssel weisen jeden Verdacht, hier handele es sich um einen Trick, weit von sich. Tatsächlich dient die neue Berechnung dazu, die veränderte Wirtschaftslage genauer widerzuspiegeln. Wurden bisher die Kosten für Forschung und Entwicklung als Vorleistungen verbucht, gelten sie künftig als Investitionen, die somit den Kapitalstock erhöhen.

Rüstungsgüter sind Investitionen

Eine Einordnung, die noch einen anderen Nebeneffekt hat: Rüstungsgüter gelten künftig ebenfalls als „Investitionen“ und Beiträge zur „Kapitalbildung“ – „ungeachtet ihres destruktiven Potenzials“, wie Eurostat in einem offiziellen Papier über „ESA 2010“ zynisch anmerkt. Produkte, die in einem anderen Land weiter verarbeitet werden, erfasst der neue Standard ebenfalls mit ihrem höheren Wert. Außerdem fließen die Pensionsrückstellungen der Unternehmen stärker ein.

Da die Wirtschaftsleistung also steigt, sinkt der Schuldenstand. So wird Deutschland nach der neuen Rechnung nicht mehr mit rund 80 Prozent am BIP verschuldet sein, sondern bei etwa 76 Prozent liegen. 60 Prozent sind laut EU-Vorgabe erlaubt. Italien rutscht von 133,6 auf 131 Prozent.

Deutliche Veränderungen

Am deutlichsten fallen die Veränderungen für Großbritannien aus: Die Insel wird künftig nicht mehr mit 90, Prozent Schuldenstand geführt, sondern nur noch mit 86,6 Prozent Anteil an der Wirtschaftsleistung. Gute Nachrichten gibt es auch für Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici: Paris hat nämlich von einem Tag auf den anderen wieder einen stabilen Haushalt.

Die Neuverschuldung sinkt unter die Drei-Prozent-Hürde. Selbst erfahrene Volkswirte sehen diese Entwicklung nicht ohne Sarkasmus und erinnern gerne an den Satz, den Studenten schon im Grundstudium lernen: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

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