KITZINGEN

Digital hin oder her: Wo der Banker unersetzbar bleibt

Das Smartphone wird zur Bank: Was Fintech-Apps können
Bankgeschäfte lassen sich mittlerweile auch schon mit dem Smartphone regeln. Was zeigt: Die Digitalisierung verändert die Bankenbranche enorm - und mit ihr den Beruf des Bankers. Foto: Franziska Gabbert, dpa

Rainer Spiegel überblickt von der Treppe aus den Eingangsbereich der VR Bank Kitzingen. Der Finanzplaner ruft sich vor Augen, wie die Bank in seiner Anfangszeit ausgesehen hat: An drei Arbeitsplätzen berät je ein Mitarbeiter die Laufkundschaft, damals seien es mindestens doppelt so viele Ansprechpartner gewesen wie heute.

Immer noch Kunden in der Bank unterwegs

Von Kasse und Empfang ist mittlerweile keine Spur mehr. Trotzdem tummeln sich heute noch Kunden in der Genossenschaftsbank. „Das liegt daran, dass es die Hauptstelle ist“, erklärt Spiegel. In den vergangenen Jahren hat sich nicht nur der Eingangsbereich der Bank geändert. Auch Spiegels Beruf als Finanzplaner erlebt einen Umbruch. Verantwortlich dafür ist die Digitalisierung.

„Mittlerweile muss man fast IT-Fachmann sein“, urteilt der 46-Jährige aus dem Kitzinger Stadtteil Sickershausen über die neuen Anforderungen, die an ihn und seine Kollegen gestellt werden. „Das ist nun mal so.“ Spiegel zuckt mit den Schultern und grinst. Sein Job habe sich nicht grundlegend geändert, aber die Umstände: weniger Filialen, weniger Personal, digitalisierte Prozesse.

Trotz digital: Kundenbeziehung ist wichtig

Nach wie vor berät Spiegel Kunden. Die meisten kommen zu einem persönlichen Gespräch in sein Büro. Die Kundenbeziehung steht für ihn und die VR Bank Kitzingen im Vordergrund – trotz digitalem Wandel.

Bankkaufmann wollte Spiegel schon immer werden. Er war gut in Mathe und interessierte sich für Geld. „Damals war das ein ehrenwerter Beruf. Er hatte ein ganz anderes Ansehen als heute“, erinnert sich der Finanzplaner.

Auch zeitliche Flexibilität gefragt

Während der Lehre vor 28 Jahren wurde Spiegel häufig am Schalter eingesetzt. Und das aus gutem Grund: „Ich kann gut mit Kunden umgehen, das ist meine Stärke.“ Das kommt ihm heute zugute, denn es werde eine immer höhere Sozialkompetenz gefordert.

Und mehr zeitliche Flexibilität: Fünfmal die Woche kommt der Familienvater zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause. Für ihn ist das selbstverständlich: „Wenn man in der Beratung ist, muss man sich danach richten, wie der Kunde Zeit hat.“

Der Kunde soll mehr selbst machen

Beruflich fallen in Spiegels Terminkalender dank Digitalisierung ein paar Standardaufgaben weg. Denn nicht nur der Bankangestellte muss sich verändern, sondern auch seine Kunden. „Wir wünschen uns, dass Kunden viel mehr selbst machen“, verrät Spiegel. Sie können online Kredite anfordern, Termine vereinbaren oder sich über die Produkte und Verbundunternehmen informieren.

Allerdings sei es schwierig, Jung und Alt unter einen Hut zu bekommen. „Auf bestehende Kunden zu achten, aber sich gleichzeitig für die Zukunft auszurichten ist eine Herausforderung“, sagt Spiegel. Die ältere Generation lasse sich nicht leicht für Online-Lösungen begeistern, während junge Menschen nicht mehr dazu bereit seien, für Dienstleistungen der Bankberater zu bezahlen.

Bald geht alles nur noch online

Bald sollen nahezu alle Abläufe übers Online-Banking abgehandelt werden. Kontoauszüge landen dann beispielsweise im elektronischen Postfach. So können Drucker und Papier für Kontoauszüge eingespart werden.

Finanzplaner Spiegel hat zu seiner Anfangszeit Kontoauszüge noch mit der Hand sortiert. Auch der Ablauf einer Überweisung hat sich geändert. „Überweisungen haben damals sieben oder acht Tage gedauert“, erinnert sich Spiegel. Das ist heute unvorstellbar.

Bald kommt auch Instant Payment

Instant Payment sorge mittlerweile dafür, dass eine Überweisung binnen Sekunden abgewickelt wird. Das ist in der VR Bank Kitzingen aktuell noch Zukunftsmusik. „In ein paar Monaten wird das auch bei uns eingeführt“, sagt der Finanzplaner.

Der Fokus liegt auf der Kundennähe. Wenn es um wesentliche Dinge wie zum Beispiel Baufinanzierung geht, sei eine persönliche Kundenberatung immer stärker gefragt. Seine Kunden kommen dafür in Spiegels Büro in der ersten Etage, in dem er seit 2015 als Finanzplaner sitzt. Darauf setzen Spiegel und seine Kollegen: „Wir möchten die Beratung stärken.“

Wie das der Bankenverband sieht

Diese Notwendigkeit sieht auch der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Neben dem persönlichen Kundengespräch bauen die VR-Banken die digitalen Zugangswege zur Bank aus. „Wir müssen Kundennähe neu definieren, denn auch die Bank in der Hosentasche kann Nähe bedeuten“, schildert der Verbandssprecher Steffen Steudel mit Blick auf die Nutzung von Smartphones.

Eine Beratung über Videochat zum Beispiel hat sich in der VR Bank Kitzingen noch nicht etabliert. Allerdings seien Videochats bei anderen Banken bereits im Einsatz, sagt Steudel. Ihre Zahl werde weiter steigen.

Banker-Beruf wird sich weiter ändern

Dass sich das Berufsbild des Bankberaters auch in Zukunft wandeln wird, weiß Verbandssprecher Steudel. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Automatisierung würden den Beruf weiter verändern. Daran müssen sich Berater immer aufs Neue anpassen. „Veränderungskompetenz ist und bleibt ein wichtiger Erfolgsfaktor“, meint Steudel.

Das ist Spiegel klar: „Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss mich gemeinsam mit meinen Kunden verändern.“ Dazu gehört auch, sich der neuen Konkurrenz zu stellen, die durch die Digitalisierung entstanden ist: Fintechs, Direktbanken, Robo-Advisors. Spiegel spekuliert, dass sich diese Themen in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiter etablieren werden. „Die Frage ist, ob der Otto-Normal-Verbraucher so was benötigt“, sagt Spiegel und bleibt zuversichtlich: „Ganz ersetzt werden können wir Bankberater letztendlich nicht.“

Unsere Serie „Arbeitswelten der Zukunft“ zeigt anhand vieler Beispiele aus der Region, wie sich die Digitalisierung auf Berufe und Unternehmen ausgewirkt hat – oder noch auswirken wird. Alle Beiträge zur Serie finden Sie auf

www.mainpost.de

Nächste Folge: Hörgeräteakustiker.

Banken und Digitalisierung

Wickelten 2008 noch 36 Prozent der Kunden in Deutschland ihre Bankgeschäfte online ab, sind es 2018 50 Prozent. Diese Zahlen des Fachportals Statista zeigen: Computer und Smartphone sind längst die Kollegen des klassischen Bankangestellten geworden. Hinzu kommen Kryptowährungen wie Bitcoin: Ihnen wird nachgesagt, dass sie klassische Banken überflüssig machen könnten, weil die Wertetransfers direkt zwischen den Nutzern laufen – also an Vermittlern wie Banken vorbei. Unterm Strich gehört das Finanzwesen nach Ansicht des Branchenverbandes Bitkom zu jenen Wirtschaftsbereichen, die von der Digitalisierung am stärksten verändert werden. (aug)
Bekommt den digitalen Wandel in seiner Branche zu spüren: Finanzplaner Rainer Spiegel von der VR-Bank Kitzingen. Foto: Claudio Höll

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