BRÜSSEL

EU nimmt Biobauern ins Visier

Aufgespießt:  Die EU-Kommission will Bioprodukte künftig strenger kontrollieren.
Aufgespießt: Die EU-Kommission will Bioprodukte künftig strenger kontrollieren. Foto: Thinkstock

Wenn Kunden beim Einkaufen zu „bio“ greifen, zählt Vertrauen. Denn ökologisch erzeugte Lebensmittel kosten mehr als herkömmliche. Und Verbraucher wollen sicher sein, dass wirklich drin ist, was Siegel auf der Verpackung versprechen. Wie sensibel die Frage ist, zeigte sich gerade wieder in Mecklenburg-Vorpommern, als erneut Zweifel an Bio-Eiern aufkamen. Die Rechtsvorgaben für Europas Öko-Erzeuger will die EU-Kommission jetzt neu fassen.

Warum soll es neue EU-Bio-Regeln geben?

Weil „bio“ boomt und auch Schwarze Schafe anlockt. Der Europäische Rechnungshof hat 2012 die Kontrollen im Ökolandbau kritisiert und bemängelt, dass vor allem bei Verarbeitung und Vertrieb gemauschelt werde. „Es hat Fälle von Betrug mit Hunderttausenden Tonnen (Lebensmitteln) gegeben“, sagt EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos. „Die Versuchung ist sehr groß, mit Betrug auf die erhöhte Nachfrage zu reagieren.“ Die Kommission will aus der Gründerzeit der Biobewegung stammende EU-Regeln ans heutige Geschäft anpassen.

Was schlägt die EU-Kommission genau vor?

Geplant sind schärfere Vorgaben und strengere Kontrollen für die Ökobranche. Brüssel will die Zahl der Ausnahmen reduzieren. Bislang dürfen Biobauern etwa auch konventionelles Futter oder Saatgut verwenden, wenn es kein entsprechendes Bioangebot gibt. Erwogen werden auch strengere Grenzwerte für Verunreinigungen durch Pestizide oder gentechnisch veränderte Produkte. Zudem sollen alle Bioprodukte strengerer Kontrolle unterliegen – vom Anbau bis zum Laden.

Wie werden Bioprodukte überhaupt kontrolliert?

Für den Biomarkt gibt es in Deutschland ein Netz aus 18 privaten Kontrollstellen. Zugelassen und überwacht werden sie von den Ländern, die für Lebensmittelsicherheit zuständig sind. Biohöfe schließen mit diesen Stellen Verträge und verpflichten sich auf die Einhaltung der Vorschriften. Mindestens einmal im Jahr stehen Prüfungen bei Bauern, Verarbeitern und Importeuren an. An diesem System wird immer wieder Kritik laut. Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) mahnte erneut ein bundesweit einheitliches Vorgehen an.

Was sagen deutsche Bioproduzenten zu den Plänen?

Die Ökobranche warnt davor, das EU-Regelwerk komplett umzuschreiben und abrupt zu verändern. Viele Höfe hätten zum Beispiel erst in neue tiergerechte Ställe investiert, argumentierte der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Der Öko-Beauftragte des Bauernverbands, Heinrich Graf von Bassewitz, mahnte, Vorgaben wie „100 Prozent“ bio im Endprodukt seien unrealistisch. So könne Dioxin aus dem Verkehr über die Luft ins Gras kommen, das Tiere fressen. Der Bundesverband Naturkost Naturwaren befürchtet, der Ökoanbau könnte sogar zugunsten konventioneller Produktion mit allen Problemen zurückgedrängt werden.

Wie wichtig ist der Biomarkt inzwischen?

Die Nachfrage nach Bioprodukten wächst insgesamt stärker als die Flächen. Laut EU-Kommission vervierfachte sich der Markt für Öko-Erzeugnisse in den vergangenen zehn Jahren, die landwirtschaftlichen Flächen verdoppelt sich aber nur. In Deutschland vergrößerte sich der Anteil der biologisch bewirtschafteten Felder 2012 noch um 0,1 Punkte auf 6,2 Prozent der gesamten Ackerfläche. In den Geschäften legte der bundesweite Umsatz mit Biolebensmitteln dagegen 2013 um 7,2 Prozent auf mehr als 7,5 Milliarden Euro zu – auch wegen höherer Preise.

Wie geht es mit den EU-Plänen weiter?

An diesem Dienstag will EU-Kommissar Ciolos seine Pläne vorstellen. Das Konzept wird nur Gesetz, wenn Europaparlament und EU-Ministerrat zustimmen. Aus dem Parlament gibt es schon Kritik: Grüne und Anbauer bemängeln eine Verschärfung der Regeln. Und auch der deutsche Agrarminister Christian Schmidt (CSU) will eine moderate Reform: „Da gilt, dass wir den Biobauern nicht durch eine überbordende bürokratische Regelung die Lust an der Ökoproduktion vergällen wollen.“

Betrugsverdacht um Bio-Eier: Was erlaubt ist, und was nicht

Verdacht: Nach einem Medienbericht über Betrug mit Öko-Eiern hat die in Verdacht geratene Erzeugergemeinschaft Fürstenhof GmbH in Finkenthal in Mecklenburg-Vorpommern die Vorwürfe zurückgewiesen. Einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zufolge liefert die Erzeugergemeinschaft gut 80 Millionen Bio-Eier im Jahr und ist damit einer der größten Öko-Erzeuger Deutschlands. Ein Teil der Ware soll illegal als Öko-Eier in den Handel gelangt sein. Die Auswertung von Luftbildern einiger Höfe hatten Zweifel daran aufkommen lassen, dass die Hühner in Ökohaltung ausreichend Platz haben. Die Ermittlungen gegen drei Produzenten mit insgesamt vier Standorten könnten nach Angaben der Staatsanwaltschaft Rostock in Kürze abgeschlossen sein.

Justiz ermittelt: Es gehe um den Vorwurf, dass die Legehennen zu geringen Auslauf hatten. Am Sonntag hatte die Staatsanwaltschaft bekanntgegeben, in vier Fällen zu ermitteln. Wenn ein Huhn weniger als vier Quadratmeter Auslauf habe, dürften die Eier nur mit dem Herkunftszertifikat „Bodenhaltung“ verkauft werden, nicht aber als „Bio-Eier“.

Eier gehören zu den am stärksten nachgefragten Bio-Produkten. Ob ein Ei nach ökologischen Kriterien produziert wurde, hängt unter anderem von Futter, Haltung und Belegdichte im Stall ab. Die Hennen müssen Auslauf ins Freie haben (mindestens vier Quadratmeter pro Tier) und mit ökologisch erzeugtem Futter ernährt werden. Gentechnisch veränderte Futtermittel sind untersagt. Auch Käfighaltung ist tabu. Dafür gehören viel Tageslicht, Sandbäder und Scharrflächen zum Standard. Auf einem Quadratmeter Fläche leben höchstens sechs Bio-Hennen, maximal 3000 pro Stall.

Zum Vergleich: Im konventionellen Bereich dürfen bis zu zwölf Tiere pro Quadratmeter gehalten werden. Was im ökologischen Landbau erlaubt ist, regeln die EG-Rechtsvorschriften. Bio-Eier legt in Deutschland fast jede zwölfte Henne. Die Zahl der ökologisch gehaltenen Tiere habe sich zwischen 2007 und Ende 2013 auf knapp 3,3 Millionen mehr als verdoppelt, berichtete das Statistische Bundesamt. Rund 7,3 Prozent der in Deutschland produzierten Eier stammten 2012 aus Bio-Betrieben. tEXT/FOTO: dpa

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