SCHWEINFURT/BAD NEUSTADT/KITZINGEN

Elektromobilität: Mainfrankens Unternehmen unter Strom

Städte setzen auf E-Autos
Elektroautos haben eine große Zukunft, sagen Fachleute. In Mainfranken ist bereits eine Reihe von Unternehmen auf diesen Zug aufgesprungen. Foto: Sebastian Gollnow, dpa

Wie wir in Zukunft Auto fahren, ist Experten längst klar: Wir teilen uns einen Wagen mit anderen. Oder wir fahren ohne Fahrer. Oder wir fahren mit Strom. Oder alles zusammen. Car-Sharing, autonomes Fahren und Elektromobilität lauten die Schlagworte in aller Munde. Vor allem in der Wirtschaft: Unternehmen sind reihenweise auf den Zug der neuen Fortbewegung aufgesprungen, Branchen sind im Umbruch – was sich in vielfältiger Weise auch in Mainfranken beobachten lässt.

Ein stattlicher Fisch im Teich ist der traditionsreiche Autozulieferer ZF in Schweinfurt, früher auch unter dem Namen Sachs bekannt. Der mit gut 9000 Beschäftigten größte Arbeitgeber der Industriestadt spielt im weltweit aktiven ZF-Konzern bei der E-Mobilität eine zentrale Rolle. Denn in Schweinfurt steht eine von sieben Säulen des Unternehmens, „Divisions“ genannt. Im engeren Sinn 750, im weiteren Sinn 2000 Mitarbeiter sind nach Firmenangaben in der Division E-Mobility mit der „Elektrifizierung des Antriebsstranges“ und damit mit der Fortbewegung von morgen befasst.

Von Schweinfurt in die ZF-Welt

Weil das Thema in so viele Unternehmensbereiche strahle, sei es schlecht zu fassen. So komme die große Spanne zwischen 750 und 2000 Mitarbeitern zustande, teilte ZF in Schweinfurt mit. Denn die Division beschäftige sich von Mikromobilität über E-Baumaschinen bis hin zu E-Autos und E-Mobilität in der Landwirtschaft mit so ziemlich allen Aspekten. Weltweit seien es gar 5000 der 138 000 Beschäftigten, die mit der Division E-Mobility und damit mit Schweinfurt zusammenhängen.

ZF sei schon 1994 in die Elektromobilität eingestiegen, sagte Alexander Gehring kürzlich beim Schweinfurter Forum „Denker treffen Lenker“ der Region Mainfranken GmbH. Gehring ist bei ZF der Leiter der Abteilung Entwicklung elektrischer Antriebe. Mittlerweile liefere das Unternehmen Elektromotoren an große Hersteller wie Daimler, BMW und Volvo. Ab 2018 kommen laut Gehring elektrische Achsen hinzu plus Module für Hybride, also Autos mit Elektro- und Verbrennungsmotor in einem. Diese Hybride seien generell eine Übergangslösung, die den Weg zum lupenreinen Elektroantrieb ebnen sollen. ZF arbeite im Übrigen längst auch am autonomen Fahren, sagte Gehring.

Welchen Stellenwert die E-Mobilität generell hat

ZF in Schweinfurt ist ein Paradebeispiel dafür, wie intensiv sich mittlerweile die Elektromobilität in den Betrieben Mainfrankens ausgebreitet hat. Auch die Schaeffler AG (Herzogenaurach/Schweinfurt) muss man dazuzählen: Vorstandschef Klaus Rosenfeld hatte im April auf der Hauptversammlung der Aktionäre verkündet, dass sein Unternehmen neben Industrie 4.0 und Digitalisierung die E-Mobilität als das zentrale Thema für die Zukunft ansehe. Wie viel Umsatz die mainfränkischen Zulieferer insgesamt mit der Elektromobilität machen, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen.

Dass die Autos von morgen die Industrie auf den Kopf gestellt haben, machte Stefan Bratzel auf dem Forum „Denker treffen Lenker“ klar. Der Chef der Forschungseinrichtung Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach wies darauf hin, dass etwa in Deutschland, England, Frankreich und Belgien die Zulassungen von Dieselautos um bis zu 30 Prozent in den vergangenen fünf Jahren zurückgegangen seien. Hinzu komme, dass immer mehr Staaten – allen voran China – den Verbrennungsmotor zumindest aus den Städten verbannen wollen.

Andererseits sei der Marktanteil von E-Autos zwischen 1,4 in Deutschland und 2,0 Prozent in China immer noch ein Zwerg. Das sei „eine recht ernüchternde Bilanz der E-Mobilität“.

Experte sagt: Zahl der Jobs in der Autoindustrie wird kleiner

Noch. Denn Autoforscher Bratzel rechnet damit, dass die Batteriepreise weiter sinken, die Reichweite der E-Autos weiter steigt und die Attraktivität dieser Fahrzeuge deshalb „ab 2020“ stark zunehmen wird. Zwar werden Bratzel zufolge von 2030 an die Hersteller und Zulieferer in der deutschen Automobilindustrie 26 Prozent weniger Beschäftigte als heute haben, weil Elektroautos nicht so komplex wie Verbrenner seien und deshalb weniger Arbeitskräfte gebraucht würden. Aber es ist zu erwarten, dass dann immer noch genügend Krümel vom großen Kuchen auch für Unternehmen in der Region abfallen - allein schon, wenn man betrachtet, dass US-Vorreiter Tesla den Umsatz im zweiten Quartal des Jahres um 120 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesteigert hat.

Krümel vom großen Kuchen fallen auch nach Mainfranken

Derlei Krümel bekommt zum Beispiel die Preh GmbH in Bad Neustadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) ab. Man liefere bereits an E-Auto-Hersteller Tesla, sagte Joachim Wagner, Abteilungsleiter für Produktmanagement und Entwicklung im Bereich E-Mobilität in dem 1919 gegründeten Unternehmen. Zu den Preh-Produkten gehören in diesem Zusammenhang Geräte, die Spannung, Temperatur, Ladezustand und Alterung von Batterien messen. Auch arbeite Preh an induktiven Ladesystemen für Autos, so Wagner. Das sind Bodenplatten unter geparkten Elektroautos, die deren Batterien induktiv – also ohne Kabel – aufladen. Wagner rechnet damit, dass Preh diese „Vehicle Pads“ bis 2021 zur Marktreife bringt. Den Sektor wolle Preh „sukzessive ausbauen“.

Auch die Brose-Gruppe in Coburg ist im Zusammenhang mit Elektromobilität zu nennen.

Der weltweite Automobilzulieferer hat seinem Werk in Würzburg die Hauptrolle gegeben, wenn es darum geht, Technologien für die Elektromobilität und für das autonome Fahren zu entwickeln. Die Hälfte der aus Würzburg kommenden Brose-Produkte hänge schon heute mit dem Fahren von morgen zusammen, sagte im Sommer der Geschäftsführer Motoren, Reinhard Kretschmer. Oder Franken Guss in Kitzingen: Dort wird untersucht, wie der Alu- und Eisenguss so verbessert werden kann, dass er für die leichten E-Autos passt. Dabei nimmt sich das Unternehmen die Natur zum Vorbild: Der Aufbau von Knochen oder Bienenwaben fließe in die Formgebung beim Gießen ein, erklärten die Firmenvertreter Achim Keidies und Wolfgang Knothe beim Forum „Denker treffen Lenker“.

Bad Neustadt hat einen großen Namen

Spricht man in der Region von E-Autos, dann richten sich die Blicke schnell nach Bad Neustadt – nicht nur wegen Preh. Die Kommune wurde 2010 von der Staatsregierung zu ersten Modellstadt in Bayern für E-Mobilität ausgerufen, um das Thema voranzubringen. Nicht zuletzt die jährliche Elektromobilitätsmesse als eine der größten Ausstellungen ihrer Art in Deutschland hat Bad Neustadt zu einer Top-Adresse in dieser Hinsicht gemacht.

Vieles rund um Forschung und Entwicklung bündelt sich im TTZ-EMO, wie das Technologietransferzentrum Elektromobilität der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt genannt wird. Dieses Institut mit 40 Beschäftigten ist in Bad Neustadt in der Jakob-Preh-Berufsschule untergebracht und arbeitet nach eigener Darstellung eng mit Unternehmen aller Art in der Region zusammen, wenn es zum Beispiel um Batterien, elektrische Maschinen oder Regelungstechnik geht.

Autofirmen fragen vermehrt beim TTZ nach

Nach den Worten von TTZ-Leiter Ansgar Ackva herrscht auch in Mainfranken viel Aufregung unter den Automobilzuliefern mit Blick auf die E-Mobilität. Zu erkennen sei das zum Beispiel an der Tatsache, dass sich die Zahl der Anfragen an sein Institut in den vergangenen zwei bis drei Jahren verdoppelt habe. Teilweise gehe es darum, dass die Unternehmen TTZ-Mitarbeiter in ihre Reihen aufnehmen wollen. „Die Firmen sind massiv unter Druck, ab 2020 Elektroautos auf die Straße zu bringen“, sagt Ackva. Er rechnet damit, dass sich von 2022 an die Herstellungskosten von E-Autos und Autos mit Verbrennungsmotoren angleichen, so dass dann die E-Mobilität in Deutschland erst recht einen Schub bekommt.

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