Würzburg

Experte: Wir sitzen uns bei der Arbeit zu Tode

Mediziner Eric Söhngen will mit seinem Würzburger Start-up Büromenschen in Bewegung bringen. Keine ganz neue Idee. Doch Söhngen hat einen drastischen Ansatz.
Autsch: Gerade Menschen, die im Büro stundenlang sitzen, sind Kandidaten für Rückenleiden. Und für andere gravierende Erkrankungen.
Autsch: Gerade Menschen, die im Büro stundenlang sitzen, sind Kandidaten für Rückenleiden. Und für andere gravierende Erkrankungen. Foto: Thinkstock

An und für sich ist der Mensch noch heute ein Jäger und Sammler. Deswegen ist er dazu angelegt, ständig zu gehen. Manche Experten sagen: 20 Kilometer pro Tag seien das Mindeste. Doch der Mensch von heute tut das Gegenteil: Er sitzt stundenlang. Im Büro. Vor dem Fernseher. Eric Söhngen ist sich sicher: Das ist tödlich.

Eric Söhngen ist der Erfinder von 'Walkolution', einem Laufband für Schreibtische. Der ehemalige Arzt (34) hat im Zentrum für digitale Innovationen (ZDI) in Würzburg dazu ein Start-up gegründet.
Eric Söhngen ist der Erfinder von "Walkolution", einem Laufband für Schreibtische. Der ehemalige Arzt (34) hat im Zentrum für digitale Innovationen (ZDI) in Würzburg dazu ein Start-up gegründet. Foto: Jürgen Haug-Peichl

Mit dieser Meinung hat sich der ausgebildete Arzt und Buchautor in Würzburg mit seinem Start-up aufgemacht, wieder Bewegung an die Arbeitsplätze dieser Welt zu bringen. "Walkolution" heißt seine Lösung dafür: ein Laufband am Schreibtisch.

Das gibt es gerade in den USA schon länger. Auch hierzulande gibt es konventionelle Laufbänder fürs Büro zu kaufen. Der Unterschied von "Walkolution": Die Bewegungshilfe läuft ohne Motor. Der Benutzer bewegt das Band aus Holzlamellen allein durch seine Schritte. Das sei neu auf dem Markt und unterscheide sich von den gerade aus Fitnessstudios bekannten Laufbändern, behauptet Söhngen.

Mittlerweile hat der 34-Jährige ein weltweites Patent auf das von ihm und einem Expertenteam entworfene Produkt. "Arbeiten im Gehen" nennt Söhngen das Motto von "Walkolution", ein Kunstwort aus "Walk" für Gehen und "Revolution". "Ich wollte kein Laufband - ich wollte Bewegung im Büro", beschreibt der Jungunternehmer seine Anfänge. Der Mensch sei von Natur aus nicht zum ewigen Sitzen geeignet.

"Ich wollte kein Laufband - ich wollte Bewegung im Büro"
Walkolution-Erfinder Eric Söhngen über seine Erfindung

Ein solcher Blick auf die Gesundheit am Arbeitsplatz passt zu den Zeichen der Zeit. "Die Bedeutung gesundheitlicher Aspekte am Arbeitsplatz steigt generell immer weiter an", schreibt etwa der Industrieverband Büro und Arbeitswelt in Wiesbaden. Der Repräsentant der Büroeinrichtungsbranche hat vor einem halben Jahr in einer Umfrage zusammen mit der Bewertungsplattform Kununu herausgefunden, dass die Ausstattung der Büros zum Beispiel mit bequemen Bürostühlen und höhenverstellbaren Schreibtischen ein herausragendes Kriterium dafür ist, wie attraktiv Mitarbeiter ihr Unternehmen finden.

Was Rückenleiden anrichten

Wer lange sitzt, ist ein Kandidat für die Volkskrankheit Nummer eins: Rückenleiden. Die AOK geht davon aus, dass nahezu jeder dritte Deutsche mindestens einmal pro Jahr über Rückenschmerzen klagt. Dem DAK-Gesundheitsreport 2018 zufolge sind Muskel-Skelett-Erkrankungen - und darunter vor allem Rückenleiden - mit 22 Prozent der Hauptteil der Arbeitsausfälle in Deutschland. Der volkswirtschaftliche Schaden wegen Arbeitsausfalls liegt diversen Schätzungen zufolge pro Jahr bei bis zu 49 Milliarden Euro.

Wer lange sitzt, ist noch viel mehr als ein Kandidat allein für Rückenleiden: Das meint Eric Söhngen in Würzburg. Während des Dauersitzens baue der Körper ab, so dass es auch zu Bluthochdruck, Krebs und anderen Krankheiten kommen könne.

Während seiner Zeit am Universitätsspital Basel und später als Facharzt in Zürich hat er nach eigener Aussage 30.000 Patienten betreut - und dabei immer wieder den Zusammenhang zwischen langem Sitzen und diversen Erkrankungen entdeckt. Das mündete zum einen in sein Mitte des Jahres erschienenes Buch "Death by Sitting" (Tod durch Sitzen), zum anderen in die Gründung des Walkolution-Start-ups.

Im September 2017 tat sich der aus Norddeutschland stammende Söhngen mit Frank Ackermann zusammen, der in Wiesenbronn (Lkr. Kitzingen) eine Schreinerei betreibt. Dort wird Walkolution in wesentlichen Teilen hergestellt. Die Fäden laufen im Zentrum für digitale Innovationen (ZDI) in Würzburg zusammen, wo Hobby-Ausdauersportler Söhngen mit mittlerweile fünf Mitarbeitern sitzt. Damit Walkolution-Nutzer ihre Aktivität aufzeichnen können, arbeitet der Würzburger mit Garmin zusammen, einem internationalen Anbieter von Navigationsgeräten.

Söhngen will auch in Skandinavien Fuß fassen

Nach dem Ausstieg aus dem Arztberuf habe er den Aufbau von Walkolution aus eigener Tasche gestemmt, sagt Söhngen. Nächstes Jahr will er bis zu 500 Geräte verkaufen. Preis pro Stück: 3000 bis 4500 Euro, je nach Ausstattung. Mittlerweile sucht Söhngen Vertriebsmitarbeiter unter anderem für Skandinavien, wo das Bewusstsein für einen gesunden Büroarbeitsplatz noch ausgeprägter sei als in Deutschland.

Schreinermeister Ackermann hat mit Söhngen ein gemeinsames Unternehmen für Walkolution gegründet, die Ackermann Söhngen GmbH. Vom Erfolg ist er überzeugt, weil das Gesundheitsbewusstsein allgemein steige. "Das ist ein Trend, der gerade erst loslegt." Sitzen sei das neue Gift. Söhngen drückt es so aus: Sitzen ist das neue Rauchen.

Hinweise rund um Rückenleiden
  • Die gute Nachricht: Nach Darstellung des medizinisch orientierten Vereins "Aktion Gesunder Rücken" (AGR/Bremervörde) sind 90 Prozent aller Rückenschmerzen harmlos. Betroffene könnten deshalb viel selbst tun, damit die Beschwerden so schnell wie möglich wieder nachlassen.
  • Die AGR hat unter www.agr-ev.de eine Reihe von Dehn- und Rückenübungen anschaulich dargestellt. Sie sind vor allem für Menschen gedacht, die viel sitzen.
  • Höhenverstellbare und damit im Stehen nutzbare Schreibtische eignen sich nur bedingt gegen Rückenleiden. Das berichtete der "Spiegel" im Oktober unter Berufung auf eine Studie von britischen und australischen Forschern. Immerhin seien die Probanden mit Stehtischen motivierter und effizienter bei der Arbeit gewesen.

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