Waltershausen

Geselle mit Leselupe: So klappt Inklusion in der Bäckerei

In der Backstube von Ullrich Amthor arbeitet Alexander Koch. Das Besondere: Er hat seit seiner Kindheit eine starke Sehschwäche. Wie beide Seiten damit zurechtkommen.
Um manche Rezepte lesen zu können, braucht Bäcker Alexander Koch eine starke Leselupe. Sein Chef Ullrich Amthor (links) hilft ihm. Foto: Michael Petzold

Auf den ersten Blick ist Alexander Koch sein Handicap nicht anzusehen. Auch nicht auf den zweiten. Das liegt vor allem daran, dass er keine dicke Brille trägt, was man bei einer starken Sehbehinderung vielleicht erwarten würde.

Erst, als der gelernte Bäcker in Ullrich Amthors Backstube in Waltershausen (Lkr. Rhön-Grabfeld) aus einer Schublade eine große Lupe nimmt, um die Rezeptur eines Hörnchens nachzulesen, wird auch dem Außenstehenden klar, welches Handicap Koch hat. Zehn Prozent Sehvermögen bietet ihm das linke Auge, fünf sind es auf dem  rechten. Eine Brille bringe ihm keine Verbesserung, sagt der Bäcker.

Eigentlich eine normale Szene aus einer Backstube: Bäcker Alexander Koch (rechts) und sein Chef Ullrich Amthor beim Brezelmachen. Doch was man auf dem Foto nicht sieht: Koch ist stark sehbehindert. Foto: Michael Petzold

Eine unentdeckte Hirnhautentzündung als Kind ist die Ursache der Behinderung. Auf die Idee, den Eltern oder der Kindergärtnerin zu erzählen, dass er Probleme hat, manches wahrzunehmen, ist er nie gekommen.

Warum auch, denn beim Fußball habe er ja auch mithalten können und überhaupt: "Für mich war es ganz normal, so schlecht zu sehen", sagt Koch. Erst als er in die Schule kam, entdeckte ein Lehrer die Schwäche.

Wie Bäcker Koch zu seinem jetzigen Job kam

Trotz der Behinderung absolvierte er erfolgreich eine Ausbildung zum Bäcker und arbeitet in seinem Beruf nun schon viele Jahre. Zuletzt in einem Mellrichstädter Betrieb, wo er allerdings seine Stelle verlor, weil man sich dort mit den Gedanken trägt, das Geschäft aufzugeben.

Der Wunsch nach einer Rechtsauskunft führte Koch zu Amthor in dessen Funktion als Obermeister der Bäckerinnung Bad Kissingen/Rhön-Grabfeld. Der Bäckermeister wusste da aber schon, dass Koch auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz war. Die Branche leidet derart unter Fachkräftemangel, dass es sich wie ein Lauffeuer herumspricht, wenn dann mal doch ein Geselle zu haben ist.

So groß muss die Schrift schon sein, damit sie Alexander Koch noch entziffern kann.  Foto: Michael Petzold

Was lag also näher, als Koch die Stelle anzubieten?  Seit 1. Juli vergangenen Jahres arbeitet er fest bei Amthor, was anfänglich nicht ganz ohne Probleme lief. Denn Alexander Koch darf wegen seiner Sehbehinderung keinen Führerschein machen.

Wie soll er also die 16 Kilometer von Mellrichstadt, wo er wohnt, nach Waltershausen kommen? Zumal, wenn der Öffentliche Nahverkehr nicht zu den Zeiten fährt, die für Koch notwendig wären Schließlich fängt für ihn der Arbeitstag früh um 3 Uhr an.

Mehrere Monate lag der Antrag beim Rentenversicherungsträger auf Übernahme der Transportkosten. Jetzt darf Koch - zunächst auf zwei Jahre begrenzt - ein Taxi zur Fahrt nach Waltershausen nehmen. Der Bäcker muss aber 185 Euro pro Monat dazu beitragen. Bis die Genehmigung vorlag, hatte man sich in der Bäckerei mit Eigeninitiative beholfen.

Wenn der Chef seinen Gesellen mit dem Auto zur Arbeit fährt

Gut ein halbes Jahr lang kutschierte Amthor seinen Angestellten hin und her, damit der sich seine Brötchen bei ihm verdienen konnte. "So einen guten Chef hatte ich schon lange nicht mehr", betont Koch im Gespräch mit dieser Redaktion. Auch Amthor will im Lob nicht nachstehen: "Wir haben uns gesucht und gefunden."

Dem flüchtigen Besucher in der Backstube wird Alexanders Kochs Handicap zwar nicht auffallen, eine gravierende Behinderung bei seiner Arbeit ist die Sehschwäche aber schon. Im großen Ofen etwa sieht Koch nur auf dem vorderen der Bleche, ob die Backwaren fertig sind. Und grundsätzlich braucht er für alle Tätigkeiten länger.

Probleme hat er auch bei der Portionierung von Teig. Deshalb läuft auch ein Förderantrag zur Anschaffung einer digitalisierten Waage mit extra großem Bildschirm. Mit großen Buchstaben beschriftet sind in der Backstube schon die einzelnen Fächer, in denen Mehl,  Zucker und andere Zutaten untergebracht sind. "Das hat ganz schön Ordnung in die Backstube gebracht", schmunzelt Amthor. Davon habe der ganze Betrieb profitiert.

Inklusion: Bäckerei Amthor wurde ausgezeichnet

Unterstützt wird das vorbildliche Beschäftigungsverhältnis vom Unternehmens-Netzwerk Inklusion. Bei einer Veranstaltung im Berufsfachzentrum (bfz) in Schweinfurt wurde Amthors Betrieb jüngst die Auszeichnung "Best Practice" verliehen. Er gilt damit als Beispiel, wie es gelingen kann, einen Menschen mit Handicap in einem Betrieb zu integrieren.

Gefördert wird die Stelle von der Agentur für Arbeit in Schweinfurt zunächst als Einarbeitungszeit für zwei Jahre, wie Luisa Kohlstedt vom Rehateam der Agentur erklärt. Wenn es um Hilfsmittel wie die digitalisierte Waage oder um den Transport zum Arbeitgeber geht, ist der Rentenversicherungsträger der richtige Ansprechpartner.

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