Würzburg/Salz

Handwerk: Debatte um Meisterbrief ist wieder entfacht

Herzlichen Glückwunsch: Der Meisterbrief hat im Handwerk einen hohen Rang. Doch nicht in allen Berufen ist er Pflicht - was seit Jahren für Diskussionen sorgt. Foto: Matthias Hiekel, dpa

Eine Besonderheit des Handwerks ist wieder in die Schlagzeilen gekommen: der Meisterbrief. Mit Ausnahmen gilt: Nur wer ihn hat, darf sich als Handwerker selbstständig machen. Bis 2004 war diese Regel zementiert, dann wurde die Handwerksordnung gelockert. Seither ist in 53 von 94 Berufen der Meisterbrief nicht mehr Pflicht.

Immer mehr Fliesenleger ohne Meisterbrief arbeiten als Ein-Mann-Betriebe – zulasten von Qualität und Ausbildung, sagen K... Foto: IG Bau

Die Kritiker dieser Regelung sind bis heute nicht verstummt. Kürzlich lehnte sich der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer, mit der Forderung aus dem Fenster, in vielen Berufen die Meisterpflicht wieder einzuführen. Begründung: Die Qualität in diesen Gewerken müsse wieder besser werden.

Mainfranken: Die einen sagen so, die anderen so

In Mainfranken gehen die Meinungen dazu auseinander. Während die einen wie Wollseifer auf die Qualität pochen, nehmen es die anderen gelassen. Beim Kunden spiele der Meisterbrief keine Rolle, ist zu hören.

Der gelernte Kachelofenbauer Daniel Stöhr ist einer, der diese Meinung vertritt. Er führt in Salz bei Bad Neustadt ein Geschäft für Innen- und Badausbau, in dem er unter anderem Fliesenleger beschäftigt - ein Beruf ohne Meisterpflicht.  Noch nie habe ihn ein Kunde nach dem Meisterbrief gefragt, sagt Stöhr. Wenn ein Betrieb schlechte Arbeit leiste, dann "trennt sich sehr schnell die Spreu vom Weizen".

Freilich hat Stöhr gerade bei den Fliesenlegern beobachtet, dass die Lockerung der Meisterpflicht einen Tummelplatz für nicht immer geeignete Handwerker vor allem aus Osteuropa eröffnet hat. Insbesondere auf den Großbaustellen "wird heute kaum noch Deutsch gesprochen". Und die Qualität leide: "Da wird sehr viel Pfusch gemacht."

Das sieht der Würzburger Kreishandwerksmeister Josef Hofmann ähnlich. Bei einigen Berufen ohne Meisterzwang "ist die Qualifikation nicht mehr da". Auch bildeten gerade die vielen Kleinbetriebe keine Lehrlinge aus.

Eine Brisanz, die Daten der Handwerkskammer für Unterfranken unterstreichen. Demnach ist seit der Lockerung der Handwerksordnung die Zahl der jetzt von der Meisterpflicht befreiten Betriebe geradezu explodiert: Waren es 2003 noch 1682, so sind es jetzt 4148. Der Haken: Viele dieser Betriebe sind so klein, dass sie sich nicht lange halten können. Und: Die Zahl der Ausbildungsplätze in diesen Berufen ist seit 2004 laut Kammer um die Hälfte geschrumpft.

Fliesenleger: Zahlen regelrecht explodiert - mit einem Problem

Das habe dazu geführt, dass sich zum Beispiel bei den meisterpflichtfreien Fliesenlegern jeder x-Beliebige selbstständig machen kann. Wiederum mit der Folge, dass wegen fehlender Qualifikation "die Gefahr mangelnder Qualität" steige, so die Kammer in einer Mitteilung. Solche Solo-Selbstständigen sparten sich zudem gerne die Kranken- oder Rentenversicherung.

Das sei in der Tat ein großes Problem, verkündete im August auch schon die Gewerkschaft IG BAUin Mainfranken. Die Zahl der Fliesenlegerbetriebe sei in der Region von gut 500 im Jahr 2004 auf knapp 1000 im Jahr 2017 gestiegen. Außerdem neigten diese Ein-Mann-Firmen zu Minilöhnen, was den Preisdruck auf angestammte Betriebe erhöhe.

Ludwig Paul, Hauptgeschäftsführer  der Handwerkskammer für Unterfranken, sagt ja zum Meisterbrief. Foto: Handwerkskammer für Unterfranken

Kammer-Hauptgeschäftsführer Ludwig Paul sieht gerade bei solch wild gewachsenen Berufen wie dem des Fliesenlegers die Notwendigkeit, zur Meisterpflicht zurückzukehren. Die von ZDH-Präsident Wollseifer wieder angestoßene Debatte begrüße er. "Wir stehen zum Meisterbrief."

Jedoch sollte die Rückkehr zur Meisterpflicht nicht über einen Kamm geschoren werden: Vielmehr müssten die Fachverbände einzeln prüfen, in welchen Berufen eine Renaissance des Meisterbriefs sinnvoll ist, sagte Paul gegenüber dieser Redaktion.

Ähnlich differenziert sieht das der Unternehmer Daniel Stöhr in Salz. Gerade in Berufen wie dem Ofenbau, bei denen Sicherheit eine große Rolle spiele, sei eine Qualifikation über den Meisterbrief sinnvoll. Kreishandwerksmeister Hofmann denkt bei dem Zertifikat auch an junge Menschen, die sich Gedanken über Beruf oder Studium machen: "Der Meisterbrief steht auf gleichem Niveau wie der Bachelor."

Einen weiteren Weg in die Selbstständigkeit sieht Ludwig Paul von der Handwerkskammer: Es gebe in Berufen mit Meisterpflicht die Möglichkeit, auch ohne Meisterbrief einen Betrieb zu gründen. Dann nämlich, wenn der Chef einen Geschäftsführer mit Meisterbrief vorweisen kann. "Das ist ein Konstrukt, das wir durchaus positiv sehen."

Wissenswertes zum Meisterbrief
Maurer, Dachdecker, Friseure, Bäcker, Schornsteinfeger: Das sind einige jener 41 Berufe, in denen sich ein Handwerker nur dann selbstständig machen kann, wenn er einen Meisterbrief hat. Sein Betrieb wird dann in die Handwerksrolle der Handwerkskammer eingetragen.
Dem stehen seit 2004 jene 53 Berufe gegenüber, für die kein Meisterbrief mehr vorgeschrieben ist. Dazu zählen zum Beispiel Brauer, Orgelbauer, Fliesenleger, Uhrmacher, Goldschmiede und Raumausstatter. Hinzu kommen 57 zum Teil seltene "handwerksähnliche Gewerbe" wie Gerber, Klavierstimmer, Schirmmacher, Speiseeis-Hersteller oder Kosmetiker.
Voraussetzung für den Meisterbrief ist eine bestandene Gesellenprüfung. Die Fortbildung zum Meister kostet je nach Beruf zwischen 4000 und 9000 Euro. Hinzu kommen Gebühren für die Prüfungen, die sich laut Handwerkskammer für Unterfranken auf gut 800 Euro summieren. Für all diese Kosten gibt es allerdings staatliche Förderung wie etwa das Meister-Bafög. Die Handwerkskammer in Würzburg hat zu diesem Themenpaket  im Internet ein eigenes Portal eingerichtet: www.hwk-ufr.de/meister

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