BERLIN

Rösler sieht Risiken

Vorsichtig optimistisch: Wirtschaftsminister Philipp Rösler bei der Präsentation des Jahreswirtschaftsberichts am Mittwoch. Foto: dpa

Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr nur gering wachsen. Ein Plus von 0,7 Prozent erwartet Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) beim Bruttoinlandsprodukt. Die Prognose beruht allerdings darauf, dass es keine neuen Verwerfungen durch Finanz- oder Eurokrise gibt. „Das sind die Hauptrisiken“, sagte Rösler am Mittwoch bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts 2012 in Berlin. Für das Wachstum werden laut Bericht die Deutschen selbst sorgen. „Der private Konsum wird die deutsche Konjunktur maßgeblich stützen“, sagte Rösler. Grund dafür seien die weiter ansteigenden Beschäftigungszahlen und höhere verfügbare Einkommen der Bürger. 220 000 Menschen zusätzlich sollen laut Prognose einen sozialversicherungspflichtigen Job bekommen. Damit wären 41,3 Millionen Menschen erwerbstätig, die Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Einkommen sollen durchschnittlich um drei Prozent ansteigen. Bei einer moderaten Preissteigerung von 1,8 Prozent wachse die Kaufkraft somit um 1,2 Prozent, sagte Rösler.

Für die Exportwirtschaft, sonst der „Konjunkturmotor“, wird laut Bericht 2012 ein schwaches Jahr. Zwei Prozent mehr Ausfuhren soll es geben als 2011. Zuvor lagen die Wachstumsraten noch bei 13,7 (2010) und 8,2 Prozent (2011). Deutschland habe die Folgen der Finanzkrise deutlich besser überstanden als andere Länder, sagte Rösler. In den USA schwächelt die Wirtschaft nach wie vor, ebenso in vielen Ländern der Eurozone. In den Schwellenländern hat sich der Wirtschaftsboom verlangsamt. China vermeldete für das vergangene Jahr „nur“ ein Wachstum von 9,1 Prozent. China und auch Indien waren mit ihren stark wachsenden Volkswirtschaften die Zugpferde für die Weltkonjunktur. Ihre derzeitige Schwächephase wirkt sich daher negativ auf alle Handelspartner aus. Das geht aus der globalen Konjunkturprognose hervor, die die Weltbank gestern in Peking vorgelegt hat. Die Weltwirtschaft wird demnach 2012 nur um 2,5 Prozent wachsen. Für die Eurozone wird in dem Bericht sogar eine Negativ-Entwicklung vorhergesagt: Um 0,3 Prozent soll die Wirtschaft schrumpfen. Mit 2012 habe ein „schwieriges Jahr“ begonnen. „Die Weltwirtschaft ist in eine gefährliche Phase eingetreten“, heißt es in dem Report. Für Philipp Rösler ändern diese Zahlen nichts an der Einschätzung der Lage in Deutschland. Man habe die Wachstumserwartung im Vergleich zum Herbst – damals rechnete man mit einem Zuwachs von einem Prozent – nach unten korrigiert. Insgesamt sei die Prognose zurückhaltend angelegt, sagte der Wirtschaftsminister. Für das erste Quartal 2012 erwartet der Wirtschaftsminister eine Stagnation bei den Exporten – „Wachstumsdelle“ heißt es im Bericht zum Miniplus von 0,1 Prozent.

Im Jahresverlauf erwartet der Minister allerdings eine schrittweise Erholung der internationalen Märkte. Tritt dies ein und bleiben größere Einbrüche auf den Finanzmärkten aus, könnte 2013 wieder ein Wachstum von 1,6 Prozent erreicht werden. Das sei aber nur „eine vorsichtige Schätzung“, sagte der Wirtschaftsminister. Vorher müssten aber erst die Probleme der Eurozone gelöst werden. „Gefordert sind schnelle und glaubwürdige Schritte, um die Eurokrise zu überwinden“, sagte Rösler. Die wichtigsten Aufgaben der Politik seien die Bekämpfung der Staatsverschuldung und die Herstellung von Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft in den Euro-Ländern. mit material von dpa

Prognosen 2012

Nach Einschätzung der Bundesregierung wird die deutsche Wirtschaft 2012 um 0,7 Prozent wachsen. Die Prognosen der meisten großen Wirtschaftsforschungsinstitute liegen noch darunter.

Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) dürfte das Wachstum in Deutschland 2012 etwa 1,0 Prozent erreichen, sagte der Direktor des arbeitgebernahen Instituts, Michael Hüther, Ende November. Das Staatsschuldenproblem mache eine Prognose aber schwierig.

Das Münchner Ifo-Institut hat angesichts der Euro-Schuldenkrise seine Wachstumsprognose gesenkt. Das Bruttoinlandsprodukt werde 2012 voraussichtlich nur um 0,4 Prozent zunehmen, teilte das Institut Mitte Dezember mit. Im Sommer war das Ifo-Institut noch von einem Wachstum von 2,3 Prozent ausgegangen.

Auch das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) hat seine Konjunkturprognose für Deutschland drastisch gesenkt: Für 2012 rechnete das HWWI Mitte Dezember aufgrund der Schuldenkrise im Euroraum nur noch mit 0,5 Prozent Wachstum. Im Sommer hatte das HWWI noch 2,2 Prozent für möglich gehalten.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) rechnete Mitte Dezember für 2012 nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent. In Ostdeutschland wird der Zuwachs laut IWH leicht über dem gesamtdeutschen Wert bei 0,5 Prozent liegen. Grund dafür sei, dass die ostdeutschen Unternehmen weniger vom Export abhängen.

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) rechnet statt eines noch im September erwarteten Wirtschaftswachstums von 1,0 Prozent in seiner kurz vor Weihnachten veröffentlichten Prognose für 2012 nur noch mit einem Zuwachs von 0,6 Prozent. Ursache

für die eingetrübten Aussichten seien die ungünstigen Exportaussichten.

Das Institut für Makroökonomie (IMK) bei der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung ging im Dezember sogar von einem Rückgang der deutschen Wirtschaft für das laufende Jahr um 0,1 Prozent aus. Hauptursache für die drastische wirtschaftliche Abkühlung seien die nach wie vor ungelöste Vertrauenskrise im Euroraum sowie die ausgeprägten Sparprogramme in immer mehr Ländern der Währungsunion und der EU.

Die Bundesbank erwartet für 2012 wegen der anhaltenden Verunsicherung durch die Euro-Schuldenkrise ein geringes Wachstum von 0,6 Prozent. Im Sommer war die Bank noch von 1,8 Prozent ausgegangen.

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