Würzburg

Sexuelle Identität: Wie gehen Firmen mit "Diversity" um?

Sexuelle Orientierung ist für viele Menschen Privatsache – auch aus Angst vor Diskriminierung. Doch wie gehen Unternehmen damit um? Wir haben in der Region nachgefragt.
Unternehmen in Unterfranken gehen unterschiedlich mit dem Thema Diversity um.
Unternehmen in Unterfranken gehen unterschiedlich mit dem Thema Diversity um. Foto: Gajus/Getty Images

Der Christopher Street Day in Würzburg vor einigen Wochen setzte ein Zeichen für sexuelle Vielfalt und gegen Diskriminierung. Auch das Unternehmen Bosch Rexroth beteiligte sich mit eigenen Mitarbeitern und signalisierte Toleranz, gerade am Arbeitsplatz. Dennoch bleibt wohl für viele Menschen unklar: Kann ich meine sexuelle Orientierung auf der Arbeit offen nach außen tragen oder muss ich mich verstecken? Wir haben bei Unternehmen in Unterfranken nachgefragt und erfahren, wie sie mit dem heiklen Thema "Diversity" umgehen.

Beim Konsumgüter-Konzern Procter & Gamble (P&G), der unter anderem in Marktheidenfeld einen Standort hat, gibt es nach Informationen aus Unternehmenskreisen regelmäßige Aktionen und Veranstaltungen für eine LGBT-Community (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, übersetzt: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender). Demnach biete die Gruppe GABLE (Gay, Ally, Bisexual, Lesbian and Transgender Employees, auf Deutsch: Schwule, Verbündete, Bisexuelle, Lesbische und Transgender Mitarbeiter) international an vielen Standorten zum Beispiel Trainings für heterosexuelle Kollegen an.

Foto einer Pride-Parade auf Facebook

Die Gruppe nehme zudem an Christopher Street Days und Demos teil und habe ein Netzwerk in der Firma organisiert, um Angehörigen der LGBT-Community Unterstützung zu signalisieren. Aus demselben Grund trügen viele heterosexuelle Mitarbeiter einen Regenbogensticker auf ihrem Betriebsausweis.

Das Unternehmen geht auch in sozialen Netzwerken offen mit dem Thema um: Im Juni 2017 beispielsweise veröffentlichte P&G einen Beitrag auf seiner Facebook-Seite, der Mitarbeiter und Mitglieder der Gruppe GABLE bei einer Pride-Parade in San José in Costa Rica zeigt. Auf dem Foto hält eine Frau eine Scheibe mit der Aufschrift "Love has no labels" hoch – "Liebe kennt keine Etikette".

Vielfalt als "Selbstverpflichtung"

Auch der Automobilzulieferer Schaeffler mit Sitz in Schweinfurt setzt sich nach eigenen Angaben für Vielfalt im Unternehmen ein. "Bereits im Jahr 2008 hat Schaeffler sich mit der Unterzeichnung der freiwilligen Selbstverpflichtung – der Charta der Vielfalt – dazu bekannt, Vielfalt aktiv zu fördern", sagt eine Sprecherin des Unternehmens auf Anfrage. Damit wolle man nach innen und nach außen signalisieren, dass jeder die gleichen Chancen hat. Unabhängig von "Geschlecht, ethnischer Herkunft, Religion, Alter, Behinderung oder sexueller Orientierung", so die Sprecherin.

Schaeffler arbeite daran, Vielfalt zum Teil der Unternehmenskultur werden zu lassen. Dazu organisiere man Veranstaltungen und nehme auch am Diversity-Tag teil. Diversity sei auch Thema in verschiedensten Mitarbeiter-Entwicklungs-, oder Mentoring-Programmen, teilt das Unternehmen mit. Im vergangenen Jahr ist Schaeffler dem Verein "Charta der Vielfalt" beigetreten. Dieser setzt sich für die Verankerung von Vielfalt in Wirtschaft und Gesellschaft ein. Unter anderem veranstaltet er Wettbewerbe, bei dem Arbeitnehmer Projekte zum Thema Vielfalt in ihren Unternehmen aktiv initiieren und direkt mitgestalten können.

An Diversity-Tischen Vorurteile abbauen

Der ZF-Konzern macht sich ebenfalls für Vielfalt im Unternehmen stark. "Es gab bei uns im Mai den Diversity Day, der unternehmensweit an verschiedenen Standorten stattfand", sagt Anna Stelzenmüller, Referentin für Unternehmenskommunikation in Schweinfurt. Im Vorfeld des Tages habe ZF eine weltweite Aktion unter dem Hashtag "JointheConversation" organisiert, bei der Mitarbeiter ihre "Gedanken und Erfolgsgeschichten zum Thema Vielfalt" auf digitale Postkarten schreiben konnten, teilt das Unternehmen schriftlich mit.

In Schweinfurt arbeiten 9400 Menschen aus 55 Ländern bei ZF. Am Diversity Day hätten sogenannte "Diversity-Tische" es den Mitarbeitern ermöglicht, sich bei einem Mittagessen mit bislang unbekannten Kollegen zu unterhalten und "gegebenenfalls Vorurteile abzubauen", heißt es weiter. Zudem habe es Vorträge, Barcamps und Podiumsdiskussionen gegeben.

Für das Unternehmen sei es wichtig, dass die Mitarbeiter sich damit auseinandersetzen, "wie alle von größtmöglicher Vielfalt profitieren können". Das bestätigt auch Sabina Jaskula, Personalvorstand bei ZF. "Angesichts des enormen Wandels in unserer Branche ist es jetzt an der Zeit, Vielfalt zu leben." Ähnliche Stimmen kommen sowohl vom Modehersteller s. Oliver, als auch von der Uniklinik Würzburg. Beide teilen ebenfalls mit, am Diversity-Tag teilgenommen zu haben.

Nichts machen, um Normalität zu leben

Das Würzburger Druckereiunternehmen Flyeralarm verfolgt beim Thema Vielfalt dagegen eine andere Strategie. Hier hat man sich dazu entschlossen, auf Aktivitäten zum Thema Diversity zu verzichten. "Wenn man etwas zu viel thematisiert, dann kann es nicht normal werden", sagt Rolf Dittrich, Pressesprecher von Flyeralarm. Man wolle nicht auf die Besonderheiten einzelner Mitarbeiter hinweisen, da man sie gerade dadurch isoliere. Vielmehr versuche man, Vielfalt als Normalität zu leben. "Gesonderte 'Programme' würden dem Gedanken eben dieser Selbstverständlichkeit und Normalität eher widersprechen", erklärt Dittrich.

Er zieht einen Vergleich zum Frauenfußball. Der permanente Hinweis darauf, dass es normal sei, dass Frauen Fußball spielen, bewirke genau das Gegenteil. "Diversity ist bei uns im Unternehmen kein Thema, weil jeder normal sein soll", so Dittrich. In einer buntgemischten Belegschaft, in der Menschen aus 78 Ländern zusammenarbeiten, sei Ablehnung ohnehin kein Thema. Er halte es zwar für richtig, auf das Thema Vielfalt aufmerksam zu machen. Den offensiven Umgang anderer Unternehmen mit dem Thema sehe er aber kritisch. "Ich finde es schwierig, wenn andere Unternehmen damit Werbung machen. Damit wird Diversity kommerzialisiert."

Glossar
In Bezug auf das Thema "Diversity" gibt es viele Begriffe zu verschiedenen Lebensformen, Orientierungen und Identitäten. Das LSBTIQ-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung zum Beispiel umfasst etwa 60 Definitionen. Einen Teil der Begriffe haben wir hier kurz erklärt.
  • LGBT ist ein Akronym und beschreibt in einer Aneinanderreihung der Buchstaben queere Positionen. Oft wird der Name um weitere Buchstaben ergänzt, zum Beispiel LGBTQQIA. In diesem Fall kommen  Queer, Questioning (hinterfragend), Intergeschlechtlich und Asexuell hinzu.
  • Queer beschreibt die Positionen, die heterosexuelle und zweigeschlechtliche Normen hinterfragen. Das Wort wird als Begriff für alle Menschen verwendet, die diesen Lebensformen nicht entsprechen.
  • Lesbisch: Der Begriff beschreibt Frauen, die sich auf einer emotionalen und/oder sexuellen Ebene zu Frauen hingezogen fühlen.
  • Schwul: Der Begriff beschreibt Männer, die sich auf einer emotionalen und/oder sexuellen Ebene zu Männern hingezogen fühlen.
  • Bisexuelle Menschen begehren sowohl Personen des eigenen als auch Personen des anderen Geschlechts.
  • Transgender sind Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, dessen äußerliche Merkmale ihr Körper aufweist.
  • Intergeschlechtlich: Ein intersexueller Körper weist sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale auf. Intersexuelle Menschen können also über das binäre Geschlechtssystem (Mann und Frau) nicht eindeutig einem Geschlecht zugewiesen werden.
  • Asexuelle Menschen haben kein Bedürfnis nach sexuellen Kontakten und spüren keine sexuelle Anziehung zu anderen Personen. Sie können aber eine emotionale Beziehung führen.
  • Regenbogenfahne: Sie hat sich als Kennzeichen der LGBT-Gemeinschaft etabliert und gilt als bekannteste Pride-Fahne. Es gibt aber weitaus mehr Pride-Flaggen mit jeweils unterschiedlichen Bedeutungen, zum Beispiel für bisexuelle oder lesbische Menschen oder Transgender.
Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

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