Würzburg

Spitzenökonom Felbermayr: Warum uns Handelskriege weh tun

Immer höhere Zölle, Abschottung statt freie Märkte: Der Chef des Kieler Weltwirtschaftsinstituts befürchtet spürbare Folgen für den Wohlstand. Was er als größte Gefahr sieht.
Ökonom Gabriel Felbermayr befürchtet Arbeitsplatz- und Lohnverluste - weil exportabhängige Nationen wie Deutschland besonders unter Handelskriegen und Protektionismus leiden. Foto: Thomas Obermeier

Bedrohen die Handelskriege und neuer Protektionismus den Wohlstand in Deutschland? Professor Gabriel Felbermayr, seit März Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, warnt davor. Auf Einladung von Volkswirtschaftsprofessor Michael Pflüger sprach der 43-jährige Ökonom jetzt an der Uni Würzburg - und erklärt im Interview die Gefahren. 

Frage: Herr Felbermayr, warum sollten Handelskriege wie derzeit zwischen USA und China den Wohlstand bei uns in Deutschland gefährden?

Gabriel Felbermayer: Zunächst gerät unser Wirtschaftsmodell in Gefahr. Gerade Deutschland setzt stark auf internationale Arbeitsteilung. Und unser Wohlstand ist eng damit verbunden. Bei einer Beschädigung der Welthandelsordnung hätten wir gerade in Deutschland einiges zu befürchten.

Exportweltmeister zu sein – kein Land exportiert und importiert pro Einwohner so viel wie Deutschland – könnte uns hier zum Verhängnis werden?

Felbermayr: In der Tat sind wir davon abhängig, dass das Welthandelssystem funktioniert. Deshalb ist gerade für uns die Krise der Welthandelsorganisation WTO so gefährlich.

Der Österreicher Gabriel Felbermayer ist seit März 2019 Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Foto: Thomas Obermeier

Wo spürt der Arbeitnehmer in Deutschland den Handelskrieg konkret?

Felbermayr: Nehmen Sie die Krise der Automobilindustrie in Deutschland. Die hat natürlich viele Treiber wie die Tricksereien bei den Abgaswerten oder die Verunsicherung bei der Umstellung auf E-Autos. Wir haben aber auch den Handelskrieg, der zur Investitionszurückhaltung in Deutschland führt.

Warum?

Felbermayr: Wenn Sie, wie die deutsche Automobilindustrie, stark in die USA exportieren und Sie plötzlich mit Zöllen von 20 oder 25 Prozent rechnen müssen – dann ist doch die beste Verteidigungsstrategie, in den USA selbst zu produzieren. Raus aus Deutschland, rein in die USA. So wie es in den 80er Jahren die Japaner gemacht haben. Für den Automobilarbeiter in Deutschland bedeutet das nichts Gutes.

Damit würde Trumps Strategie, mit Zöllen die US-Wirtschaft zu stärken, ja aufgehen.

Felbermayr: Richtig. Er würde Automobil-Arbeitsplätze zu sich ziehen. Nur ist es so, dass die amerikanische Volkswirtschaft in den letzten Jahren nicht schlecht gelaufen ist. Der Arbeitsmarkt ist ziemlich leergeräumt. Neue Automobilarbeiter müssten dann aus anderen Industrien wie Chemie- oder IT-Branche kommen und würden diese schädigen.

Und bei uns in Deutschland? Arbeitsplatzverluste durch Verlagerungen?

Felbermayr: Ja, Produktion würde in die USA abwandern. Das bedeutet: Weniger und schlechter bezahlte Jobs im Automobilbereich. Und gerade diese Branche zieht viele andere Sektoren als Zulieferer mit, wie die Chemie oder Dienstleister. Das geht tief hinein in die deutsche Volkswirtschaft.

Wie können wir uns dagegen wehren?

Felbermayr: Das Problem ist: Wir können es kaum. Wenn wir mit Zöllen die amerikanische Politik kopieren wollten, sitzen wir auf dem kürzeren Ast. Denn die Amerikaner haben zumindest bei den Gütern ein großes Defizit gegenüber Deutschland, also wir verkaufen in die USA wesentlich mehr als umgekehrt. Wenn uns wirklich wehren wollen, müssten wir bereit sein, den Handelskonflikt in die Dienstleistungen hineinzutragen – so wie die Franzosen.

Das heißt, auch in Deutschland eine Digitalsteuer einführen?

Felbermayr: Genau. Die Digitalsteuer ist in den USA sehr unbeliebt. Sie wurde von der Europäischen Kommission so aufgesetzt, dass sie nur für große Digitalunternehmen gilt – und die kommen fast ausschließlich aus den USA. Das ist sozusagen eine unhöfliche, unfreundliche Attacke, die aber in Verhandlungen genutzt werden kann. Das Problem Europas ist es, dass die Autozölle vor allem Deutschland weh tun, den Franzosen dagegen kaum.

Dann ist die umstrittene „Industriepolitik“ von Wirtschaftsminister Peter Altmaier mit Betonung nationaler Interessen gar nicht so verkehrt?

Felbermayr: Sie passt in die Grundstimmung. Ich wünschte mir aber, dass wir alle – also auch Amerikaner und Chinesen – wieder ein stärker kooperatives Miteinander versuchen. Ich würde vom Bundeswirtschaftsminister gerne beides sehen: Einerseits das Aufzeigen roter Linien und von Gegenreaktionen, gleichzeitig müssen wir die Reform der Institutionen voranbringen, besonders der Welthandelsorganisation WTO.

Erwartet, dass die EU im Ringen mit den USA ihre Märkte für amerikanische Produkte stärker öffnen muss: Ökonom Gabriel Felbermayr. Foto: Thomas Obermeier

Müssen wir den USA entgegenkommen?

Felbermayr: Es stimmt ja, was Trump kritisiert: Dass wir in Europa höhere Zölle haben und dass wir viele Bereiche gerade im Lebensmittel- und Agrarbereich für die Amerikaner abschotten. Wir lassen sie nicht auf unseren Markt, denken Sie an Chlorhühnchen oder Hormonfleisch. Wenn wir keine US-Autozölle haben wollen, müssen wir den Amerikanern im Gegenzug etwas anbieten.

Was dann unseren Landwirten wehtut?

Felbermayr: Ja, weil natürlich mehr Konkurrenzprodukte auf den Markt kämen und Preise und Erlöse sinken könnten.

Aber Moment: Wegen dieser industriepolitischer Machtkämpfe sollen wir in Deutschland Lebensmittel- oder Ökostandards aufgeben? Türen auf für Hormonfleisch und Genmais?

Felbermayr: Das muss nicht so sein. Ähnlich wie im CETA-Abkommen mit Kanada könnten wir den Amerikanern großzügigere Quoten für sauberes, nicht hormonbehandeltes Rindfleisch anbieten. Wir müssen nur Kontrollmechanismen finden, damit nicht doch Hormonfleisch darunter ist. Gleiches gilt für die Chlorhühner.

Ist unser Wohlstand nur durch Handelskriege mit den USA bedroht? Was bedeutet der Brexit?

Felbermayr: Ich glaube, der Brexit ist sogar die größte Gefahr. Er umfasst die kompletten Handelsbeziehungen. Hinzu kommt die enorme politische Schwächung der EU.

Aber warum muss ich als kleiner Verbraucher oder Angestellter in Sorge sein, wenn die Großen sich hier streiten?

Felbermayr: Weil die Folgen durchschlagen. Wenn wir die deutschen Wertschöpfungsketten in der Automobilindustrie oder in der Pharmazeutik mit Großbritannien unterbrechen, dann wird unsere Produktion teurer, die deutsche Wettbewerbsfähigkeit in anderen Ländern verringert sich, heißt weniger Absatz, weniger Export – und das wird zurückschlagen auf die Arbeitnehmer in Form von weniger Beschäftigung und niedrigeren Löhnen.

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