Würzburg/München

Strafzinsen auf Guthaben: Banken schicken Kunden weg

Banken wollen kein neues Geld ihrer Kunden und schicken sie weg: Das zieht in Bayern Kreise. Der Strafzins auf Guthaben lässt grüßen. Wie die Lage in Mainfranken ist.
Wenn neues Geld für die Banken teuer wird: Der Strafzins auf Guthaben nimmt in Bayern kuriose Züge an. Foto: Daniel Karmann, dpa

Es liegt in der Natur einer Bank, dass sie Geld will - um damit wiederum Geld zu verdienen. Doch das ist schwierig geworden, seit die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen niedrig hält. Wer Geld auf die Bank bringt, wird unter Umständen mit Negativzinsen bestraft. Was nun in Bayern kuriose Züge angenommen hat.

So sorgten die Volks- und Raiffeisenbank (VR) im oberbayerischen Fürstenfeldbruck sowie die Commerzbank in Frankfurt bundesweit für Schlagzeilen, weil sie neuerdings Negativzinsen von bestimmten Kunden verlangen - und das schon ab dem ersten Cent. In der Branche ist es bis dahin üblich gewesen, erst ab einem Guthaben von zum Teil mehreren hunderttausend Euro die Negativzinsen der EZB an die Kunden weiterzureichen.

Gerade der Fall in Fürstenfeldbruck zeigt: Die Banken scheuen mittlerweile neues Geld von Kunden wie der Teufel das Weihwasser. Das führt nach Darstellung des Genossenschaftsverbandes Bayern (GVB) dazu, dass solche Kunden regelrecht weggeschickt werden. Der Verband ist das Dach über 236 VR-Banken in Bayern.

Ein undurchdringlicher Dschungel tut sich bei der Frage auf, wann und in welcher Höhe die Banken Negativzinsen von ihren Kunden verlangen - auch in Mainfranken. Das regle jedes Geldhaus für sich, eine einheitliche Vorgehensweise gebe es nicht, sagte Joachim Erhard am Mittwoch gegenüber dieser Redaktion. Für den stellvertretenden Vorstandssprecher der VR-Bank Würzburg "ist es sicherlich die schlechteste Variante", wenn Kunden weggeschickt werden müssen. Doch die Zinspolitik der EZB werde für die Banken hierzulande immer schmerzhafter.

Erhard zufolge verlangt die VR-Bank Würzburg generell erst ab einem Guthaben von 500 000 Euro den Negativzins von 0,5 Prozent. Für ein solches Guthaben muss der Geschäfts- oder Privatkunde also pro Jahr 2500 Euro für das zahlen, was als Negativ-, Straf- oder Minuszins bezeichnet wird.

Von den 80 000 Kunden seiner VR-Bank seien "weniger als fünf Prozent" von solchen Zinsen betroffen, sagte Erhard. Mit ihnen würden individuelle Gespräche unter anderem darüber geführt, wie das Geld besser angelegt werden kann.

Ähnlich geringe Tragweite hat das Thema Strafzins offenbar bei den Privatbanken. "Bürger mit normalem Sparbuch" seien nicht betroffen, sagte der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, Hans-Walter Peters, kürzlich dem "Handelsblatt".

Weil nach Einschätzung von Experten die Niedrigzinspolitik der EZB auch 2020 weitergeht, rechnet VR-Vorstandssprecher Erhard mit Blick auf die 500 000-Euro-Messlatte damit, "dass wir diesen Betrag werden absenken müssen". Bis auf Null wie die VR-Bank Fürstenfeldbruck aber nicht. Eher werde sich der Betrag wohl bei 100 000 bis 250 000 Euro einpendeln.

Dass sich VR-Banken beim Strafzins absprechen, um keine Konkurrenzsituation zu schaffen, ist für Erhard ein Unding: "Da wäre man sofort im Kartellrecht unterwegs." Konkurrenz unter den Geldhäusern habe es ja früher schon gegeben, "aber beim Haben-Zins".

Wie das die Sparkassen regeln

Uneinheitlich ist der Umgang mit dem Negativzins auch bei den 64 Sparkassen in Bayern. Jedes Haus treffe mit jedem Kunden eigene Vereinbarungen beim "Verwahrentgelt", wie Sprecherin Eva Mang vom Sparkassenverband den Negativzins am Mittwoch bezeichnete. Es gebe weder Durchschnittswerte noch andere Details. So drastisch wie die VR-Bank Fürstenfeldbruck gehe aber keine Sparkasse im Freistaat vor.

Die Sparkasse Mainfranken als viertgrößte ihrer Art in Bayern erhebt nach den Worten von Sprecher Stefan Hebig nur bei Guthaben von Firmen- und Kommunalkunden Strafzinsen - und das erst ab 500 000 Euro Guthaben.  Betroffen sei davon nur ein kleiner Kundenkreis. Aber wenn sich die EZB-Politik nicht zum Guten wende, könnten Strafzinsen "für weitere Kundenkreise nicht mehr völlig ausgeschlossen werden", zum Beispiel bei großen Vermögen auf Girokonten. "Wir rechnen allerdings aus heutiger Sicht nicht mit Negativzinsen für alle Kunden und Sparer", so Hebig am Mittwoch in Würzburg.

Hintergrund des Dilemmas ist, dass die EZB seit geraumer Zeit Strafzinsen von Banken verlangt, die überschüssiges Geld bei ihr parken wollen. Das hat nach Einschätzung von GVB-Präsident Jürgen Gros paradoxe Folgen: Banken versuchen, mit Hilfe von Negativzinsen neue Kunden abzuwehren, die Geld anlegen wollen.

Mit Informationen von dpa.

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