WÜRZBURG

Tasal sucht seine Talente

Die Handwerkskammer für Unterfranken bietet seit einem Jahr Talentchecks für Flüchtlinge an. In Teamwork soll aus diesem Schuhkarton ein Schaufenster entstehen. Im Bild von links: Mohammad Mohmoud, Hamid Rauf und Tasal Jabarkhil. Pat Christ Foto: Foto:

Bei einem Praktikum entdeckte Tasal Jabarkhil, dass ihm der Malerberuf liegt. Auch der Betrieb war mit ihm zufrieden. „Nächstes Jahr im September könnte ich dort eine Ausbildung beginnen“, sagt der 18-jährige Afghane. Allerdings ist er noch nicht sicher, ob Maler das ist, was er für den Rest seines Lebens beruflich machen möchte. Deshalb nimmt der Jugendliche an der dreitägigen „Potenzialanalyse für Flüchtlinge“ der Handwerkskammer Service GmbH in Würzburg teil.

Zwei Tage lang testen Tasal Jabarkhil und sechs weitere Flüchtlinge, was in ihnen steckt. Seit einem Jahr bietet die HWK Service GmbH den Talentcheck an. „300 Flüchtlinge aus Unterfranken durchliefen die Potenzialanalyse bisher“, sagt Tobias Hirsch, der für die Maßnahme verantwortlich ist. Während des einjährigen Projektzeitraums wurden die Tests sukzessive erweitert. Neu kam zum Beispiel ein Einblick in die Pflegeberufe hinzu. Zu Tasal Jabarkhils Aufgaben am ersten Analysetag gehört es deshalb, die imaginäre Wunde eines anderen Teilnehmers zu verbinden.

Ein „Backtag“ pro Woche

Mit 16 Jahren floh Tasal Jabarkhil aus seiner Heimat: „Denn dort war kein Schulbesuch mehr möglich.“ Vor zweieinhalb Jahren kam er in Deutschland an. Inzwischen spricht er schon gut Deutsch. Er hat vor, zu bleiben und in seiner Wahlheimat einen interessanten Beruf zu lernen. Bei der Berufswahl soll ihm die Potenzialanalyse helfen. Dabei wird unter anderem geschaut, wie gut Tasal Jabarkhil mit anderen Menschen kooperieren kann. „Teamfähigkeit ist sehr wichtig in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft“, unterstreicht Hirsch.

Eine Aufgabe besteht zum Beispiel darin, in einer Dreiergruppe ein Rohrleitungssystem zu bauen. Strohhalme, ein Trichter und Klebeband stehen zur Verfügung. Mehr nicht. „Das ist echt nicht einfach“, meint Hamid Rauf, der dem Trio um Tasal Jabarkhil angehört. Schließlich sei es nicht damit getan, ein paar Strohhalme miteinander zu verbinden. An den beiden Enden des Rohrleitungssystem soll Wasser in zwei Becher fließen. Außerdem soll das System an- und abstellbar sein.

Wie macht man das ohne Wasserhahn? Hamid Rauf, Tasal Jabarkhil und Mohammad Mohmoud grübeln. Dann kreieren sie aus einem Strohhalmstück zwei Pfropfen und verschließen damit die Leitungen an beiden Enden. Hamid Rauf stammt ebenfalls aus Afghanistan. Auch er floh vor dem Krieg. In Deutschland eine Ausbildung zu absolvieren, wäre sein großer Wunsch. „Im Moment arbeite ich an einem Tag in der Woche in einer Bäckerei“, erzählt der 19-Jährige. Trotzdem er am „Backtag“ um halb vier früh mit der Arbeit beginnen muss, macht ihm der Nebenjob Spaß. Wobei auch Hamid Rauf gern wissen möchte, ob er noch für andere Berufe geeignet wäre. Deshalb meldete er sich zur Potenzialanalyse an.

Test der Kreativität

Jeder Flüchtling, der Interesse hat, kann an der Maßnahme teilnehmen – vorausgesetzt, er kommt aus einem der sechs Länder, für die das Projekt nach den Richtlinien des Integrationspakts Bayern, Hauptfinancier der Initiative, vorgesehen ist. „Das sind Syrien, Afghanistan, Somalia, Eritrea, der Iran und der Irak“, listet Hirsch auf. Bisher kam jeder zweite Teilnehmer aus Syrien. Knapp 25 Prozent der Flüchtlinge stammten aus Afghanistan, fast zehn Prozent aus Eritrea. Wie alt ein Flüchtling ist, spielt keine Rolle: „Wir nehmen junge Flüchtlinge mit 15 Jahren, sind aber auch für ältere mit 55 Jahren offen“, so Hirsch. Die Tests sollen zeigen, wie kommunikationsfähig ein Flüchtling ist und welches Durchhaltevermögen er hat, ob er technisch versiert ist oder ein Händchen für Handwerkliches mitbringt. Auch wird geschaut, ob er eine kreative Ader hat. Die geschieht vor allem in einer Übung, bei der ein Schuhkarton als Schaufenster gestaltet werden muss. „Wissen Sie, was ein Schaufenster ist?“, fragt Sarah Springel vom Team der Potenzialanalyse in die Runde. Schweigen. „In einem Schaufenster sehen Sie, was ein Geschäft zu bieten hat, Schuhe zum Beispiel oder Handys“, erläutert sie. Nun nicken die meisten. Klar kennen sie Schaufenster. Nur hatten sie das Wort nicht parat.

Während Mohammad Mohmoud, Hamid Rauf und Tasal Jabarkhil beginnen, den Schuhkarton zu dekorieren, werden sie von Sarah Springel beobachtet. Für jeweils drei Teilnehmer ist ein Beobachter in den Talentkurs integriert.

Drei Beobachterinnen

Heute nehmen sieben Flüchtlinge teil. Darum befinden sich drei Beobachterinnen im Raum. Auf einer Skala von 1 bis 5 halten sie fest, welche Eigenschaften bei den Flüchtlingen zutage treten und welche Talente aufscheinen. Diese Analyse ist Grundlage der Auswertungsgespräche am dritten und letzten Tag der Maßnahme. Mit jedem Flüchtling wird einzeln etwa 15 Minuten über seine Kompetenzen gesprochen. Am Ende gibt es ein Zeugnis, das schwarz auf weiß zeigt, was der Teilnehmer richtig gut kann.

Winzige rosa Punkte

Inwieweit die Flüchtlinge dieses Zeugnis nutzen, ist laut Tobias Hirsch schwer zu sagen: „Zu den meisten haben wir nach der Maßnahme keinen Kontakt mehr.“ Nur die Karriere jener Flüchtlinge, die aus einer anderen Maßnahme der HWK Service GmbH in die Potenzialanalyse gelangten, kann manchmal weiterverfolgt werden. Hier sind die Erfahrungen laut Hirsch positiv: „Die Arbeitgeber sind dankbar, ein Papier über die Kompetenzen eines Flüchtlings an die Hand zu bekommen.“ Viele haben ja sonst keine offiziellen Dokumente über ihre Qualifikationen.

Mohammad Mohmoud, Hamid Rauf und Tasal Jabarkhil zeigen bei der „Schaufenster“-Übung, dass sie gut zusammenarbeiten können. Alle drei sind hoch konzentriert bei der Sache. Vor allem Mohmoud hat sich eine Geduldsarbeit herausgesucht: Er klebt winzige rosa Punkte auf ein graues Sommerkleid, das er in die Miniaturvitrine stellen will. Mohammad Mohmoud stammt aus Syrien. Er ist 21 Jahre alt und lebt seit Anfang 2016 in Deutschland. Ebenso wie die beiden anderen aus seiner Gruppe hat er schon berufliche Erfahrungen: „Ich mache ein Praktikum in einem Restaurant.“ Die hier gewonnenen Kenntnisse kann er in die Potenzialanalyse einfließen lassen, müssen doch am zweiten Tag des Talentechecks Waffeln gebacken werden.

Weil die Nachfrage nach der Maßnahme groß ist, entschied die HWK Service GmbH, sie auch außerhalb Würzburgs anzubieten. „Wir waren schon in Aschaffenburg und Kitzingen“, berichtet Hirsch. Bis zu zwölf Flüchtlinge können an einem Durchgang teilnehmen. Gute Sprachkenntnisse sind nicht vonnöten, auch wenn sie die Teilnahme erleichtern. Doch jede Aufgabe wird durch ein Infoblatt mit Piktogrammen erklärt.

Etwa alle zwei Wochen findet die Maßnahme statt. Die nächsten Potenzialanalysen sind für den 22. bis 24. November sowie vom 6. bis 8. Dezember geplant. Die vom Integrationspakt Bayern zu 60 und von der Handwerkskammer zu 40 Prozent finanzierte Initiative soll auch 2018 angeboten werden.

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