Bad Neustadt

Warum 100-jährige Firmen in Rhön-Grabfeld so vital sind

Fahrradteile und Spielzeugpuppen - wer kann bei diesen Begriffen eine Verbindung mit dem Wirtschaftsstandort Rhön-Grabfeld erkennen? Der, der 100 Jahre zurückblickt.
Eine stattliche Flaggen-Parade begrüßt die Gäste beim Firmen-Eingang zum Automobilzulieferer Preh in Bad Neustadt. Das Unternehmen wird im März 100 Jahre alt.
Eine stattliche Flaggen-Parade begrüßt die Gäste beim Firmen-Eingang zum Automobilzulieferer Preh in Bad Neustadt. Das Unternehmen wird im März 100 Jahre alt. Foto: Hubert Herbert

Im nordöstlichsten Landkreis Unterfrankens gibt es eine erstaunliche Industriedichte, und das seit langer Zeit. Denn drei von den Großbetrieben in Rhön-Grabfeld können in diesem Jahr auf ein 100-jähriges Bestehen zurückblicken. Alle drei - Reich in Mellrichstadt, Preh und Jopp in Bad Neustadt - sind Automobilzulieferer - eine Branche, die momentan auf große Veränderungen reagieren muss.

Und dass sie dazu in der Lage sind, haben die Unternehmen in ihrer langen Geschichte jeweils bewiesen. Reich und Jopp begannen vor 100 Jahren in Zella Mehlis mit Fahrradteilen. Preh produzierte 1919 in Bad Neustadt Elektroteile für die noch junge Rundfunkindustrie. Hatte aber auch schon in den 30er-Jahren vorübergehend Autozubehör gefertigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Preh zunächst mit Spielzeug: Puppen wurden aus ungenutzten Kunststoffspritzautomaten hergestellt. Und die elektrischen Kenntnisse in ein ferngesteuertes Auto gesteckt.

Ersten Krisen getrotzt

Durch die Rezession in den 1970er-Jahren und der Branchenkrise in der deutschen Unterhaltungsindustrie musste sich das Bad Neustädter Unternehmen neu ausrichten. Es wurde  Automobilzulieferer. Mit dem Kerngeschäft für Bediensysteme im Fahrzeugcockpit hat Preh in die Wachstumsmärkte für E-Mobilität und die Vernetzung von Fahrzeugen investiert. Die Preh Gruppe hat mittlerweile Standorte in Deutschland, Portugal, Rumänien, Polen, Schweden, den USA, Mexiko und China. Damit zählt das Unternehmen zu einem Global Player für Automotive Electronics. Seit 2011 gehört es zur chinesischen Joyson-Gruppe. Mittlerweile beschäftigt die Preh-Gruppe weltweit 7300 Mitarbeiter und erzielt laut Firmenangabe einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro.

Kurz vor dem Kriegsende in Bad Neustadt 1945 wurde Jakob Preh von einem Nazi erschossen, als er die Stadt den Alliierten übergeben wollte.
Kurz vor dem Kriegsende in Bad Neustadt 1945 wurde Jakob Preh von einem Nazi erschossen, als er die Stadt den Alliierten übergeben wollte. Foto: Reinhold Albert

Während Jakob Preh am 11. März 1919 in einer Gaststätte mit Kegelbahn begonnen hatte, fing die Reich-Geschichte mit einem Zweimann-Betrieb im Keller des Privathauses der Familie in Zella-Mehlis an. Die Brüder Karl und Franz Reich gründeten in Thüringen eine Fahrradteilefabrik. Hundert Jahre später ist die Reich GmbH mit Hauptsitz in Mellrichstadt ein Unternehmen mit 1200 Mitarbeitern und einem Umsatz von über 150 Millionen Euro.

Reich setzt auf E-Bike und E-Mobilität

Der Wachstumskurs mit Rekordumsätzen und steigenden Mitarbeiterzahlen ist darin begründet, dass Karl-Hermann Reich für die heutige Positionierung der Firma die entscheidenden Weichen gestellt hatte. Er hat das Produktportfolio der Reich GmbH für die Automobiltechnik erweitert und so die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg von Mellrichstadts größtem Arbeitgeber gelegt. Auch wenn im Moment Dieselskandal, Brexit und vom US-Präsidenten angekündigte Strafzölle auf deutsche Autos für eine unsichere Lage am Markt sorgen: Seine Kinder und Nachfolger, Nina und André Reich, sehen das Unternehmen bestens für die Zukunft gerüstet. Insbesondere am boomenden Markt für Elektro-Räder und E-Mobilität will die Reich GmbH in den kommenden Jahren ein gutes Wachstum generieren.

Das Reich-Firmengelände in Mellrichstadt aus der Luft betrachtet.
Das Reich-Firmengelände in Mellrichstadt aus der Luft betrachtet. Foto: Reich GmbH

Wie Reich kam auch Jopp 1919 aus Zella Mehlis nach Neustadt an der Saale. Die Stadt lag strategisch günstig an der Bahnlinie München/Frankfurt - Berlin. Den Grundstock der Firma hatte Andreas Jopp 1881 mit Fahradteilen gelegt. Sein Sohn Theodor war Büchsenmacher. Um seine Kenntnisse für internationale Märkte zu schärfen, war Theodor Jopp von 1908 bis 1911 in den Vereinigten Staaten. Am 6. Februar 1919 kaufte er die ehemalige Klostermühle mitten in Neustadt. Dort produzierte er Fahrradteile und reparierte landwirtschaftliche Maschinen. Mitte der 1920er-Jahre wurden erste Automatendrehbänke beschafft. Aufträge für Massenartikel wie Schrauben folgten schnell. Daneben wurde der Maschinenbau stark vorangetrieben. Das junge Unternehmen entdeckte das Automobil mit seinen noch viel größeren Produktionsmöglichkeiten. Im April 1961 wurde der Standort in den Stadtteil Herschfeld verlegt.  

Jopp mit 1900 Mitarbeitern

1991 kommt das Unternehmen in finanzielle Schieflage und wird schließlich von Hubert P. Büchs übernommen und als Jopp GmbH geführt. Umsatz und Belegschaft steigen in den folgenden Jahren stark an. Getriebeschaltungen für die Automobilindustrie sind das Hauptgeschäft von Jopp. In der Zukunft sollen Entwicklungen in der Elektromobilität großen Raum einnehmen. Das Unternehmen hat im Jubiläumsjahr rund 1900 Mitarbeiter, erzielt einen Umsatz von 210 Millionen Euro und ist weltweit an elf Standorten vertreten.

Regional denken - global handeln: Beim Hauenstein Bergrennen in Hausen/Rhön sponsert das Bad Neustädter Unternehmen die traditionsreiche Rennsport-Veranstaltung.
Regional denken - global handeln: Beim Hauenstein Bergrennen in Hausen/Rhön sponsert das Bad Neustädter Unternehmen die traditionsreiche Rennsport-Veranstaltung. Foto: Martin Traub

Dass sich diese Unternehmen gerade durch ihre Standorttreue hervortun, gefällt Jörg Geier besonders. Für den Wirtschaftsförderer des Landkreises Rhön-Grabfeld geht es nicht nur um die Jobs, die diese Firmen anbieten, sondern vor allem um die Qualität der Arbeitsplätze. "Das sind alles Träger des Fortschritts für den Landkreis. Sie haben das Potenzial Arbeitnehmer von auswärts in die Rhön zu bringen. In Zeiten des demografischen Wandels ein absoluter Pluspunkt für uns." Zumal alle Betriebe auch ausbilden und Arbeitsplätze vorhalten, die Familien ernähren können. Er freue sich immer wieder, wenn er langjährige Betriebsjubilare in der Zeitung abgebildet sieht. "Das kann durchaus weitere 100 Jahre so laufen", lacht er.

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