Würzburg/Schweinfurt

Corona und Fachkräftemangel: Es wird mau auf dem Bau

Die Baufirmen sind die Zugpferde im unterfränkischen Handwerk. Doch sie stecken in mehrfacher Hinsicht in der Bredouille. Warum das so ist und was Kunden davon haben.
Fachkräfte fehlen, Aufträge gehen zurück: Das Bauhandwerk steckt doppelt in der Bredouille (Symbolbild). Für die Kunden kann das Vorteile haben.
Fachkräfte fehlen, Aufträge gehen zurück: Das Bauhandwerk steckt doppelt in der Bredouille (Symbolbild). Für die Kunden kann das Vorteile haben. Foto: Arne Immanuel Bänsch, dpa

Volle Auftragsbücher, mehr Umsatz als vor einem Jahr – und trotzdem Alarm: Das Bauhandwerk befindet sich in Zeiten von Corona in einer kuriosen Situation. Für die Kunden ist das teilweise ein Vorteil: Zwar müssen sie nach wie vor lange auf einen Handwerker warten, aber die Preise werden wohl sinken.

Corona würgt die Wirtschaft im Land ab, das ist bekannt. Doch auf dem Bau brummt es weiterhin. Ein trügerisches Bild: Die Handwerksbetriebe leben vom Vorrat, die aktuellen Aufträge stammen meistens aus der Zeit vor Corona – allerdings kommt kaum was Neues nach. Das jedenfalls ist die Einschätzung von Manfred Dallner, Geschäftsführer der Bauinnung Mainfranken-Würzburg.

"Momentan sind die Betriebe ausgelastet", so Dallner. Die Auftragsbücher seien mitunter bis Jahresende voll. Doch gerade bei den Aufträgen im kommunalen Bereich, also von Städten und Gemeinden, "sind Bremsspuren zu erkennen". Zahlen dazu hat Dallner zwar nicht, aber eine Beobachtung: Im Bayerischen Staatsanzeiger, in dem Bauausschreibungen veröffentlicht werden, sei zurzeit "fast nichts mehr drin".

Ähnliches zeigen auch in dieser Woche veröffentlichte Zahlen des Landesamtes für Statistik. Demnach sind im Mai 18 Prozent weniger Aufträge im Bauhauptgewerbe Bayerns eingegangen als im Mai des Vorjahres. Unter Bauhauptgewerbe fällt vor allem der Bau von Gebäuden und Straßen sowie Tiefbau. In Unterfranken arbeiten in diesem Bereich 8600 Menschen in Betrieben mit mindestens 20 Beschäftigten.

Für die Handwerkskammer in Würzburg ist das Bauhauptgewerbe das konjunkturelle Zugpferd des regionalen Handwerks. Zusammen mit den auf Ausbau spezialisierten Unternehmen macht der Bau 46 Prozent der Handwerksbetriebe in Unterfranken aus und ist damit der Krösus unter den insgesamt 18 700 Unternehmen.

Doch dieses Zugpferd steckt in der Bredouille: Zum einen gehen die Aufträge zurück, zum anderen grassiert nach wie vor der Fachkräftemangel. Und der werde auch nach Corona noch da sein, sagen Experten wie Geschäftsführer Markus Glasl vom Ludwig-Fröhler-Institut für Handwerkswissenschaften in München.

Dass der Mangel an Fachkräften in Mainfranken zurzeit besonders schlimm ist, will die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) mit Bezug auf Zahlen der Agentur für Arbeit festgestellt haben. So hätten allein in Würzburg bei Baufirmen 34 Fachkräfte-Stellen über drei Monate hinweg nicht besetzt werden können, heißt es in einer Mitte der Woche verbreiteten Mitteilung. Im Raum Kitzingen zum Beispiel seien es 27 Stellen gewesen, in Main-Spessart gar 56.

"Viele Firmen arbeiten wegen der anziehenden Nachfrage längst am Limit – und das sogar in Zeiten von Corona", wird Mainfrankens IG-BAU-Vorsitzender Michael Groha in der Mitteilung zitiert. Die Betriebe müssten jetzt "in die Fachleute von morgen investieren". Die Branche müsse für Arbeitende attraktiver werden, fordert Groha.

Was die Gewerkschaft IG BAU fordert

Das fängt für die Gewerkschaft beim Geld an. Deswegen hat die IG BAU in der laufenden Tarifrunde 6,8 Prozent mehr Lohn für die bundesweit 850 000 Beschäftigten gefordert. Außerdem solle die mitunter "lange, bislang unbezahlte Fahrerei zur Baustelle entschädigt werden". Die Arbeitgeber haben die Forderungen abgelehnt, die Verhandlungen stecken fest.

Was die Attraktivität der Bauberufe angeht, liegt nach Ansicht von Gewerkschafter Groha einiges im Argen. "Drei Jahre nach der Ausbildung haben im Schnitt zwei von drei Bauarbeitern ihre Branche verlassen." Neben dem Lohn sei auch fehlende Anerkennung für die erbrachte Leistung ein Grund für das Abwandern. "Aktuell erleben wir einen regelrechten Facharbeiter-Schwund", behauptet der Bezirksvorsitzende der IG BAU.

Ganz so dramatisch sieht Ralf Stegmeier die Lage nicht. "Der Fachkräftemangel ist da", aber er falle zurzeit im Vergleich zu den Vormonaten nicht aus dem Rahmen, sagt der Obermeister der Bauinnung  Mainfranken-Würzburg auf Anfrage. Die Betriebe hielten sich bei Neueinstellungen vor allem wegen der Corona-Krise zurück.

Stegmeier ist auch Geschäftsführer von Trend-Bau in Röttingen (Lkr. Würzburg) mit 50 Beschäftigten. Wegen der dunklen Wolken am Konjunkturhimmel sei er momentan zurückhaltend bei Neueinstellungen. Der Unternehmer rechnet damit, dass wegen der Flaute die Preise im Bauhauptgewerbe bald sinken.

Diese Einschätzung trifft auch der Geschäftsführer seiner Innung, Manfred Dallner. Bei öffentlichen Ausschreibungen gehen schon jetzt "die Preise deutlich nach unten". Auch Dallner hat beobachtet, dass Baufirmen bei der Einstellung von ausgebildeten Fachkräften momentan zögern. "Aber Lehrlinge werden gesucht."

Kein Wunder: Seit einigen Jahren bleiben in den unterfränkischen Handwerksbetrieben jeweils etwa 1000 Lehrstellen unbesetzt. "Wenn wie in den vergangenen Jahren die Zahl der Auszubildenden zurückgeht, hat das großen Einfluss auf das Fachkräftebild", ist der Sprecher der Handwerkskammer für Unterfranken, Daniel Röper, überzeugt.

Weniger Aufträge, Fachkräftemangel, sinkende Preise: Die Baubranche erlebt derzeit unruhige Zeiten, wie andere Wirtschaftszweige auch. Eines aber bleibt unverändert, glaubt man Innungsgeschäftsführer Dallner: Kunden müssen nach wie vor lange auf einen Handwerker warten. Bis zu acht Wochen sei im Schnitt die Vorlaufzeit – bis auf Weiteres.

Verzögerte Talfahrt auch beim Druck

Neben den Bauunternehmen bekommen auch die Druckereien die Folgen der Corona-Krise mit Verzögerung zu spüren. Nachdem der Bestand abgearbeitet war, seien im zweiten Vierteljahr 2020 die Aufträge für zwei Drittel der Betriebe um gut 25 Prozent zurückgegangen, für ein Viertel gar um mehr als 50 Prozent, teilte der Verband Druck und Medien Bayern (VDMB) am Donnerstag mit. Dass an der Talfahrt Unternehmen nicht zu Grunde gehen, "ist der Schnelligkeit und vor allem der Vehemenz des Handelns der Politik zu verdanken", betonte Verbandsvorsitzender Christoph Schleunung aus Marktheidenfeld (Lkr. Main-Spessart). Er zeigte sich zuversichtlich, dass die Druckbranche einen langen Atem in der Corona-Krise hat. Es herrsche "verhaltener Optimismus".
aug

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