Bad Neustadt

Jopp-Chef über Corona: Immer für Krisen gewappnet bleiben

Die Corona-Krise hat viele Mittelständler unter den Autozulieferern ins Schlingern gebracht. Wieso Jopp-Chef Martin Büchs in Bad Neustadt trotzdem Hoffnungsschimmer sieht.
Jopp-Chef Martin Büchs in seinem Büro mit einer Puppe, die eine Mund-Nase-Maske trägt. Solche Masken stellt Jopp in seinen Werken in Mexiko und Ungarn her.
Jopp-Chef Martin Büchs in seinem Büro mit einer Puppe, die eine Mund-Nase-Maske trägt. Solche Masken stellt Jopp in seinen Werken in Mexiko und Ungarn her. Foto: Gesine Dietze

Spätestens als Autokonzerne wie VW oder Daimler die Produktion wegen der Corona-Krise herunterfuhren, war klar: Die oft mittelständischen Zulieferer trifft das ins Mark - auch in Mainfranken. Stellvertretend für die Branche zeigt Geschäftsführer Martin Büchs von der unter anderem auf Schaltsysteme spezialisierten Jopp-Gruppe mit ihren 630 Beschäftigten in Bad Neustadt, wie die Lage ist und wohin die Wege führen.

Frage: Wie geht es Jopp in der Corona-Krise?

Martin Büchs: Die Krise bringt für Jopp natürlich massive Eingriffe und bedroht die Existenz der Autoindustrie. Insofern finde ich keine guten Worte, um die Situation positiv zu beschreiben. Sie ist ernst, aber nicht aussichtslos.

Wie gehen Sie als Unternehmer mit dieser Situation um? In welcher Weise haben Sie Angst vor dem, was da ist und was noch kommt?

Büchs: Angst ist kein guter Ratgeber. Wir versuchen immer das Beste aus den Situationen zu machen, die sich ergeben. Allerdings ist die aktuelle Situation beispiellos. Das haben wir noch nie erlebt, dass eine komplette Industrie über Nacht heruntergefahren wurde. Insofern gibt es keine Vorbilder, wie man sich in einer solchen Lage verhält. Wichtig ist: Kommunikation und Haltung. Wir glauben, dass es auch wieder was werden kann. Ich denke, wir haben da unsere Hausaufgaben zumindest teilweise gemacht und die richtigen Schlüsse gezogen, weil wir ja ein für uns komplett neues Produkt auf den Markt gebracht haben, das es vorher gar nicht gab.

Welches Produkt?

Büchs: Wir stellen seit einigen Wochen in Ungarn und Mexiko Mund- und Nase-Masken her. Nur an diesen Standorten haben wir Nähmaschinen und entsprechendes Know-how. In Bad Neustadt machen wir dafür teilweise den Vertrieb.

Mal nur betriebswirtschaftlich betrachtet: Was bringen diese Masken? In welchem Maße fangen sie Umsatzverluste auf?

Büchs: Wir decken damit aktuell 20 Prozent unserer Fixkosten. Das hilft, einen Teil unserer Beschäftigung zu sichern. Und immerhin helfen wir mit den mehr als 100 000 ausgelieferten Masken bei der Bekämpfung der Pandemie.

Was ist schon jetzt Ihre wichtigste Erkenntnis aus der Corona-Krise?

Büchs: Man darf sich in guten Zeiten nie zu sicher sein, dass diese Zeiten lang anhalten werden. Man muss immer für eine Krise gewappnet bleiben. Wichtig ist und war die Kommunikation mit den Mitarbeitern, mit Banken, mit den Gesellschaftern, mit verschiedenen Interessensgruppen des Unternehmens. Ich bin einigermaßen zufrieden, wie das bisher geklappt hat. Aber ich denke, dass die nächsten Monate immer noch anstrengend sein werden. Weil wir immer noch dabei sind, nachzujustieren bei Maßnahmen zur Gesunderhaltung und um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern.

Wenn es all den Autozulieferern wegen Corona ähnlich schlecht geht: Entsteht da ein neuer Schulterschluss unter den Unternehmen?

Büchs: Ich habe durchaus viele Gespräche mit Unternehmern, die in einer vergleichbaren Situation wie wir sind. Manchmal hilft es, sich einfach auszutauschen und zu sehen, dass die Lage woanders auch nicht besser ist. Trotzdem muss jeder für sich die Schlussfolgerungen ziehen und für sein Unternehmen das Beste daraus ableiten.

Hat Jopp vor Corona genug zur Seite gelegt, um mit diesen Reserven durch die Krise zu kommen?

Büchs: Mein Vater hatte die Firma 1991 übernommen – damals aus einer Krise heraus. Insofern sind wir krisenerprobt. Mein Vater hat die Philosophie verfolgt, kein Geld auszuschütten, sondern das Geld immer in der Firma zu lassen. Das hat sich nicht verändert. Der Gewinn bleibt im Unternehmen, er wird in Maschinen, Gebäude oder neue Entwicklungen investiert.

Schön und gut, aber solche Investitionen sind gebundenes Kapital. Damit können Sie ja jetzt Ihre Mitarbeiter nicht bezahlen. Es geht vielmehr um Reserven für die Liquidität.

Büchs: Es ist in dieser Zeit natürlich wichtig, dass wir liquide sind. Dazu gibt es Mittel, die man auf der Bank hält. Es gibt aber auch Kreditlinien, die man mit Banken offen hat. Beides ist wichtig und richtig – und das haben wir in ausreichendem Maße. Ich bin auch froh, dass wir eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Kapitalgebern haben. Ich muss mir da in den nächsten Monaten keine übergroßen Sorgen machen. Es hat uns in der Krise auch geholfen, dass der Staat Hilfsmaßnahmen beschlossen hat. Also neue Kreditprogramme mit einer Haftungsfreistellung durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau, KfW. Das hilft auch uns, obwohl wir heute eine ausreichende Liquidität haben. Trotzdem war es wichtig, für den schlimmsten Fall vorzusorgen. Deswegen haben wir neue Kredite beantragt und bewilligt bekommen, die uns über die nächsten Monate hinweg helfen, sollte die Krise länger dauern, als wir es derzeit vorhersehen können.

Wenn man die Uhr zurückdrehen könnte: Was würden Sie mit Blick auf Corona dann anders machen?

Büchs: Es ist noch zu früh, Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich bin der Meinung: Wir haben unsere Hausaufgaben jetzt erst mal gut gemacht. Wir haben bei Jopp keinen einzigen Infizierten. Das ist vielleicht ein Stück weit Glück. Aber wir haben die Gesundheitsmaßnahmen frühzeitig eingeführt. Bei uns wurde die Maskenpflicht früher eingeführt als in der Öffentlichkeit. Was das finanzielle Überleben angeht, ist man nie endgültig gewappnet, wenn eine Krise kommt. In guten Zeiten haben wir schon immer das zurückgelegt, was möglich ist. Mehr ging jetzt nicht. Wir müssen nun das Beste aus der Situation machen. Ich bin optimistisch, dass uns das gelingt.

Corona hat für die Unternehmen viele Lieferketten vom und ins Ausland lahmgelegt, weil ja kein wirtschaftlich wichtiges Land von der Pandemie verschont geblieben ist. Wie merken das die Autozulieferer im Allgemeinen und Jopp im Besonderen?

Büchs: Das ist ein großes Problem für die Automobilindustrie und eine der Hauptfaktoren dafür, dass die Hersteller ihre Werke geschlossen haben. Es gibt für China Lieferzeiten per Seefracht von sechs bis acht Wochen. Weil in China Werke geschlossen blieben, wurde der Vorrat hierzulande langsam knapp. Wir bei Jopp merken das gar nicht so massiv, weil wir mit unseren Werken weltweit sehr regional aufgestellt sind. Das heißt, unser chinesisches Werk liefert für den chinesischen Markt, unser mexikanisches Werk für den amerikanischen Markt und in Europa sind die Werke nur für Europa da. Wir haben also nicht viele Lieferketten, die zwischen den Kontinenten hin und her gehen. Insofern haben wir keine massiven Störungen der Lieferketten festgestellt. Ich hoffe natürlich, dass das so bleibt. Denn selbst innerhalb Europas kann man nicht sicher sein, dass Lieferanten aus Italien oder Spanien uns in den nächsten Wochen noch beliefern können.

Und was ist mit den Lieferungen von Jopp an die Kunden?

Büchs: Wir hatten zu keinem Zeitpunkt Schwierigkeiten, unsere Kunden zu beliefern. Im Gegenteil, wir waren überrascht, dass Kunden über Nacht keine Teile mehr gebraucht haben.

Wenn das Schlimmste an Corona vorüber ist: Können Autozulieferer dann ihre Werke einfach wieder von Null auf Hundert hochfahren?

Büchs: Wir haben Bereiche, in denen das funktioniert. Das sind zum Beispiel Drehmaschinen. Die kann man mal eine Schicht lang laufen lassen und dann wieder abstellen. Dann gibt es komplexere Drehmaschinen, die müssen warmgehalten werden. Die muss man mindestens 24 Stunden lang laufen lassen. Dann haben wir Wärmeprozesse, hinter denen Öfen stehen. Da braucht man tagelang, um diese Öfen hoch- und runterzufahren. Das macht eine genaue Abstimmung mit den Kunden wichtig. Die erfolgt jetzt gerade für den Wiederanlauf. Ich will nicht ausschließen, dass es da mal zu Problemen kommt bei uns oder bei Lieferanten, die noch kritischere Prozesse haben. Das müssen wir in der Automobilindustrie jetzt einfach bewältigen. Diese Situation ist ganz neu für uns. Aber wir haben in der Branche immer schwierige Situationen gemeistert. Das werden wir jetzt auch hinkriegen.

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