Würzburg

Tarifrunde im bayerischen Handel: Der Mai könnte heiß werden

Wie weit kann eine Gewerkschaft in wirtschaftlich heiklen Zeiten mit ihren Forderungen gehen? Das ist die Kernfrage bei der anstehenden Tarifrunde des Handels in Bayern.
In den Lebensmittelmärkten klingeln seit Monaten die Kassen, während andere Teile des Einzelhandels in den Seilen hängen. Das macht die anstehenden Tarifverhandlungen spannend.
Foto: Tobias Hase, dpa (Symbolbild) | In den Lebensmittelmärkten klingeln seit Monaten die Kassen, während andere Teile des Einzelhandels in den Seilen hängen. Das macht die anstehenden Tarifverhandlungen spannend.

Während bei Aldi, Edeka, Rewe und Co. während der Corona-Krise die Kassen munter klingeln, hängt der klassische Modehändler um die Ecke in den Seilen. Keine Frage: Die Pandemie hat gerade im Handel eine große Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern aufgerissen.

Vor diesem Hintergrund könnte der Mai ein heißer Monat werden. Denn dann beginnen im Handel in Bayern die Tarifverhandlungen.  Die Kernfrage in diesen besonders heiklen Zeiten wird sein, wo die Schmerzgrenze liegt bei dem, was die Gewerkschaft Verdi fordert.

Ein Bild, das es vielleicht bald wieder gibt: Verdi-Sekretär Peter König (vorne, hier 2019 bei einer Streikaktion in Schweinfurt) sieht eine große Kampfbereitschaft der Belegschaften des Handels, was die im Mai beginnenden Tarifgespräche angeht.
Foto: Martina Müller | Ein Bild, das es vielleicht bald wieder gibt: Verdi-Sekretär Peter König (vorne, hier 2019 bei einer Streikaktion in Schweinfurt) sieht eine große Kampfbereitschaft der Belegschaften des Handels, was die im Mai ...

Das wurde am Mittwoch bei einem Online-Pressegespräch in Würzburg deutlich. Die Kampfbereitschaft der Beschäftigten sei groß, hob Verdi-Fachbereichssekretär Peter König hervor. Schon Mitte Mai könne es zu ersten Aktionen in den Betrieben kommen.

Erst im März hatten Warnstreiks der IG Metall im Zuge der Tarifrunde in Mainfranken für Schlagzeilen gesorgt. Ist es dort mittlerweile zu einer Einigung gekommen, steht diese im Handel aus. Am 3. Mai sollen nach Verdi-Angaben die Verhandlungen für den Einzel-/Versandhandel sowie am 10. Mai für den Groß- und Außenhandel beginnen.

Was Verdi fordert

Verdi fordert unter anderem 4,5 Prozent mehr bei den Löhnen und Gehältern sowie generell 45 Euro Aufschlag pro Monat. Die Laufzeit der Tarifverträge soll zwölf Monate betragen. Ein laut König zentraler Punkt ist zudem, dass die Tarifverträge im Handel wieder allgemeinverbindlich werden.

Das würde bedeuten, dass diese Verträge dann auch für nicht an den Tarif gebundene Unternehmen gelten. Das Bundesarbeitsministerium kann nach Antrag beider Tarifparteien diese Allgemeinverbindlichkeit anordnen, wenn es zum Beispiel wegen schwieriger Wirtschaftslage im öffentlichen Interesse ist. Laut König gibt es im Handel diese Allgemeinverbindlichkeit seit vielen Jahren nicht mehr.

Das Problem: die fehlende Tarifbindung

Eine Forderung von besonderer Tragweite, denn nach Verdi-Angaben sind in Deutschland gerade mal 28 Prozent der Betriebe des Einzelhandels (Großhandel: 33) an den Tarif gebunden. In der gesamten Wirtschaft liege diese Quote bei 52 Prozent. Tendenz in allen Fällen: sinkend.

Mit anderen Worten: Verdi wird bei den anstehenden Tarifverhandlungen über eine Minderheit debattieren. Zudem zeichnet sich König zufolge gerade der Einzelhandel momentan durch ein "Schwarz und Weiß" aus: einige große Gewinner der Corona-Krise auf der einen, viele Verlierer auf der anderen Seite.

Ralf Ludewig zählt sich zu den Verlierern. Er betreibt in Bad Kissingen ein Modegeschäft mit zehn Angestellten. Der Lockdown habe dazu geführt, dass er im ersten Vierteljahr 2021 mit 90 Prozent weniger Umsatz klarkommen musste.

Was ein Modehändler berichtet

Sein Geschäft sei nicht tarifgebunden, so Ludwig auf Anfrage. Aber er habe sich bei der Bezahlung seiner Belegschaft immer an den Tarifverträgen orientiert – plus Aufschläge aufs Gehalt in guten Zeiten. Aber zurzeit könne er das nicht mehr leisten. "

Der Einzelhandel sei derzeit "so bipolar wie noch nie", ist die Einschätzung von Ludewig, der auch unterfränkischer Bezirksvorsitzender im Handelsverband Bayern ist. Gewinner und Verlierer: Der Lebensmittelhandel steht eindeutig im Sonnenschein. "Wir sind seit einem Jahr im Dauerstress", betonte Marianne Kungu am Mittwoch beim Verdi-Pressegespräch. Sie arbeitet bei Kaufland in Bad Kissingen. Ihre Beobachtung: Die Wertschätzung der Kunden gegenüber dem Verkaufspersonal habe in letzter Zeit deutlich nachgelassen. Das erschwere die Arbeit.

Wie groß der Druck im Kessel ist, machte Verdi-Vertreter König am Mittwoch anhand einer aktuellen Umfrage seiner Gewerkschaft unter 4200 Beschäftigten im bayerischen Einzelhandel deutlich. Demnach sind 40 Prozent unzufrieden mit der Wertschätzung durch ihren Arbeitgeber. 43 Prozent machen sich wegen der Belastung im Job Sorgen um ihre Gesundheit.

Gewerkschaftsaktionen am 1. Mai

"Solidarität ist Zukunft" lautet heuer das Motto des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am Tag der Arbeit. Die traditionellen Aufmärsche seien wie im Vorjahr wegen der Pandemie abgesagt worden, teilte der DGB mit. Es werde allerdings unter Beachtung der Corona-Regeln in Würzburg, Schweinfurt, Lohr, Aschaffenburg und Ramsthal  (Lkr. Bad Kissingen) Kundgebungen im Freien geben. Das Treffen in Lohr wird unter www.unterfranken.dgb.de ab 11 Uhr live im Internet übertragen. Es spricht unter anderem der regionale DGB-Geschäftsführer Frank Firsching. Zudem sende der DGB ab 14 Uhr auf seiner Website sowie auf Facebook und Youtube ein bundesweites Programm zum 1. Mai.
aug
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