Schweinfurt/Würzburg

Tag der Arbeit: So bewertet Unterfrankens DGB-Chef die Lage

Die Corona-Krise hat unsere Art zu arbeiten verändert. Jetzt steht der Tag der Arbeit an. Kann man den 1. Mai überhaupt feiern? Sehr wohl, meint Frank Firsching vom DGB.
Der 1. Mai hat als Tag der Arbeit nichts an Bedeutung verloren - trotz oder gerade wegen Corona: Davon ist Unterfrankens DGB-Chef Frank Firsching überzeugt. Das Bild zeigt ihn in seinem Büro in Schweinfurt.
Der 1. Mai hat als Tag der Arbeit nichts an Bedeutung verloren - trotz oder gerade wegen Corona: Davon ist Unterfrankens DGB-Chef Frank Firsching überzeugt. Das Bild zeigt ihn in seinem Büro in Schweinfurt. Foto: Anand Anders

Die Corona-Krise hat zu einem massiven Anstieg von Home-Office und Kurzarbeit geführt. Unternehmen müssen neue Wege gehen, die Mitarbeiter sowieso. Was wird das über die Krise hinaus mit unserem Arbeitsalltag machen? Was sollten Unternehmer daraus lernen? Welche Rolle kommt dabei den Gewerkschaften und Betriebsräten zu? Frank Firsching (55), Unterfrankens Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Schweinfurt, gibt Antworten.

Frage: Home-Office, Video-Konferenzen, Kurzarbeit: Die Corona-Krise hat das tägliche Arbeiten verändert. Wie beurteilen Sie das? 

Frank Firsching: Eine generelle Aussage, ob das alles gut oder schlecht ist, ist nicht möglich. Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitsweisen ohnehin schon. Durch die Corona-Krise haben digitale Anwendungen an Schwung gewonnen, weil auch die Arbeitgeber die Möglichkeiten und Vorteile erkennen, die digitalisiertes Arbeiten bietet. Auch die Beschäftigten sehen vielfach Vorteile, wenn sie sich den Arbeitsweg sparen und von zuhause aus arbeiten können.

Begrüßen Sie das als Gewerkschafter?

Firsching: Jetzt kommt das Aber. Insbesondere diejenigen, die im Handwerk, in der Fabrik oder Produktion arbeiten, werden das nie von zuhause aus tun können. Deswegen muss man differenzieren. So lange die Rechte der Beschäftigten nicht negativ tangiert sind, also zum Beispiel durch Überwachung, sehen wir das digitale Arbeiten positiv. Positiv ist auch, wenn die Beschäftigten an der Gestaltung ihrer Arbeit beteiligt sind und die Arbeitsform nicht aufgedrängt bekommen.

Was sollten die mainfränkischen Unternehmer aus der Corona-Krise lernen?

Firsching: Sie lernen aktuell, dass sie Mitarbeitern vertrauen können. Wir haben ein hohes Maß an Home-Office. Das wurde bislang hier und da aus Misstrauen nicht eingesetzt.

Wenn die Corona-Krise vorüber ist, wie wird Mainfrankens Wirtschaft dann dastehen?

Firsching: Sie wird genauso dastehen wie andere Wirtschaftsregionen in der Republik. Die große Aufgabe wird dann sein, das Wirtschaftsleben wieder in Schwung zu bringen.

Welche Rolle werden dabei die Gewerkschaften und Betriebsräte haben?

Firsching: Sie haben aktuell die Rolle, die Arbeitsplätze und perspektivisch die Löhne zu sichern. Wir sind auch jetzt in Tarifverhandlungen. Dabei geht es in erster Linie um Arbeitsplatzsicherheit und in zweiter Linie um die Sicherung des Lohnniveaus, damit wir nach der Corona-Krise keinen Konsumeinbruch erleben müssen.

Auf der einen Seite wollen Ihre Gewerkschaften das Lohnniveau sichern, auf der anderen Seite hängen die Unternehmen wegen Corona in den Seilen.

Firsching: Die Unternehmer wissen, dass die Binnennachfrage wesentlich ist, um die Produkte an die Kunden zu bringen. Ohne gute Löhne werden wir unsere schönen Autos auch nicht verkaufen können.

Ein Bild, das es heuer wegen Corona nicht geben wird: Rund 300 Menschen beteiligten sich im vergangenen Jahr in Würzburg an der traditionellen Maikundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Diese Veranstaltungen zum Tag der Arbeit fallen diesmal aus.
Ein Bild, das es heuer wegen Corona nicht geben wird: Rund 300 Menschen beteiligten sich im vergangenen Jahr in Würzburg an der traditionellen Maikundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Diese Veranstaltungen zum Tag der Arbeit fallen diesmal aus. Foto: Patty Varasano
In Folge von Corona hat die Kurzarbeit in Mainfranken massiv zugenommen. Im Herbst ist zudem eine Welle von Insolvenzen zu erwarten. Haben Sie Angst vor dem, was da noch kommt?

Firsching: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Wir haben einen Sozialstaat, der gerade seine Stärke beweist. Beim Blick auf Länder wie die USA, die einen Sozialstaat nicht kennen, kann man den Unterschied feststellen. Unser Sozialversicherungssystem kann Instrumente bereitstellen wie Kurzarbeit und andere staatliche Hilfen für alle möglichen Gruppen. Das zeigt mir, dass die soziale Marktwirtschaft der freien Marktwirtschaft weit überlegen ist. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass wir mit einer gemeinsamen Anstrengung von Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften diese Krise bewältigen können.

Was bedeutet der 1. Mai in Corona-Zeiten? Wird dieser Tag der Arbeit überhaupt noch seinen ursprünglichen Geist behalten? 

Firsching: Der 1. Mai hat ja seinen Ursprung im 19. Jahrhundert. Damals ging es um die faire Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Wir haben auch noch heute zum Beispiel Menschen, die im Niedriglohnbereich tätig sein müssen. Wir haben viele Kolleginnen und Kollegen, die befristet oder unsicher beschäftigt sind. Bei all denen geht es auch in Zukunft darum, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dort, wo die Gewerkschaften stark sind, sind die Arbeitsbedingungen besser und die Löhne höher. Wir müssen daran arbeiten, dass wir die gesellschaftliche Bedeutung der Gewerkschaften nicht verlieren. Wenn wir schwächer werden, ist es schlechter für alle. Das sieht man im Gegenzug daran, dass unsere aktuellen Forderungen nach höherem Kurzarbeitergeld so langsam in der Politik ankommen.

Wie feiern Sie heuer den 1. Mai?

Firsching: Ich werde ihn zuhause verbringen wie andere auch. Ich werde meine DGB-Fahne ins Fenster hängen, ganz traditionell. Um 11 Uhr werde ich mit meiner Frau den DGB-Livestream auf Facebook oder der DGB-Homepage anschauen. Dazu werde ich uns Würste grillen, ein Bier aufmachen und auf die internationale Solidarität anstoßen.

1. Mai-Kundgebungen in Unterfranken
Wegen der Corona-Pandemie hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Unterfranken alle zehn geplanten Kundgebungen zum 1. Mai abgesagt. Wie Bezirkschef Frank Firsching in Schweinfurt weiter sagte, werde es stattdessen an diesem Freitag um 11 Uhr auf Facebook, YouTube und der DGB-Website Live-Übertragungen unter anderem mit Reden und Darbietungen diverser Künstler geben. Außerdem habe der DGB an tausende Mitglieder Fahnen verteilt mit dem Slogan "Solidarisch ist man nie alleine". Die Anhänger sollen diese Fahnen am 1. Mai in ihre Fenster hängen, um so den Tag der Arbeit zu würdigen, erklärt Firsching.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Jürgen Haug-Peichl
  • Arbeitgeber
  • Facebook
  • Frank Firsching
  • Gewerkschaften
  • Kurzarbeit
  • Kurzarbeitergeld
  • Löhne und Einkommen
  • Mitarbeiter und Personal
  • Niedriglohnbereich
  • Sozialleistungen
  • Sozialversicherungssysteme
  • Staatliche Unterstützung und Förderung
  • YouTube
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!