BERLIN/SCHWEINFURT

Flexibles Arbeiten nimmt zu – und das ist nicht immer gut

Arbeiten im Homeoffice
Zu Hause arbeiten und die Zeit frei einteilen: Das klingt verlockend. Doch in diesen Genuss kommen die wenigsten. Foto: Nicolas Armer, dpa

Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit, Heimarbeit, Arbeitszeitkonten, Sabbatical: Beispiele dafür, dass unser aller Arbeitsalltag mittlerweile bunt an Möglichkeiten geworden ist. Was zunächst positiv klingt, hat auch Nachteile.

Die Arbeitszeiten sind flexibler geworden, doch in den Genuss von Vorteilen kommen die wenigsten: Das zeigen jetzt Zahlen der Bundesregierung, die die Fraktion der Linken um den Bundestagsabgeordneten Klaus Ernst aus Schweinfurt im Rahmen einer Kleinen Anfrage angefordert hatte.

Arbeitszeitkonten: Satter Anstieg in Bayern

Demnach führten 2006 in Bayern 2,32 Millionen Beschäftigte ein Arbeitszeitkonto, 2016 waren es 63 Prozent mehr. In Deutschland stieg der Anteil dieser Konten im selben Zeitraum um 52 Prozent. Demnach arbeiteten zuletzt knapp 21 Millionen Beschäftigte im Land mit einem solchen Modell.

Die kürzlich vom Bundesarbeitsministerium vorgelegten Zahlen basieren im Wesentlichen auf einer jährlichen Befragung von bundesweit etwa 15 000 Unternehmen aller Wirtschaftszweige durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), einer Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Die jüngsten Statistiken sind von 2016, die Umfragen seien repräsentativ, so das Ministerium.

Arbeitszeiten: Eher was im Sinne der Chefs

Das Plus bei den Arbeitszeitkonten kann als Plus für die Unternehmer interpretiert werden: Denn mit ihnen können sie den Einsatz ihres Personals so steuern, dass Spitzenzeiten abgefedert werden, während die Beschäftigten an ruhigeren Tagen ihre Überstunden wieder abbauen dürfen.

Was positiv klingt, ist nach Ansicht der Linken ein Nachteil für die Arbeitenden: „Für die allermeisten bedeuten flexible Arbeitszeiten, dass allein das Unternehmen über die Arbeitszeit bestimmt. Das geht auf Kosten der Gesundheit und des Privatlebens der Beschäftigten“, sagte der Abgeordnete Klaus Ernst.

Und schickte eine Forderung hinterher: „Wir brauchen endlich Regelungen, dass Beschäftigte selbst über ihre Zeit verfügen können.“ Flexiblere Arbeitszeit im Sinne der Beschäftigten ist indes auch ein Streitthema bei den laufenden Tarifverhandlungen der Metallbranche, während derer es in den vergangenen Tagen auch in Mainfranken immer wieder Warnstreiks gegeben hat.

Wo Arbeitszeitkonten vor allem eingesetzt werden

Die vom Bundesarbeitsministerium vorgelegten Statistiken zeigen weiter, dass vor allem große Unternehmen Arbeitszeitkonten einsetzen. So sind es 2016 bei Firmen mit mehr als 500 Beschäftigten 84 Prozent gewesen (2006: 77), während Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern bundesweit im Schnitt bei 25 Prozent (2006: 15) liegen. Vor allem in der öffentlichen Verwaltung und im Bereich Bergbau/Energie/Wasser kommen die Konten zum Einsatz. Schwach sind sie im Gegenzug vor allem im Gastgewerbe vertreten.

Während Arbeitszeitkonten als Instrumente im Sinne der Chefs gelten, werden Home Office (Heimarbeit) oder Telearbeit als Vorzüge für die Arbeitnehmer angesehen. Hier ist noch deutlich Luft nach oben: Die Zahlen der Bundesregierung zeigen, dass gerade mal neun Prozent der Beschäftigten eine der beiden Möglichkeiten nutzen dürfen. In diesen Vorzug kommen in erster Linie Gutverdiener (ab 4500 Euro brutto im Monat) und Höherqualifizierte.

Sabbaticals: Nie die große Nummer gewesen

Auch als entlastend für Arbeitnehmer werden längere Auszeiten angesehen, sogenannte Sabbaticals. Wie die Linke von der Bundesregierung erfahren hat, wird dieser Abbau von Arbeitszeitguthaben – nicht berücksichtigt sind unbezahlte Urlaube – aktuell von gerade mal zwei Prozent der befragten Betriebe in Deutschland ermöglicht. Dieser Wert ist in den vergangenen zehn Jahren in allen Bundesländern nahezu unverändert geblieben. Auch hier gilt: In den Genuss dieser Erleichterung kommt man eher in großen Unternehmen.

Arbeitszufriedenheit, Gesundheit: Natürlich gibt es auch in Mainfranken Unternehmen die das bei der Arbeitszeit ihrer Beschäftigten in den Vordergrund stellen. So machte die Arbeiterwohlfahrt Unterfranken im vergangenen Jahr mit einem Drei-Konten-Modell für seine 2500 Mitarbeiter auf sich aufmerksam, das sogar von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles öffentlich gelobt wurde. AWO-Mitarbeiter können unter anderem Arbeitszeit als verzinstes Guthaben auf einem Langzeitkonto ansammeln.

Fast die Hälfte will kürzere Arbeitszeiten

Welchen Zusammenhang die Arbeitszeit mit der Gesundheit hat, machte zuletzt der „Arbeitszeitreport Deutschland“ für 2016 deutlich.

„Wer planbare Arbeitszeiten und Einfluss auf die Gestaltung seiner Arbeitszeit hat, ist oft gesünder und hat eine bessere Work-Life-Balance“, heißt es in der Analyse der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Und weiter: „Fast die Hälfte der abhängig Beschäftigten möchte ihre Arbeitszeit verringern.“

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