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Heftige Kritik am 12-Stunden-Tag

Mit einem bunten YouTube-Video hat die Wirtschaftskammer Österreich für den 12-Stunden-Arbeitstag geworben.
Mit einem bunten YouTube-Video hat die Wirtschaftskammer Österreich für den 12-Stunden-Arbeitstag geworben. Foto: Screenshot: Wirtschaftskammer Österreich / YouTube

Eine bunte Bergwelt, die an einen Jahrmarkt erinnert. Ein Eisverkäufer bedient eine Kundin. Eine Mechatronikerin repariert ein Auto, streckt den Daumen nach oben in die Luft. Ein Büroarbeiter sitzt als einziger am Schreibtisch und bekommt als Geschenk: Freizeit. Die bunten Knetfiguren arbeiten und dann arbeiten sie noch länger. Das wohl Wichtigste: Sie sind dabei immer fröhlich. 

Dabei handelt es sich nicht etwa um ein satirisches Video über die Leistungsgesellschaft, in der wir mittlerweile leben. Mit diesem 3-minütigem Film "Willkommen in der neuen Welt der Arbeit" wirbt die Wirtschaftskammer Österreich für den 12-Stunden-Arbeitstag.

Doch es gibt auch eine Figur, die mehr oder weniger kritisch nachfragt. Was ist mit Überstunden, Gehalt oder Kinderbetreuung? Das tut aber nicht etwa ein Arbeitnehmer, sondern ein Mops. Mal trägt er einen Schwimmreifen und Hut, dann eine Fliegerbrille und einen Schal. Die Botschaft lautet in allen Fällen: "Geht's dem einen guat, geht's uns allen guat." Die Wirtschaftskammer Österreich hat eigens dafür auch eine Homepage eingerichtet, auf der über den 12-Stunden-Tag informiert werden soll.

Worum es geht

Die österreichischen Regierungsparteien FPÖ und ÖVP haben den Gesetzesentwurf vorgeschlagen. Im Juli will es der Nationalrat beschließen. Ab 2019 soll man dann auf freiwilliger Basis bis zu zwölf Stunden am Tag und 60 Stunden in der Woche arbeiten dürfen. Aktuell sind es bis zu zehn Stunden täglich und 50 Stunden pro Woche. Das Ziel: Eine bessere "Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit", heißt es im Antrag der Parteien.

Was zunächst gut klingt, sehen Kritiker mit anderen Augen. Arbeitsrechtler und Arbeitnehmerverbände befürchten, dass die Freiwilligkeit zum 12-Stunden-Tag zum Zwang wird. Denn wenn Arbeitgeber die Mehrarbeit anordnen, können sich Mitarbeiter nur gegen Überstunden wehren, wenn sie ihr Ablehnungsrecht in Anspruch nehmen. Und das könnte auch vor Gericht enden. In einem Prozess müsste dann bewiesen werden, dass "überwiegend persönliche Interessen" des Arbeitnehmers gegen zwölf Stunden Arbeit sprechen.

Shitstorm in sozialen Netzwerken

Im Video wird der Umstand anders umschrieben: "Einmal länger hackeln gehen, wenn's das Geschäft verlangt, was der Chef dir mit mehr Freizeit dankt." Bei den Usern kommt das allerdings weniger gut an. Sie reagieren mit Spott und Häme bis hin zur Wut. Auf YouTube wurde das Werbevideo am 18. Juni veröffentlicht und bislang über 378.900 Mal aufgerufen. Den 608 "Daumen hoch" stehen 17.323 "Daumen runter" entgegen (Stand: 27. Juni 2018). 

Der User "DSR" schreibt: 

"Das Geld für dieses Machwerk wäre woanders besser investiert gewesen. Wenn wirklich bedarf an mehr Arbeitszeit da ist, wie wäre es mit Leute einstellen? Wenn ich mal wieder 10 Stunden hinter mir habe, reicht es, da braucht es nicht noch eine 11 und 12 Stunde. :-( P.S.: Wenn die Gewinne sich auch in den Löhnen wiederspiegeln würden , WÜRDS UNS ALLEN GUT GEHEN."

"Andre Lett" fragt:

"Wo ist der eine, dem es gut geht?"

Andere User machen sich über den Song selbst lustig wie "Media Punk":

"Respekt, das wird DER Smash Hit auf jeder Bad-Taste-Party!"

Bei "Pauleygamer" sorgt der kleine Mops für Aufregung:

"Was mich am wütendsten macht, ist, dass dieser wirklich süße Hund so unglaublich dreist belogen wird."

Auch auf der Facebook-Seite der Wirtschaftskammer gab es viele Reaktionen der User. Die wenigsten Kommentare sind positiv. Etwa postete "H.m. Murdoc" unter dem Videoclip:

"Da sieht man, was die Wirtschaft für ein Bild von der arbeitenden Bevölkerung hat... Die halten uns für Vollidioten und sich selbst für die smarte Elite. Wie sehr man sich doch ins eigene Knie schießen kann, trotz Kohle und eingebildeter Überlegenheit..."

Darauf entgegnete die Wirtschaftskammer:

"Wir haben ein sehr hohes Bild von allen Arbeitnehmern. Dass die Kampagne bei vielen Leuten nicht so aufgenommen wird wie bezweckt, haben wir zur Kenntnis genommen."

Andere User hoffen, dass das Video Satire ist oder meinen, die Wirtschaftskammer solle sich dafür schämen und lebe in einem Paralleluniversum. Selbstverständlich ließ auch das Echo bei Twitter auf die Werbeaktion nicht auf sich warten.

 

 

Eigentlich hätte der Clip auch als Werbespot im Fernsehen laufen sollen. Diese Pläne wurden aber mittlerweile gestoppt. Auch online wird es nicht mehr beworben. Wie kurier.at berichtet, hatte eine Sprecherin der Wirtschaftskammer betont, dass das nichts mit der Kritik an dem YouTube-Video zu tun habe.

Ab 13 Uhr in den Feierabend

Andere Betriebe zeigen, dass es nicht immer mehr Arbeit sein muss, um produktiv zu sein und eine bessere Work-Life-Balance zu erzielen. Zum Beispiel beim US-Unternehmen Tower, das Paddleboards verkauft. Hier wird nur fünf Stunden am Tag gearbeitet. Ab 13 Uhr geht es in den Feierabend. Die Idee dafür kam vom Geschäftsführer Stephan Aarstol. Die einstündige Mittagspause wurde weggelassen und damit der Arbeitstag nur um zwei Stunden verkürzt. Danach können die Angestellten "die Nachmittage für ihr außergewöhnliches Leben nutzen", sagte Aarstol in einem Gastbeitrag bei Business Insider.

Wie funktioniert der 5-Stunden-Arbeitstag?

Die wichtige Nachricht zuerst. Der Lohn ist hier gleich geblieben. Wie kann das also funktionieren? Ganz einfach: Der Firmengründer verlangt von seinen Mitarbeitern "doppelt so produktiv" zu sein wie der durchschnittliche Arbeiter. Das ist möglich, indem die Arbeitnehmer ihre vorhandene Energie effizienter nutzen. Und damit ist die Firma ziemlich erfolgreich. 2016 sei Tower zum schnellsten wachsenden privaten Unternehmen in San Diego ernannt worden, schreibt Aarstol weiter.

Auch in deutschen Firmen wird das Konzept schon umgesetzt. Bei der IT-Firma Rheingans Digital Enabler in Bielefeld arbeiten die Mitarbeiter ebenfalls nur noch fünf Stunden täglich. Umgesetzt wurde das mithilfe der richtigen Organisation, verriet der Chef Lasse Rheingans dem Radiosender egoFM. Zwischendurch WhatsApp-Nachrichten lesen und stundenlange Konferenzen - darauf wird mittlerweile verzichtet. Dafür hat Langhans in neue Hard- und Software investiert, damit seine Angestellten effizienter arbeiten können. Und wegen zu viel Freizeit hat sich bislang noch niemand beschwert.

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