Aschaffenburg

30 Jahre Internet – mehr als nur ein Hype

Seit 1989 gibt es das Internet. Wie aber sieht die (digitale) Welt in 30 Jahren aus? In einem Gastbeitrag macht sich Digitalministerin Judith Gerlach so ihre Gedanken.
Judith Gerlach ist seit November 2018 bayerische Digitalministerin.
Judith Gerlach ist seit November 2018 bayerische Digitalministerin. Foto: Angie Wolf

"Das Internet ist nur ein Hype", sagte der Microsoft-Mitgründer Bill Gates. Das war wohl ein Irrtum. 30 Jahre Internet ist vor allem eine Erfolgsgeschichte: Menschen aus aller Welt können miteinander kommunizieren; immer mehr Beschäftigte arbeiten von zu Hause aus und das ganze Wissen dieser Welt steht mit einem Mausklick zur Verfügung. Natürlich gibt es auch Schattenseiten, etwa Hackerangriffe, Fake News oder Cybermobbing – hier müssen wir gegenhalten. Nach drei Jahrzehnten Internet überwiegt die positive Bilanz: Das Internet und die darauf aufbauende Digitalisierung machen uns das Leben leichter, die Welt wird globaler und der bayerischen Wirtschaft eröffnen sich ganz neue Geschäftsmodelle.

Die richtige Balance beider Welten

Frei nach Karl Valentin sind Vorhersagen, wie die digitale Welt in 30 Jahren aussehen wird, schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Auf jeden Fall wird vieles, was wir heute noch als bahnbrechend und innovativ wahrnehmen, einfach schon zum Alltag gehören. Ich sehe das zum Beispiel bei meinen Kindern. Beide gehen mit moderner Technik ganz selbstverständlich um, einfach weil sie es so gewohnt sind. Die Wisch-Bewegung hatten sie schnell raus. Wir müssen aber aufpassen, dass die "digital natives" künftig noch einen Stift halten können. Wir brauchen die richtige Balance beider Welten.

"Wenn ich gefragt werde, wie ich mir 2049 vorstelle, dann glaube ich, dass wir alle mehr Zeit für Familie, Freunde und unsere Hobbies haben, da uns Maschinen viele lästige Aufgaben abnehmen."
Judith Gerlach, bayerische Digitalministerin

Wenn ich gefragt werde, wie ich mir 2049 vorstelle, dann glaube ich, dass wir alle mehr Zeit für Familie, Freunde und unsere Hobbies haben, da uns Maschinen viele lästige Aufgaben abnehmen. Arbeitsunfälle wird es kaum noch geben, weil dort wo es gefährlich wird, Kollege Roboter übernimmt. Sehbehinderte können Datenbrillen als tragbare Navigationsgeräte nutzen und der Verkehr fließt völlig autonom. In den Schulen kann jeder sein eigenes Lerntempo auf dem Tablet selbst bestimmen und die Aufgabe der Lehrer wird es dann sein, Gruppenarbeiten zu moderieren und bei Verständnisfragen individuell auf die Schüler einzugehen.

Neue Berufe werden entstehen

Arbeiten werden wir auch vom Wohnzimmer aus oder von unterwegs. Und die Arbeitswelt insgesamt, wird sich grundlegend verändert haben: neue Berufe werden entstanden sein, virtual-reality-Architekten oder eLearning-Konzepter. Teilweise sehen wir das ja schon. Wer heute in einer Autowerkstatt arbeitet, muss nicht nur einen Schraubenschlüssel bedienen können, sondern auch einen Computer. Mittels Telemedizin und OP-Robotern können selbst schwierigste Behandlungen überall durchgeführt werden – auch wenn der Arzt selbst am anderen Ende der Welt sitzt.

"2049 werden wir gelernt haben, dass es nicht auf den Kommunikationskanal ankommt, sondern auf den Ton."
Judith Gerlach, bayerische Digitalministerin

Die Umgangsformen werden auch in der digitalen Welt die entscheidende Grundlage für unser Miteinander sein. Bei manchen Kommentaren in den sozialen Netzwerken fragt man sich heute, ob manche Leute schon einmal was von Netiquette gehört haben. 2049 werden wir gelernt haben, dass es nicht auf den Kommunikationskanal ankommt, sondern auf den Ton. Das gilt digital genauso, wie analog. 

Ob es soweit kommt, werden wir sehen. Entscheidend für die weitere Entwicklung ist die digitale Infrastruktur: Breitband und Mobilfunk, insbesondere 5G. Hier hat nicht nur der Bund die Weichen gestellt, sondern auch der Freistaat Bayern fördert den Ausbau mit 2,5 Milliarden Euro. Dann geht es darum, dass wir bei Forschung und Entwicklung den Anschluss an die Weltspitze halten. Wenn es beispielsweise um künstliche Intelligenz geht, richtet sich der Blick momentan vor allem Richtung China und in die USA. Wir wollen, dass Bayern ein Flaggschiff der Digitalisierung wird. Deswegen investieren wir in unsere Hochschulen und die außeruniversitären Forschungseinrichtungen, um das Profil bei den Schlüsseltechnologien Big Data und Künstliche Intelligenz weiter zu schärfen.

Der schönste Spaziergang ist der im Freien

Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen schnell den Weg in die Praxis finden und zügig auf den Markt gebracht werden. Was wir dabei nicht vergessen dürfen, sind die Menschen, die einem disruptiven Wandel ausgesetzt sind. Lebenslanges Lernen ist heute wichtiger denn je. Das bedeutet, dass wir Schüler, Auszubildende und Studierende für eine digitalisierte Arbeitswelt fit machen müssen. Auch wer heute schon berufstätig ist, braucht das nötige Handwerkszeug, um nicht den Anschluss zu verlieren. Dafür haben wir geeignete Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen geschaffen.

Für mich überwiegen die Vorzüge der digitalen Welt und das nicht nur von Berufs wegen. Ich bin fest überzeugt, dass die Digitalisierung vieles besser, effizienter und leichter macht. Digital und analog sind in vielen Bereichen absolute Gegensätze, sie ergänzen sich aber auch sehr gut: Der schönste Spaziergang ist immer noch der im Freien. Trotzdem ist für mich ein Video-Chat mit meiner Familie, zwischen zwei Terminen, unbezahlbar. Und die Schafkopfrunde mit Freunden wird auch 2049 nicht virtuell sein, sondern ganz real.

Alle Beiträge zum Thema "30 Jahre Internet" finden Sie unter www.mainpost.de/30-jahre-internet

Judith Gerlach
Es war ein Überraschungscoup, als Ministerpräsident Markus Söder Anfang November die 33-jährige Judith Gerlach als erste bayerische Staatsministerin für Digitales in sein CSU/Freie- Wähler-Kabinett berief. Die studierte Juristin und Mutter zweier Kinder ist in Würzburg geboren und später in Aschaffenburg aufgewachsen.
2013 wurde Judith Gerlach mit 27 Jahren erstmals über die Unterfranken-Liste der CSU in den Bayerischen Landtag gewählt. Beim Urnengang im Oktober 2018 gewann sie mit 40,2 Prozent der Erststimmen das Direktmandat im Stimmkreis Aschaffenburg-Ost. Seit 2014 gehört die Enkelin des ehemaligen CSU-Bundestagsabgeordneten Paul Gerlach (1929-2009) auch dem Stadtrat in Aschaffenburg an.        (micz)                                 

Rückblick

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Aschaffenburg
  • 30 Jahre Internet
  • Balance
  • Bayerischer Landtag
  • Bill Gates
  • CSU
  • Digitalisierung
  • Digitaltechnik
  • Judith Gerlach
  • Karl Valentin
  • Markus Söder
  • Paul Gerlach
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!