HAMBURG (DPA)

Amazon weitet Lebensmittel-Service aus

Lebensmittellieferdienst Amazon Fresh       -  Ein Mitarbeiter des Lebensmittellieferdienstes Amazon Fresh packt am 18.07.2017 im Depot der Firma in Berlin die bestellten Waren in eine Transporttasche.
Ein Mitarbeiter des Lebensmittellieferdienstes Amazon Fresh packt am 18.07.2017 im Depot der Firma in Berlin die bestellten Waren in eine Transporttasche. Foto: Monika Skolimowska (dpa)

Amazon hat seinen Online-Supermarkt Fresh rund zweieinhalb Monate nach dem Deutschland-Start als zweite Region in Hamburg eingeführt. Der Service sei zunächst in Teilen der Hansestadt verfügbar, teilte der US-Konzern am Mittwoch mit. Amazon Fresh war Anfang Mai in Berlin und Potsdam mit einem Sortiment von rund 85 000 Artikeln gestartet.

Inzwischen sei das Angebot auf rund 300 000 Produkte gestiegen, weil auf Kundenwunsch nun auch mehr Waren aus dem Non-Food-Sortiment zur Fresh-Bestellung hinzugefügt werden können, hieß es.

Dem Dienst wird zugetraut, dem etablierten Lebensmittelhandel in Deutschland starke Konkurrenz zu machen und damit den Markt umzukrempeln.

Äußerlich sieht Amazons Vision für die Zukunft des Lebensmittel-Handels auch nur wie ein großer Supermarkt aus. Das Berliner Depot des Lieferdienstes Amazon Fresh besteht aus einer großen Halle mit Metall-Regalen. Dazwischen sind die «Picker» unterwegs - Mitarbeiter, die Kunden-Bestellungen zusammenstellen. Jeder schiebt einen Wagen mit acht der markanten grünen Zustell-Taschen vor sich.

Software übernimmt die Planung der Lebensmittelroute

Die Regalreihen sind bis zum einzelnen Fach durchnummeriert. Die Software übernimmt die Routenplanung. Direkt auf dem Bildschirm des Barcode-Scanners wird angezeigt, zu welchem Produkt es als nächstes geht. Der Weg führt von den schweren Sachen, die nach unten kommen, zu den zerbrechlicheren wie Nudeln sowie frischem Obst und Gemüse, das in der Tasche ganz oben landet.

Das Sortiment ändert sich: Gestartet war der Dienst mit einem Angebot aus 85 000 Artikeln, jetzt könnten durch die Ausweitung auf das Non-Food-Angebot rund 300 000 Artikel über Fresh bestellt werden, sagt Baumgartner. Die ersten Erfahrungen hätten nämlich gezeigt, dass viele Kunden auch alle möglichen anderen Dinge zu ihrem Lebensmittelankauf hinzufügen möchten, vom Rasensprenger bis zum Plüschtier. «Für uns gibt es in dieser frühen Phase und diesem hart umkämpften Markt derzeit nichts Wichtigeres als das Feedback der Kunden.»

Man könne zwar auch nicht alle Entwicklungen mit Datenauswertung und Algorithmen abbilden, sagt Baumgartner. Eine Tour durch das Depot im Norden Berlins macht aber deutlich, wie aus Amazons über Jahre eingespielter Logistik-Effizienz und dem von Konzernchef Jeff Bezos gebetsmühlenartig eingeforderten Fokus auf den Kunden tatsächliche Konkurrenz für deutsche Supermarktketten entstehen kann.

Vergleichbar kleines Gebäude

Dabei ist die Fresh-Halle mit ihren 12 000 Quadratmetern nur so groß wie ein einzelner weiträumiger Supermarkt. Frisches Brot wird direkt zur Auslieferung der Bestellung aufgebacken. Genauso der Wurstaufschnitt, bei dem man die Dicke der Scheiben auswählen kann. Die rund zwei Dutzend lokalen Händler, deren Produkte auch über Fresh vertrieben werden, liefern täglich an einen zentralen Sammelpunkt, von dem die Ware dann ins Depot gebracht wird.

Lebensmittellieferdienst Amazon Fresh       -  Eine Mitarbeiterin des Lebensmittellieferdienstes Amazon Fresh packt am 18.07.2017 im Depot der Firma in Berlin einen Bund Möhren in eine Transporttasche.
Eine Mitarbeiterin des Lebensmittellieferdienstes Amazon Fresh packt am 18.07.2017 im Depot der Firma in Berlin einen Bund Möhren in eine Transporttasche. Foto: Monika Skolimowska (dpa)

Noch sei es viel zu früh dafür, um einen Umbruch im deutschen Lebensmittelhandel zu erkennen, sagt Marktexperte Thomas Täuber von der Unternehmensberatung Accenture. Aber: «Amazon hat gezeigt, dass das Modell in den ausgewählten Regionen gut funktioniert und damit die Richtmarke für die Lebensmittelhändler wie REWE, Edeka, Aldi oder Lidl gesetzt», betont er. «Die müssen sich jetzt noch intensiver Gedanken machen, wie sie ihre Vorteile ausspielen können.» Die Rivalen in Deutschland, die lange Zeit hatten, sich auf den Start von Amazon Fresh vorzubereiten und eigene Online-Angebote starteten, hätten dem US-Giganten auch einiges entgegenzusetzen. «Sie haben die Kundenbindung in der gesamten Fläche, sie haben die Infrastruktur und Logistik und wenn sie das clever kombinieren mit neuen Flächenkonzepten, haben sie sehr wohl eine gute Chance, ihren Anteil am Markt zu sichern», sagt Täuber.

Er rechnet damit, dass immer mehr Kleinflächen-Märkte in zentralen Lagen entstehen, die die Online-Welt integrieren - zum Beispiel indem man online zusammengestellte Warenkörbe abholen kann. «Aber sie werden im reinen Online-Kanal wahrscheinlich nie die 85 000 Produkte und das Serviceniveau von Amazon erreichen», schränkt der Experte zugleich ein.

AmazonFresh Pickup       -  Der Internet-Handelskonzern Amazon bietet in einer Beta-Phase seinen Mitarbeitern einen neuen Lebensmittel-Service: 15 Minuten nach ihrem Online-Einkauf können sie an den an zwei Standorten in der Stadt eingerichteten Fresh Pickups ihre Lebensmittel abholen.
Der Internet-Handelskonzern Amazon bietet in einer Beta-Phase seinen Mitarbeitern einen neuen Lebensmittel-Service: 15 Minuten nach ihrem Online-Einkauf können sie an den an zwei Standorten in der Stadt eingerichteten Fresh Pickups ihre Lebensmittel abholen. Foto: Paul Gordon (ZUMA Wire)

Im Heimatmarkt USA machte Amazon vor kurzem Schlagzeilen mit der fast 14 Milliarden Dollar schweren Übernahme der auf hochwertige und entsprechend teure Lebensmittel spezialisierten Ladenkette Whole Foods Market. Der Großteil ihrer 461 Geschäfte ist in den USA, aber 9 liegen mit Großbritannien auch in Europa. Wäre das auch ein Weg für Deutschland? Amazon-Manager Baumgartner weicht aus - derzeit gehe es darum, hier das Fresh-Konzept zum Laufen zu bringen.

Kunden in Deutschland müssen erst überzeugt werden

Im Moment müssen Kunden in Deutschland zunächst noch überzeugt werden, dass die online bestellten Waren genauso frisch und ohne Unterbrechung der Kühlkette geliefert werden wie im gewohnten Supermarkt. Die eingehende Frischware, die zunächst komplett im Kühlbereich landet, werde von ausgebildeten Produktspezialisten begutachtet, heißt es bei Amazon. In die Liefertaschen kommen Kälteakkus oder Trockeneis bei Tiefkühlprodukten. Niemand darf die Halle betreten, ohne sich die Hände zu desinfizieren.

Rund 150 Mitarbeiter arbeiten im Fresh-Depot, etwa 75 pro Schicht. Im Tiefkühler mit seinen Minus 18 bis 22 Grad ist die Arbeitszeit auf 30 Minuten beschränkt, im Kühlbereich bei Plus 2 auf zwei Stunden. Auf einem Board am Eingang können Mitarbeiter Vorschläge und Fragen aufschreiben. Binnen zwölf Stunden soll es eine Antwort der Betriebsleitung darauf geben, sagt Schatte. Derzeit geht es unter anderem um den Wunsch nach mehr Uhren in der Halle und die Möglichkeit, dorthin eigene warme Getränke mitnehmen zu können.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Accenture
  • Aldi Gruppe
  • Amazon
  • Edeka-Gruppe
  • Jeff Bezos
  • Lidl
  • Software
  • Whole Foods Market
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!