Ingolstadt/Schweinfurt

Bosch, SKF, Schaeffler: Was die Automobilkrise für die Zulieferer bedeutet

Strukturwandel

Unter den Sparplänen der Automobilhersteller leiden die Zulieferer. Ein Blick in den von der Branche so abhängigen Süden der Republik.

In Ingolstadt war man am Tag nach der Verkündung der Sparpläne bei Audi erleichtert. Irgendwie. Das Gefühl: Hätte schlimmer kommen können. Was vielleicht eine Zahl aus den Verhandlungen zeigt. So soll Audi zunächst einen Abbau in Höhe von 14 000 Stellen geplant haben. Diese Zahl habe auch auf der inzwischen berühmt-berüchtigten „Giftliste“ gestanden, wie aus einem unserer Redaktion vorliegenden Schreiben des Betriebsrates an die Mitarbeiter hervorgeht. Ein Audi-Sprecher wollte auf Anfrage „Verhandlungsinhalte nicht kommentieren“.

Hätte schlimmer kommen können. Sagen das angesichts der Sparpläne von Audi, BMW oder Daimler auch die Auto-Zulieferer? Die es in Ingolstadt, Augsburg, Stuttgart, Schweinfurt oder Würzburg, in ganz Bayern und Baden-Württemberg, im von der Automobilindustrie so abhängigen Süden der Republik, gibt? Eher nicht. Auch sie leiden unter dem Strukturwandel der Branche. E-Mobilität, Digitalisierung, die Herausforderungen sind groß und die Lage ist bei manchem schon jetzt schlimm genug.

Zum Beispiel in Schweinfurt: Hier demonstrierten am Mittwoch Tausende Mitarbeiter von Autozulieferern unter dem Motto „Sicherheit in unsicheren Zeiten“ für ihre Arbeitsplätze. Sie folgten einem Aufruf der Gewerkschaft IG Metall. Denn Schweinfurt ist einer der Schwerpunkt der Autozuliefer-Industrie. Bei den vier Werken der Unternehmen SKF, Schaeffler, ZF und Bosch-Rexroth sind nach Angaben der IG Metall mehr als 22 000 Mitarbeiter beschäftigt. Hier hatten zuletzt Firmen wie Leoni, Schaeffler, Bosch-Rexroth oder Brose, aber auch viele kleinere Unternehmen auf die Talfahrt der Autobranche mit Stellenstreichungen und Kurzarbeit reagiert. Allein in Mainfranken hatten Mitte Oktober mehr als 90 Betriebe mit mehr als 3000 Mitarbeitern Kurzarbeit angemeldet. Aber nicht nur in Schweinfurt, auch überall sonst zieht die Krise der Automobilhersteller Kreise.

Zum Beispiel in Augsburg: Hier steckt Wafa in Schwierigkeiten. Es hat kürzlich beim Amtsgericht Augsburg einen Antrag auf ein gerichtliches Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung gestellt. Warum? Wegen „der aktuellen Lage in der Automobilindustrie“. Das auf Spritzguss, Galvanik und Lackierung spezialisierte Unternehmen entwickelt und produziert im Auftrag internationaler Autohersteller Groß- und Kleinserien von verchromten Kunststoffteilen auch in Sonderfarben. Rückläufige Verkaufszahlen bei den Autoherstellern würden sich nun bemerkbar machen – eben auch bei den Zulieferern.

Streichung von weiteren 3300 Stellen vorgesehen

Zum Beispiel in Stuttgart: Die Umwälzungen in der Automobilindustrie treffen die Zulieferer in Baden-Württemberg besonders hart. Um die Herausforderung für die Branche zu beschreiben, macht Bosch-Chef Volkmar Denner eine Modellrechnung auf: „Wenn wir bei einem Dieseleinspritzsystem zehn Mitarbeiter beschäftigen, sind es bei einem Benzinsystem drei und bei einem Elektrofahrzeug nur noch einer.“ Die Folgen sind schon in der Personalplanung zu sehen. In den vergangenen zwei Jahren hat der Zulieferkonzern im Autobereich schon 2500 Stellen abgebaut, für die nächsten Jahre ist die Streichung von weiteren 3300 vorgesehen. Dabei trifft es nicht nur die Fertigung, rund die Hälfte des Personalabbaus ist in den Entwicklungsbereichen am Stammsitz Stuttgart-Feuerbach und in Schwieberdingen vorgesehen. „Der Veränderungsprozess fühlt sich eher wie ein großer Hammer an, mit dem versucht wird, Bewährtes kurz und klein zu schlagen“, klagt der Betriebsratsvorsitzende Frank Sell.

Die IG Metall hat erst vor ein paar Tagen zu einer Protestkundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz gerufen. Tausende Demonstranten äußerten ihre Wut und ihr Unverständnis gegen die Sparpläne der Auto- und Zulieferbranche. „Anstatt kluge Zukunftsperspektiven zu entwickeln, wird der Rotstift angesetzt“, kritisiert Bezirksleiter Roman Zitzelsberger. Der Gewerkschafter ist nach einer Umfrage bei 150 Betriebsräten überzeugt, dass manche Firma die aktuelle Lage ausnutzt, um durch Personalabbau die Rendite zu optimieren. Der Vorwurf empört die Metallarbeitgeber.

Ein etwas anders gelagertes Beispiel ist Dettingen: Hier, beim Zulieferer ElringKlinger, sprechen die harten Zahlen gegen vorgeschobene Krisenargumente. Das Unternehmen des Südwestmetall-Präsidenten Stefan Wolf hat im ersten Halbjahr rote Zahlen geschrieben, schaffte aber im dritten Quartal dank einer Umsatzsteigerung von 6,4 Prozent auf 432 Millionen Euro wieder einen kleinen Gewinn. Zu 90 Prozent ist Dichtungsspezialist ElringKlinger noch von Verbrennungsmotoren abhängig. Parallel entwickelt das Unternehmen seit 20 Jahren schon an der Brennstoffzelle mit. Die Firma könnte den Zukunftsantrieb liefern, nur haben will ihn derzeit kaum ein Autohersteller.

Dann nach München: Dort meldeten die Arbeitgeberverbände bayme und vbm am Mittwoch, dass die bayerische Metall- und Elektroindustrie inzwischen in einer tiefen Rezession steckt. Im dritten Quartal ist die Produktion zum sechsten Mal in Folge zurückgegangen.

Und auf der Auto-Konferenz der IG Metall Bayern forderten die Gewerkschafter ein „klares Bekenntnis der Unternehmen zum Standort Bayern“ und kündigten massiven Widerstand gegen Verlagerungen in der Auto- und Zulieferindustrie an. Johann Horn, Bezirksleiter der IG Metall Bayern, sagte: „Die Verantwortung liegt bei den Unternehmen. Jede Firma steht in der Pflicht, mit dem Betriebsrat eine Zukunftsvereinbarung abzuschließen.“ Diese sollen Standort- und Beschäftigungssicherungen, Zusagen für Investitionen in Zukunftsprodukte und Regelungen zur Qualifizierung der Beschäftigten enthalten.

IG Metall fordert massive Investitionen

Zurück nach Ingolstadt: Hier sagt der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ingolstadt, Bernhard Stiedl, angesichts des Strukturwandels und der Situation bei Audi, was er zuletzt auch in einem Brief an die Kanzlerin gefordert hatte: „Wir fordern massive Investitionen in Zukunftstechnologien.“ Eine Antwort aus dem Kanzleramt hat er bis jetzt noch nicht bekommen. (Mit Infos von DPA)

VW - Produktion des Elektroautos ID.3
VW verbindet große Hoffnungen mit dem Elektroauto ID.3. Foto: Jens Büttner

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