WÜRZBURG

Fachkräftemangel in Mainfranken ist ein "riesiges Problem"

Arbeitsmarkt - offene Stellen
Dringend gesucht: Mainfrankens Unternehmen brauchen im großen Stil Fachkräfte (Symbolbild). Der Mangel ist zu einem gravierenden Problem geworden. Foto: Caroline Seidel, dpa

Sie haben jeden Tag mit dem Fachkräftemangel zu tun und deshalb die ständig größer werdende Lücke vor Augen: Andrea Sitzmann (51), Leiterin des Geschäftsbereichs Berufsbildung an der Handwerkskammer für Unterfranken, und stellvertretender Hauptgeschäftsführer Max-Martin Deinhard (37) von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt. Im Interview sagen sie, wie schlimm die Lage wirklich ist, woran es hakt, was Lösungen sein könnten und wie lange das alles noch dauert.

Frage: In 15 Jahren fehlen der mainfränkischen Wirtschaft fast so viele Fachkräfte wie Schweinfurt Einwohner hat, also etwa 50.000. Das lässt den Schluss zu: Der Fachkräftemangel in Mainfranken ist nicht in den Griff zu bekommen. Oder?

Max-Martin Deinhard: Wer kann es auch im Griff haben? Es ist ein riesiges Problem, auf das wir zulaufen. In der IHK haben wir uns das Thema schon vor sechs Jahren groß auf die Fahnen geschrieben. Mittlerweile können es manche Leute schon gar nicht mehr hören, aber die Probleme und Herausforderungen fangen heute erst richtig an. Wir haben nicht nur eine Fachkräftelücke, sondern wir müssen auch einen Rückgang der Wirtschaftsstärke befürchten.

Andrea Sitzmann: Wir sind wie die IHK schon lange mit Betriebsinhabern im Gespräch und sagen denen: Geht auf die Schulabgänger in den verschiedenen Schularten zu und werbt für eine Ausbildung im Handwerk. Ab 2025 gehen ganz viele Menschen in Rente, dadurch gehen ganz viele Fachkräfte im Handwerk verloren. Wir haben in den vergangenen Jahren weniger Auszubildende bekommen als wir gebraucht hätten. Wir hatten im vergangenen Jahr 1000 offene Lehrstellen, im Jahr davor 800. Wir steuern auf einen ganz großen Bedarf zu.

Das klingt alles nicht danach, dass eine Lösung des Problems in Sicht ist.

Sitzmann: Ich behaupte: Die jungen Leute, die mit einem Bachelor auf den Arbeitsmarkt kommen, haben nicht die berufliche Handlungskompetenz erreicht im Vergleich zu jemandem, der eine Ausbildung gemacht hat. Das ist die Botschaft, mit der wir rausgehen: Liebe Jugendlichen, egal von welcher Schule ihr kommt – macht doch erst einmal eine Ausbildung. Das ist die beste Basis für euren weiteren beruflichen Werdegang.

Fruchten solche Botschaften?

Deinhard: Nein. Seit dem vergangenen Jahr haben wir mehr Einschreibungen an den Hochschulen als Neueintragungen bei den dualen Ausbildungsverträgen. Uns fehlen mittlerweile mehr als 800 Auszubildende jährlich.

Das sieht wie eine Niederlage aus für all die Bemühungen Ihrer beiden Kammern, Schulabgänger von einem Studium abzuhalten.

Sitzmann: Uns muss klar sein: Wenn man solche Botschaften nach draußen gibt, dann braucht es einen langen Atem. Die OECD hat verkündet: „Leute, ihr seid nichts, wenn ihr nicht studiert. Deutschland braucht mehr Akademiker.“ Das hat ganz viel kaputt gemacht. Diese Botschaft wieder umzukehren, ist schwierig. Wir werben für eine Ausbildung – plus Weiterbildung. Man kommt damit auf das gleiche Niveau, hat aber adäquatere Qualifikationen für die Wirtschaft.

Wäre ein Schulterschluss mit den Hochschulen denkbar, demzufolge Uni und FH von sich aus ungeeignete Bewerber erst gar nicht fürs Studium zulassen und damit der Wirtschaft für eine Ausbildung freigibt?

Deinhard: Das gibt das System nicht her und natürlich muss jedem jungen Menschen die Wahl gelassen werden, welchen Weg er gehen möchte. Wir haben zwei Systeme, die mittlerweile miteinander konkurrieren und jeweils für sich werben. Es geht vielmehr um die gesellschaftliche Wahrnehmung der dualen Ausbildung im Vergleich zum Studium. Da haben wir als Kammern einen engen Schulterschluss. Mit unserer gemeinsamen Kampagne „Ausbildung macht Eltern stolz“ versuchen wir bayernweit für die Duale Ausbildung insbesondere bei Eltern zu werben. Wie es Frau Sitzmann schon angesprochen hat: Die Eltern sind für uns ein ganz wichtiger Schlüssel. So lange es in Elternhäusern noch heißt, „Man wird ohne Abitur und Studium nichts“, läuft irgendwas verkehrt. Gegen diese Wahrnehmung in der Gesellschaft kommen wir aber kaum an.

Frustriert Sie das?

Deinhard: Es enttäuscht mich immer wieder, wenn die Duale Ausbildung als die zweitbeste Wahl wahrgenommen wird. Wir brauchen weitaus mehr dual Ausgebildete und weitergebildete Fachkräfte, als Studierte. Und wir haben ja auch in Mainfranken viele Top-Auszubildende, wir ehren sie ja regelmäßig. Allerdings fehlt es zum Beispiel an den Gymnasien an geeigneter systematischer Berufsorientierung für die Duale Ausbildung. Dieses Thema wird dort noch viel zu stiefmütterlich behandelt, auch wenn es schon viele gute Ansätze der Zusammenarbeit gibt, wie beispielsweise mit unseren IHK-Ausbildungsscouts.

Sitzmann: Und viele Studenten, die sich gerade auf ihren Bachelor vorbereiten, sagen: Oh ja, ich hätte lieber erst einmal eine Ausbildung machen sollen. Sie merken dann hinterher, dass es ihnen noch an Sicherheit im Beruf fehlt. Ich kann verstehen, wenn Eltern wünschen, dass ihr Kind eine große Allgemeinbildung hat. Aber warum nicht trotzdem eine Ausbildung machen? Ich sage den Betrieben: Redet mit euren Auszubildenden und macht ihnen attraktive Angebote für die Zeit nach der Ausbildung, damit sie nicht verleitet werden, nach der Ausbildung studieren zu gehen, sondern dass sie im Unternehmen bleiben.

Die Auftragsbücher sind derzeit pickepacke voll – gerade im Handwerk. Haben denn die Unternehmer bei dieser Auslastung im Tagesgeschäft überhaupt die Zeit, sich um solche grundlegenden Aspekte zu kümmern?

Sitzmann: Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir für unsere Handwerksbetriebe Unterstützungsinstrumente haben. Beispielsweise die ausbildungsbegleitenden Hilfe und die Assistierte Ausbildung als Förderinstrumente für schwächere Jugendliche. Unsere Ausbildungsberatung geht auf Betriebe zu, bei denen wir merken, dass der Auszubildende Probleme hat. Dann informieren wir die Betriebe, dass es diese Hilfen gibt. Aber es ist richtig: Die Unternehmer müssen momentan erst mal ihre Aufträge abarbeiten.

1,7 Milliarden Euro pro Jahr verliert die mainfränkische Wirtschaft wegen des Fachkräftemangels. Wohin steuert die Region, was kommt in dieser Hinsicht auf uns zu?

Deinhard: Wir müssen darauf achten, dass wir uns gegenüber den angrenzenden Metropolregionen Nürnberg und Frankfurt richtig positionieren. Das sind ja Fachkräfte-Staubsauger. Da geschieht in Mainfranken schon Einiges. Wir haben zum Beispiel eine Fachkräfte-Kampagne, um diese Menschen zu halten. Allerdings müssen sich die Betriebe neu justieren und schauen, was sie durch die Digitalisierung auffangen können. Es kann ja durchaus eine Chance sein, dass die Unternehmen durch digitalisierte Prozesse weniger Personal brauchen. Wir müssen uns auch Zielgruppen öffnen, die wir vor einigen Jahren vielleicht noch nicht so gerne angeschaut haben. Das sind zum Beispiel die Themen Inklusion und schwächere Jugendliche. Diese Jugendlichen machen dem Betrieb unter Umständen mehr Arbeit, sind aber am Ende die dankbareren Mitarbeiter und wollen danach nicht gleich studieren.

Teilzeit, Vollzeit, Frauen – wie sieht es hier aus?

Deinhard: Frau und Beruf – das ist seit vielen Jahren virulent. Immer noch muss hier in den Betrieben Überzeugungsarbeit geleistet werden: Nehmt euch der Teilzeit an, setzt doch einfach mal zwei Mamas auf eine Stelle.

Fachkräftemangel in Mainfranken: Wohin das noch führt
Der Fachkräftemangel in Mainfranken wird so schnell nicht zu Ende gehen: Andrea Sitzmann (Handwerkskammer für Unterfrank... Foto: Daniel Peter

Sind Mainfrankens Unternehmen hier flexibel genug?

Deinhard: Wir merken den Wandel, dass sie immer flexibler werden. Es gibt ja in der Region Betriebe, die regelmäßig Preise für Familienfreundlichkeit abräumen.

Sitzmann: Wir haben zudem das Problem, dass die boomende Industrie die Mitarbeiter aus den Handwerksbetrieben saugt – gerade in Schweinfurt.

Gutes Stichwort. Blutet in Mainfranken deswegen der traditionell starke Mittelstand aus?

Deinhard: Ja. Handel und Tourismus sind in dieser Hinsicht unheimlich leidende Branchen, die ähnlich wie das Handwerk teilweise schon niemanden mehr finden. Am Mangel leiden zu allererst die kleineren und mittleren Betriebe. Sie finden teilweise keinen einzigen Bewerber mehr. Bereits zwei Drittel unserer Mitgliedsunternehmen sehen den Fachkräftemangel als das größte wirtschaftliche Risiko.

Stefan Beil, der Chef der Arbeitsagentur in Würzburg, hat vor wenigen Monaten behauptet, dass es keinen generellen Fachkräftemangel in der Region gibt. Vielmehr treffe es einzelne Segmente wie technische Berufe, Medizin, Gastronomie und Pflege. Bei den Dienstleistern und anderen klassischen Bürojobs sehe es besser aus. Unterschreiben Sie das?

Sitzmann: Im Handwerk tue ich mich schwer, auch nur eine Branche ohne Bedarf auszumachen. Wir haben überall einen eklatanten Fachkräftemangel.

Deinhard: Es kommt noch das Thema Studienabbrecher hinzu, das beide Kammern betrifft. An den Hochschulen gibt es Abbrecherquoten von bis zu 40 Prozent. Diese Menschen müssen ja wieder irgendwo hin. Das ist eine Zielgruppe, bei der wir sagen müssen: „Schäme dich nicht. Komm vielmehr in einen Betrieb und finde dort deinen Weg.“ Auch ein wichtiges Thema sind die Geflüchteten. Von ihnen haben wir zurzeit in unseren Ausbildungsbetrieben etwa 145 registriert. Das ist eine ganze Menge, auch wenn die Zahl im Verhältnis zu der aller Azubis klein wirkt. Die Geflüchteten sind bereits ein echter Wert bei der Fachkräftesicherung.

Bringen diese Menschen aus ihren Heimatländern immer berufliche Qualifikationen mit, die in Mainfranken gebraucht werden?

Deinhard: Bezogen auf unseren hohen Standard leider noch zu wenig. Aber dem kann man durch Qualifizierung abhelfen.

Sitzmann: Zum Teil.

Deinhard: Bei uns passt es noch nicht wirklich. Es kommt auch darauf an, aus welchen Ländern diese Menschen kommen.

Sitzmann: Wir haben im Handwerk momentan 228 Lehrverträge mit Menschen aus den acht klassischen Flüchtlingsherkunftsländern. Wir hätten noch mehr, wenn es unseren Betrieben erlaubt worden wäre. Das ist das alte Thema, dass keine Ausbildungsberechtigung erteilt wird. Bei der Zuwanderung merken wir, dass sich Betriebe auf eigene Weise behelfen: Wir haben zum Beispiel einen Unternehmer, der ist in die Ukraine gereist wegen der Suche nach Fachpersonal. Er hat jemanden gefunden – und der wird jetzt aus der Ukraine heraus einen Antrag auf Anerkennung seiner Berufsqualifikation als Elektroniker stellen.

Deinhard: Jetzt werde ich mal politisch: Wir brauchen ein Zuwanderungsgesetz. Unsere Gesetzgebung macht es unseren Betrieben viel zu schwer, an Fachkräfte zu kommen. Wir müssen mehr auf die Qualifikation schauen, mit der ein Mensch zu uns kommt. Wir müssen einen Filter einsetzen können, der nicht ausschließend wirkt, sondern der die Menschen durchlässt, die wir in der Wirtschaft auch wirklich brauchen.

Gibt es in Mainfranken schon Unternehmer, die wegen des Fachkräftemangels aufgeben?

Sitzmann: Wir beobachten etwas anderes: Betriebe spezialisieren sich auf einen ganz bestimmten Sektor und verkleinern sich mit ihrem Angebot – und können davon noch immer gut leben. Der Gesellschaft ist dabei nicht geholfen.

Bei allem Wehklagen über den Fachkräftemangel: Gibt es Beispiele aus der Region, die Wege zu Lösungen zeigen?

Deinhard: Es wäre vermessen zu sagen, dass wir die Lösung schlechthin parat hätten. Wir haben in der Tat Betriebe, die tolle Ideen haben, die nicht jammern, sondern sich des Problems annehmen. Wir haben Betriebe, die schicken ihre Azubis in Schulen, um dort über ihre Ausbildung zu informieren. Einige Unternehmen betreiben hier viel Aufwand. Die, die jammern, sollten mal über den Zaun schauen. Möglicherweise bewegen sich nicht alle so, wie sie sich bewegen sollten und jammern einfach noch. Unsere Umfragen zeigen freilich: Das höchste wirtschaftliche Risiko, das 65 Prozent der Betriebe laut jüngster IHK-Konjunkturanalyse für sich sehen, ist tatsächlich der Fachkräftemangel.

Wann wird der Fachkräftemangel in Mainfranken vorüber sein?

Sitzmann: Das kann ich nicht absehen. Wenn wir mehr junge Menschen davon überzeugen können, eine Ausbildung abzulegen und dann in den Betrieben zu bleiben, dann wäre schon ein Lichtstreif am Horizont.

Deinhard: Der Fachkräftemangel wird so schnell nicht zu Ende gehen. Wir wissen ja noch nicht, welche Auswirkungen hier die Digitalisierung haben wird. Wir wissen auch nicht, wie es mit der Wirtschaft weitergeht. Wenn es so weiterläuft wie bisher, werden wir mit dem Fachkräftemangel noch eine ganze Weile leben müssen.


Fachkräftemangel

20 000 Fachkräfte fehlen derzeit in Mainfranken – Tendenz steigend. Laut IHK wird die Lücke 2030 mehr als doppelt so groß sein. Neben der Digitalisierung und dem Generationswechsel in den Chefetagen (Unternehmensnachfolge) gilt dieses Thema als größte Herausforderung für die Wirtschaft in der Region – und in ganz Deutschland. Um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten, hat die Region Mainfranken GmbH vor zwei Jahren die Online-Kampagne „Wie für dich gemacht“ gestartet. Die IHK und die Handwerkskammer in Würzburg sind Kooperationspartner.

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