BERLIN

So tickt die Stiftung Warentest

In dieser Vorrichtung werden Staubsauger stundenlang getestet. Der Saugrüssel fährt auf einem Stück Teppich hin und her. Foto: Jürgen Haug-Peichl

Es soll sehr viele Wohnungen in Deutschland geben, in denen die sauber sortierte Sammlung von „test“-Heften einen ähnlich unverrückbaren Platz im Schrank hat wie der Brockhaus, das Familienalbum und die Bibel. Generationen sind mit diesen Heften groß geworden. Haben sich bei ihren Einkäufen von den „Test“-Urteilen leiten lassen wie ein Autofahrer von den Ampeln.

Neutralität ist das A und O

Diesen Platz im Olymp der Glaubwürdigkeit, ja, der Unantastbarkeit hat die Stiftung Warentest seit nun gut 50 Jahren. 1966 war das erste „test“-Heft erschienen. Seither besteht das Fundament aus einem einzigen „Material“ und ist hart wie Beton: Neutralität nach allen Seiten.

Nur so hat es die Stiftung Warentest nach eigener Einschätzung geschafft, bis heute kaum Kratzer an der großen Glaubwürdigkeit zu haben. Was die Tester herausfinden, gilt nach wie vor als gesetzt. 98 Prozent der Deutschen kennen die Stiftung Warentest – das ist der Spitzenwert noch vor den Verbraucherzentralen, dem Deutschen Mieterbund und dem Online-Vergleichsportal Verivox.

Alles geht ohne Anzeigen

So jedenfalls steht es im Verbraucherreport 2017 des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Mit 82 Prozent hat die Stiftung Warentest auch den Spitzenplatz, was die Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung angeht.

Wer hinter die Kulissen der Berliner Stiftung blickt, erkennt schnell die Tragweite jener Neutralität. „Bei uns gibt es keine Anzeigenabteilung“, betont Chefredakteurin Anita Stocker. Sie verantwortet das monatliche „test“-Heft – mit jeweils 3,5 Millionen Lesern immer noch das Flaggschiff der Stiftung Warentest.

Es brachte in den vergangenen Jahren mit jeweils gut 22 Millionen Euro den größten Anteil am Umsatzkuchen ein. „Finanztest“, die Abos auf dem Online-Portal test.de sowie der Verkauf von Büchern und der bei Unternehmen begehrten „test“-Logos zu den Testergebnissen sind mit deutlichem Abstand die weiteren Geldbringer für die Stiftung. Anzeigen von Firmen? Überall Fehlanzeige.

Stiftung testet Produkte nicht selbst

Längst ist klar, dass Unternehmen viel subtiler Einfluss auf die Stiftung Warentest mit ihren 340 Mitarbeitern aufnehmen könnten als durch die Schaltung von bezahlten Anzeigen. Die Tests an sich wären ein solches Einfallstor.

Dazu muss man wissen, dass die Stiftung keinen der Produkte-Tests selber macht. Ungefähr 100 externe Institute im In- und Ausland haben die Berliner dafür als Partner. Das kostet Geld: Knapp acht Millionen Euro gibt die Stiftung pro Jahr dafür aus, dass andere die Untersuchungen machen. Wo diese Institute sind und bei wem gerade welcher Test läuft, darüber wird Stillschweigen bewahrt – um Firmen nicht in Versuchung zu bringen, gewisse Dinge lenken zu wollen.

Waren werden anonym eingekauft

Um das auch in anderer Hinsicht auszuschließen, sind die Mitarbeiter der Stiftung Warentest anonym im ganzen Land unterwegs, um Produkte für die Tests einzukaufen, auch online. „Wir haben dafür eine eigene Truppe“, erklärt Holger Brackemann. Er ist bei der Stiftung der Bereichsleiter für die Untersuchungen. Die Einkäufe würden in den Geschäften bar und im Internet mit privater Kreditkarte bezahlt. So sollen den Herstellern keine Rückschlüsse darauf gegeben werden, was sich die Stiftung Warentest gerade an Testobjekten angelt.

Welche Marken für die Tests eingekauft werden, das entscheidet die Stiftung Warentest aufgrund der Marktbedeutung der Produkte. Dabei stützt sie sich nach eigener Darstellung auf Daten von Marktforschungsinstituten, die zeigen, welche Waren von welchen Herstellern aktuell am meisten gefragt sind. So will die Stiftung stets das testen, auf was die Kunden in den Läden ihr Hauptaugenmerk richten.

Wie lange ein Test im Schnitt dauert

Drei Monate dauere im groben Durchschnitt ein Test, erklärt Brackemann. Die Stiftung Warentest lasse sich von den beauftragten Instituten schriftlich versichern, dass sie nicht zeitgleich in anderem Zusammenhang die vorgelegten Testobjekte untersuchen. So solle gewährleistet werden, dass die Institute einzig und allein für die Warentester – und nicht etwa parallel auch für die Produktanbieter – im Einsatz sind.

Liegen die Messergebnisse vor, dann schickt sie die Stiftung Warentest erst einmal an die Hersteller der getesteten Waren. Bei Dienstleistungen geschehe dies ähnlich. Auf diese Weise soll den Anbietern die Möglichkeit eingeräumt werden, Stellung zum Testergebnis nehmen zu können. Habe ein Anbieter Einwände gegen die Resultate, dann werde eine zweite Untersuchung in Auftrag gegeben, so Brackemann.

In acht Schleifen wird korrigiert

Bevor die Ergebnisse schließlich im „test“-Heft oder in der Datenbank auf test.de landen, durchlaufen sie nach Darstellung von Chefredakteurin Stocker acht Korrekturschleifen. Dabei werden die Ergebnislisten aus den Instituten immer wieder mit den Textpassagen verglichen, die veröffentlicht werden sollen.

Fehler können sich trotzdem einschleichen. So wie 2017, als die Tester falsch rechneten. Mit der Folge, dass die Ergebnisse für 16 Teleobjektive nicht korrekt waren. Im Folgeheft musste die Sache korrigiert werden. Ein offener Umgang mit Fehlern sei der Stiftung Warentest ähnlich wichtig wie die Neutralität, betont Stocker.

Wie die Firmen reagieren

Wenn jemand schonungslos über ein Produkt spricht, provoziert das Ärger mit dem Hersteller. So ist zu vermuten, dass die Stiftung Warentest permanent im Clinch ist mit irgendwelchen Firmen und Rechtsexperten gleich scharenweise zu tun haben. Das Gegenteil ist der Fall: Die Rechtsabteilung der Stiftung bestehe aus gerade mal einem Mitarbeiter, erklärt Bereichsleiter Brackemann.

Die Unternehmen meiden es offenbar, gegen die Stiftung vor Gericht zu ziehen. Zu oft fielen Urteile bislang zu Ungunsten der Firmen aus. Gängiger sei es mittlerweile, dass Unternehmen zum Beispiel über Netzwerke im Internet eine Art Gegenöffentlichkeit gegenüber der Stiftung aufbauen wollen, hat Pressesprecherin Heike van Laak beobachtet. Eine Gegenöffentlichkeit nach dem Motto: Schaut her, liebe Verbraucher, die Stiftung Warentest hat doch keine Ahnung.

Welche Produkte im Rampenlicht stehen

Matratzen, Olivenöle, Katzenfutter und Mineralwasser, das sind die bei „test“-Lesern populärsten Themen. Und Elektrogeräte: Ergebnisse über Waschmaschinen, Fernseher, Staubsauger und Wäschetrockner gehen hier am besten.

Was solche Elektrogeräte angeht, greift die Stiftung Warentest unter anderem auf ein großes Institut im Rhein-Main-Gebiet zurück. In dem unscheinbaren Gebäudekomplex mitten in einem öden Gewerbegebiet landen all die Geräte, die die Warentester bundesweit für eine Untersuchung eingekauft haben.

Wie Waschmaschinen getestet werden

Beispiel Waschmaschinen: Zwölf Geräte verschiedener Hersteller laufen nahezu rund um die Uhr im Testbetrieb. Um solche Untersuchungen machen zu können, wurde eigens ein 750 000 Euro teures Abwassersystem in das Testlabor eingebaut. Die Luftfeuchtigkeit in dem Raum ist genau geregelt, um eine einheitliche Basis für die Messergebnisse zu haben.

Zwei Ingenieure und sechs Mitarbeiter bestücken die Maschinen nach und nach gemäß eines detaillierten Plans mit Schmutzwäsche: Kissenbezüge, Handtücher, Bettlaken, Hosen – alles ist genau in Art und Menge geregelt. In jeden Waschgang kommt zudem ein etwa 50 Zentimeter langer Wäschestreifen, auf dem Rotwein, Kakao, Blut, Ruß/Mineralöl und Kunsttalg aufgebracht wurden. So wollen die Tester herausfinden, wie die Maschinen mit dieser besonders heiklen Verschmutzung klarkommen.

Was es mit Teststreifen auf sich hat

Die Teststreifen stammen von einer Spezialfirma. Sie sind standardisiert, eingeschweißt und müssen gekühlt gelagert werden. Ein Exemplar kostet 80 Euro.

Wollen die Tester wissen, wie laut die Waschmaschinen sind, bringen sie sie im Institut ein paar Ecken weiter in einen Spezialraum, halb so groß wie eine Turnhalle. Der ist extrem schallisoliert, die ein Meter dicke Betonplatte seines Bodens steht freischwebend auf riesigen Stahlfedern.

Super-teure Speziallabore

So soll verhindert werden, dass Schall von außen als Erschütterung in den Raum eindringt. Hochsensible Mikrofone erfassen so allein die Geräusche, die die zu testenden Geräte – wie etwa die Waschmaschinen – an die Umgebung abgeben. Auch Autos, Motorsägen oder elektrische Zahnbürsten kommen hier auf den Prüfstand.

Vier Millionen Euro hat allein dieser Spezialraum gekostet. Drüben bei den Staubsauger-Tests geht es kaum günstiger zu: Das Labor mit all den computergesteuerten Vorrichtungen ist nicht viel größer als ein Wohnzimmer; Kosten: eine Million Euro.

Alles Summen, die die Stiftung Warentest als Auftraggeberin des Institutes nur am Rande tangieren. Den Berlinern ist es viel wichtiger, dass die Untersuchungen korrekt ablaufen. So korrekt, dass „test“-Chefredakteurin Anita Stocker hernach von Lesern das hört, was sie über ihr Haus schon oft gehört habe: „Ihr seid nicht zu manipulieren.“

Stiftung Warentest

Im Dezember 1964 wurde die Stiftung vom Bund gegründet. Er hält bis heute Anteile. Das erste „test“-Heft erschien im März 1966. Die Noten von „sehr gut“ bis „weniger zufriedenstellend“ wurden 1968 eingeführt. Bis heute hat die Stiftung Warentest etwa 5800 Untersuchungen von Waren und 3000 Tests von Dienstleistungen gemacht. Seit 2004 nimmt die Stiftung Warentest auch die soziale Verantwortung (Corporate Social Responsibility, CSR) der Unternehmen unter die Lupe. Dabei geht es zum Beispiel um die Fragen, wie viel Geld bei den Kaffeebauern in armen Ländern ankommen oder wo und unter welchen Bedingungen die Anbieter ihre Kleidung herstellen lassen. aug
Für die Staubsauger-Tests werden die Teppichstreifen eigens mit diesem Teststaub verschmutzt. Eine dieser Dosen kostet 80 Euro. Foto: Jürgen Haug-Peichl
Im Testlabor werden die Waschmaschinen nach einem genauen Plan mit dreckiger Wäsche bestückt. Foto: Jürgen Haug-Peichl
Stiftung Warentest: Sie lässt ihre Waschmaschinen-Tests in diesem Institut im Rhein-Main-Gebiet machen. Name und Ort des Instituts werden geheim gehalten, um Einfluss von Herstellern zu unterbinden. Foto: Piotr Banczerowski
In solchen top-isolierten Räumen werden die von den getesteten Geräte ausgehenden Geräusche und Frequenzen gemessen. Unser Bild zeigt Holger Brackemann, der bei der Stiftung Warentest Bereichsleiter für die Untersuchungen ist. Foto: Piotr Banczerowski

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