Paris

Ghosn schlägt Justiz-Befragung im Libanon vor

Ghosn       -  Carlos Ghosn, ehemaliger Vorstandschef des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubish.
Foto: Marwan Naamani/dpa/Archiv | Carlos Ghosn, ehemaliger Vorstandschef des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubish.

Der frühere Autoboss Carlos Ghosn schlägt der französischen Justiz vor, ihn an seinem Aufenthaltsort Beirut im Libanon zu befragen.

„Es gibt ein technisches Hindernis”, sagte Ghosn der französischen Regionalzeitung „Le Parisien”. „Mein Pass ist in den Händen des Generalstaatsanwalts im Libanon, da Japan einen internationalen Haftbefehl gegen mich ausgestellt hat.”

Japan bemüht sich um die Auslieferung des geflohenen früheren Topmanagers. Ghosn forderte mit Blick auf die Justiz-Anhörung, dass seine Sicherheit gewährleistet sein müsse. Das Gespräch wurde nach Angaben des Blatts in Beirut geführt.

Der Architekt des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubishi war am 19. November 2018 in Tokio unter anderem wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Im April 2019 wurde er unter strengen Auflagen auf Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. Ghosn floh dann Ende Dezember unter dubiosen Umständen in einem Privatjet unter anderem über die Türkei nach Beirut. Er soll in einer Kiste versteckt gewesen sein, die am Flughafen als Gepäck für Musikinstrumente deklariert war und nicht durchleuchtet wurde. Ghosn hatte die Vorwürfe gegen ihn in Japan mehrmals zurückgewiesen.

Der 66-Jährige sagte in dem Interview, er sei bereit, alle Fragen des französischen Ermittlungsrichters zu beantworten. Laut „Parisien” gab es eine Einberufung des Ermittlungsrichters am 13. Juli in Nanterre bei Paris, der Ghosn nicht gefolgt sei. Die französische Justiz untersucht schon seit längerem eine mutmaßliche Veruntreuung von Geldern bei Renault durch Ghosn. Dabei geht es um Vorwürfe des Missbrauchs von Unternehmenseigentum, Vertrauensbruch und Verschleierung bei dem französischen Autobauer.

Renault meldete wegen der Corona-Krise einen Absatzeinbruch für das erste Halbjahr. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum seien die Verkäufe um 34,9 Prozent geschrumpft, es wurden rund 1,26 Millionen Fahrzeuge verkauft, wie der Hersteller in Boulogne-Billancourt bei Paris mitteilte.

In Europa fiel der Rückgang um 41,8 Prozent auf rund 624 000 Fahrzeuge überdurchschnittlich aus. Im Juni zogen die Verkäufe wieder an. Die wichtigsten Märkte weltweit sind für Renault und seine Tochtergesellschaften Frankreich, Russland und Deutschland.

Die französisch-japanische Autoallianz war nach dem Ghosn-Skandal in eine tiefe Krise gerutscht. Renault geriet dann in den vergangenen Monaten finanzielle Schwierigkeiten; der Hersteller kann inzwischen einen staatlich garantierten Kredit von bis zu fünf Milliarden Euro in Anspruch nehmen. Geplant ist inzwischen der Abbau von weltweit 15.000 Jobs.

Die derzeitigen Geschäftsergebnisse von Renault und Nissan bezeichnete Ghosn in dem Interview als „jämmerlich”. Er rechtfertigte - wie schon in früheren Interviews - seine Bilanz bei dem Autobündnis. Laut Zeitung will der gebürtige Brasilianer im Herbst ein Enthüllungsbuch veröffentlichen.

© dpa-infocom, dpa:200720-99-856723/4

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