Würzburg

Mainfranken gehen die Unternehmer aus

Kinder - Daumen hoch! - Unsere Hände sind die besten Werkzeuge       -  Alt übergibt an Jung - das wird immer seltener: In Mainfrankens Wirtschaft ist die Unternehmensnachfolge zur Top-Herausforderung geworden. Tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr.
Foto: Marion Eckert | Alt übergibt an Jung - das wird immer seltener: In Mainfrankens Wirtschaft ist die Unternehmensnachfolge zur Top-Herausforderung geworden. Tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Die Wirtschaft in Mainfranken ist auf einem Höhenflug, Arbeitslosigkeit gibt es so gut wie nicht. Da fällt es schwer, ein Haar in der Suppe zu finden. Doch was da in den nächsten Jahren auf die Firmen in der Region zurollt, ist viel mehr als nur jenes sprichwörtliche Haar. Denn: Mainfranken gehen die Unternehmer aus, viele Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Was, wenn der Chef in Rente geht?

Das Schlüsselwort heißt Unternehmensnachfolge. Bedeutet: In vielen Firmen ist nicht klar, wie es weitergeht, wenn der Chef bald in Rente geht. Eine Hürde von gehöriger Dimension: Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt sind heute in der Region 55 Prozent der Unternehmer über 50 Jahre alt, 23 Prozent sogar älter als 60 – die als demografischer Wandel bezeichnete Überalterung der Bevölkerung lässt grüßen.

Neun Prozent weniger Chefs bis 2035

Weil in vielen Fällen die Chef-Nachfolge nicht klar ist, rechnet die IHK damit, dass es bis 2035 neun Prozent weniger Firmeninhaber in Mainfranken geben wird. In Bayern stünden bis 2021 etwa 30 000 Betriebe mit zusammen 500 000 Beschäftigten vor dem Generationswechsel, teilte IHK-Bereichsleiter Sascha Genders unter Berufung auf das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) mit. Das bayerische Wirtschaftsministerium hat die selben Zahlen vorgelegt.

Auch das Handwerk steht vor einer Hürde

Gravierend sieht es auch im Handwerk der Region aus. In den nächsten Jahren stehen ungefähr 5000 der 18 500 Betriebe zur Übergabe an, weil deren Inhaber 55 Jahre oder älter sind, so die Handwerkskammer für Unterfranken am Dienstag.

Allerlei alarmierende Zahlen also, die zwar oft unterschiedliche Grundlagen haben. Die aber auch eine Frage aufwerfen, die kürzlich die HypoVereinsbank (HVB) in einem Pressegespräch in Würzburg gestellt hat: Gehen in Mainfranken die Unternehmen aus? Antwort: Ja – legt man zumindest eine Analyse des stark auf Firmenkunden ausgerichteten Geldhauses zugrunde.

Schere geht auseinander

Demnach steht in Mainfranken etwas mehr als ein Drittel der Unternehmen ab zehn Mitarbeiter bis 2025 zur Übernahme an. Es gehe hier um 100 000 Arbeitsplätze. Das Problem im Problem: Die Zahl der Senior-Chefs wird von Jahr zu Jahr größer, die Zahl in Frage kommender Firmenübernehmer immer kleiner.

Das unterstreichen Statistiken des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK): 2016 kamen in Deutschland auf jeden Übergabewilligen 0,6 Übernahmewillige. 2009 lag dieses Verhältnis noch bei 1,7, war also erheblich positiver. „Insbesondere die Geschwindigkeit ist enorm“, teilte IHK-Experte Genders mit Blick auf die Veränderungen mit.

Firmen in Familienhand sind in der Mehrheit

Es sei mittlerweile ein „ganz zentraler Punkt“ in Beratungsgesprächen mit Unternehmern geworden, wie es denn mit deren Firmen auf kurz oder lang weitergehe, sagte die Leiterin des HVB-Firmenkundengeschäfts in Nordbayern, Michaela Pulkert. Sie sieht für Mainfranken eine besondere Brisanz, weil dort „der ganz große Teil der Unternehmen in Familienhand ist“.

Einen Silberstreif am Horizont sieht Pulkert: Niedrigzins und florierende Wirtschaft trügen dazu bei, dass in manchen Firmen der Geldbeutel locker sitze, der Reiz zum Aufkäufe anderer Unternehmen also hoch sei. „Da sehen wir eine gute Dynamik“, sagte Pulkert. Nach IfM-Angaben werden aktuell 29 Prozent der Nachfolgelösungen dadurch gelöst, dass sich Firma A bei Firma B einkauft. Der Rest geschieht durch Übergaben innerhalb der Familie oder des Unternehmens.

Banker: Thema ist schon lange bekannt

Das Thema treibt auch die ebenfalls stark auf Unternehmenskunden ausgerichtete Commerzbank um. Würzburgs Niederlassungsleiter Holger Perrey hat beobachtet, dass es in den Beratungen längst nicht mehr nur allein ums Geld gehe, sondern auch um die Strategie und die Zukunft des jeweiligen Betriebes. Unternehmensnachfolge „beschäftigt uns schon seit zehn bis 15 Jahren“, so Perrey.

Wie Lösungen aussehen könnten

Für Perreys Kollege Michael Reuther ist jenes Thema neben der Digitalisierung die Top-Herausforderung für die deutsche Wirtschaft. Das für Firmenkunden zuständige Vorstandsmitglied in der Commerzbank-Zentrale in Frankfurt sagte vor wenigen Tagen bei einem Pressegespräch in Schweinfurt, dass ein Drittel der Betriebe in Deutschland ein Generationsproblem hätten.

Probleme brauchen Lösungen. Nach ihnen sucht man auch in Mainfranken. So beteiligt sich die IHK in Würzburg am bayernweiten „Jahr der Unternehmensnachfolge“ mit einer Veranstaltungsreihe. Indes hört man von allen Seiten den Rat: Unternehmer sollten schon viele Jahre vor dem Tag X ihre Nachfolge einleiten.

Allerlei Tipps und Hinweise zur Unternehmensnachfolge gibt es bei der IHK Würzburg-Schweinfurt. Dort findet man auch einen Link zur Unternehmensbörsse nexxt-change. Details: www.wuerzburg.ihk.de/unternehmensnachfolgeDie Kammer wird am 14. Mai eine sechsteilige Veranstaltungsreihe starten (bis November). Dabei geht es um allerlei Fragen zur Unternehmensnachfolge gehen.

 
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