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Renteneintrittsalter: Immer länger arbeiten

In vier Jahren trifft die erste Welle der Babyboomer mit voller Wucht auf das Rentensystem. Was dann? Bleibt das Renteneintrittsalter? Oder müssen wir länger arbeiten?
Die Menschen in Deutschland müssen sich nach Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) darauf einstellen, künftig noch später in Rente zu gehen.
Foto: Christoph Schmidt, dpa | Die Menschen in Deutschland müssen sich nach Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) darauf einstellen, künftig noch später in Rente zu gehen.

Die rund 20 Millionen Rentner in Deutschland können sich auf eine deutliche Erhöhung ihrer Bezüge im kommenden Jahr freuen. In Westdeutschland werden die gesetzlichen Renten voraussichtlich um 3,18 Prozent steigen. In Ostdeutschland sollen die Renten sogar um 3,91 Prozent in die Höhe gehen. Doch die Stimmung wird nicht lange so freudig bleiben. In etwa vier Jahren gehen die ersten Babyboomer in Rente– und dann wird es eng.

Länger als bis 67 Jahre arbeiten?

Die Menschen in Deutschland müssen sich nach Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) darauf einstellen, künftig noch später in Rente zu gehen. "Mit der steigenden Lebenserwartung muss auch das Renteneintrittsalter ab 2030 weiter steigen", sagte Spahn kürzlich in Düsseldorf bei der Vorstellung der drei aussichtsreichsten Kandidaten für den CDU-Bundesvorsitz. "Das ist ehrlich." Bisher wird das Renteneintrittsalter stufenweise bis zum Jahr 2029 angehoben. Ab dem Geburtsjahrgang 1964 ist es 67. In Deutschland steige die Lebenserwartung jeden Tag um knapp sechs Stunden, sagte Spahn. Das spreche zwar auch für das Gesundheitssystem. Aber es müsse auch alles finanziert werden.

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"Die Anhebung des Renteneintrittsalters war und ist richtig", sagt Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. Beim Renteneintrittsalter sehen die Arbeitgeber daher keinen akuten Handlungsbedarf.  "Dennoch darf das Thema in der Rentenkommission kein Tabu sein. Zu einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Rentenpolitik gehört auch die Fragestellung, inwiefern das Renteneintrittsalter in ferner Zukunft angepasst werden muss, wenn die Lebenserwartung weiter steigt und steigt", sagt Kampeter. 

Auch Thomas Zwick, Professor und Lehrstuhlinhaber für Personal und Organisation, hält eine schrittweise weitere Anhebung des gesetzlichen Rentenalters ab 2030 über die bisherige Grenze von 67 Jahren für notwendig: "Sonst besteht die Gefahr, dass die durchschnittliche Rentenbezugsdauer zunimmt und die Rentenfinanzierung noch weiter unter Druck gerät", sagt Zwick. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der IG Metall dagegen zeigt: Knapp zwei Drittel der Menschen in Deutschland glauben nicht, dass sie ihre derzeitige Tätigkeit bis zum Alter von 67 Jahren ausüben können. Von den befragten Arbeitern sind sogar 72 Prozent dieser Meinung. Folglich hält es, so schreibt die IG Metall, auch kaum jemand für sinnvoll, das Renteneintrittsalter noch weiter anzuheben: Nur jeder Zehnte ist dafür, 87 Prozent der Befragten dagegen.

"Eine Verlängerung der Arbeitszeit würde die Ungerechtigkeiten im System weiter verschärfen."
Michael Kroschewski, Familienbund der Katholiken

"Wir lehnen eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit ab", sagt auch Michael Kroschewski, Vorsitzender des Familienbunds der Katholiken in Unterfranken. "Eine Verlängerung der Arbeitszeit würde die Ungerechtigkeiten im System weiter verschärfen." Der Familienbund hat mit anderen Verbänden eine grundlegende Reform der gesetzlichen Rente vorgeschlagen und durchrechnen lassen, um die solidarischen Aspekte sowie die Zukunftsfähigkeit zu stärken: "Das umlagefinanzierte System bleibt erhalten, wird aber durch eine Sockelrente aller Bürger sowie eine obligatorische betriebliche und eine freiwillige private Altersvorsorge ergänzt."

Auch Annelie Buntenbach, alternierende Vorsitzende der Deutschen Rentenversicherung, findet eine Anhebung des Renteneintrittsalters nicht richtig: "Die Erhöhung des Renteneintrittsalters ist eine Rentenkürzung durch die Hintertür", so Buntenbach. Wer wie Altenpfleger, Dachdecker, Busfahrer oder Schichtarbeiter im Beruf harter körperlicher Arbeit und Stress ausgesetzt ist, schaffe es im Job kaum gesund bis 65 Jahre zu arbeiten und hat nach der Rente nur noch wenige lebenswerte, gesunde Jahre, auch wenn die Lebenserwartung im statistischen Durchschnitt betrachtet steigt. Als Wissenschaftler oder Manager kann man vielleicht länger arbeiten, aber das gilt nicht für die Mehrheit der Bevölkerung."

Annelie Buntenbach
Foto: Thomas Obermeier | Annelie Buntenbach

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