Mainz

Stromstöße gegen das leidige Zittern

Warum die „Tiefe Hirnstimulation“ funktioniert, weiß man bis heute nicht genau. Aber für viele Menschen – beispielsweise mit Parkinson – ist das Verfahren eine Hilfe.

Ben Bargenda liegt auf einer Liege im Operationssaal der Uniklinik in Mainz, sein Kopf ist in einer Halterung fixiert. Er kann ihn keinen Millimeter bewegen. Das ist wichtig: Denn die Ärzte setzen zwei Elektroden direkt in sein Gehirn ein. Eine Prozedur, die mehrere Stunden dauert und angesichts des sensiblen OP-Gebiets sehr anspruchsvoll ist. Eine winzige Verschiebung kann schon große Effekte auslösen. Um genau die richtige Position zu finden, muss Ben Bargenda während der ganzen Operation wach sein. Immer wieder zeichnet er etwa Spiralen auf einen Block, tippt sich mit den Fingern an den Daumen, zählt die Wochentage auf.

Warum das alles? Seit seinem 15. Lebensjahr leidet der 45-jährige Rheinland-Pfälzer an essentiellem Tremor. Das heißt, seine Hände zitterten, besonders in stressigen Situationen. Die Ursache? Offenbar genetische Veranlagung. Manchmal wackelt auch sein Kopf, oder die Stimme wird brüchig. Das mag sich alles nicht so dramatisch anhören, aber für Ben Bargenda ist das Ganze sehr unangenehm. Bei seiner Arbeit als Teamleiter in einer großen Firma verzichtet er darauf, Vorträge selbst zu halten, obwohl er das eigentlich gerne tut.

Medikamente nicht wirkten ausreichend

Besonders schlimm empfindet er es in der Kita, wenn er seinen ein und zwei Jahre alten Kindern die Schuhe binden muss. „Die anderen Eltern sehen das Zittern natürlich“, erklärt er. „Aber da denkt keiner an eine Krankheit. Eher glauben sie, dass man überfordert ist. Oder schlimmstenfalls, dass man etwas getrunken hat.“ Medikamente gegen dieses Problem wirkten nicht ausreichend. Dann schlug ihm sein Arzt die „Tiefe Hirnstimulation“ (THS) vor. Ben Bargenda willigte ein. Es gab einige Voruntersuchungen und Wartezeit. Jetzt ist es endlich so weit.

Die Prozedur wach mitzuerleben ist stressig und respekteinflößend, aber die Ärzte hatten im Vorfeld alles genau mit Ben Bargenda durchgesprochen. Echte Überraschungen gibt es nicht, das Team ist ruhig und gelassen. Sie setzen erst eine Testelektrode ins Gehirn, geben ein wenig Spannung darauf und sehen, was passiert. Dann kommen die eigentlichen Elektroden an die Reihe. Eine für jede Gehirnhälfte gibt es. Auf der rechten Seite läuft alles problemlos. Dann ist Nummer zwei an der Reihe. Plötzlich verliert Ben Bargenda die Kontrolle über seine linke Körperhälfte und kann kaum noch sprechen. Kein schönes Gefühl - doch auch davor hatten ihn die Ärzte gewarnt. So bleibt Ben Bargenda ruhig, und sobald der Strom nicht mehr fließt, ist alles wieder normal.

Elektroden im Gehirn

Zum Schluss kommt noch ein sogenannter Hirnschrittmacher unter das Schlüsselbein. Damit werden später die Elektroden gesteuert. Der batteriegetriebene Hirnschrittmacher schreibt vor, wann welche Stromstöße gegeben werden. Die Elektroden im Gehirn sind mit dünnen Kabeln unter der Haut mit dem Schrittmacher verbunden. Zumindest diese Operation verbringt Ben Bargenda unter Vollnarkose. In Deutschland werden im Jahr im Schnitt 400 Hirnschrittmacher transplantiert.

Bereits am Tag nach dem Eingriff steht Bargenda in der Kantine der Universitätsklinik Mainz, hält ein Tablett in der Hand - und strahlt. So etwas wäre vor wenigen Tagen nicht denkbar gewesen. Gemeinsame Mittagessen in der Kantine hatte er bisher gemieden, denn ein Tablett ruhig zu halten, das funktionierte nicht.

Bei Tremorpatienten können die Symptome um 80 bis 90 Prozent reduziert werden.
Dr. Sergiu Groppa, Leiter der Sektion Bewegungsstörungen und Neurostimulation an der Universitätsklinik Mainz

Auch Wochen später sind die Symptome viel besser, wenngleich nicht ganz verschwunden. „Das werden sie vermutlich nie sein“, wie Dr. Sergiu Groppa, Leiter der Sektion Bewegungsstörungen und Neurostimulation an der Universitätsklinik Mainz, klarstellt. „Bei Tremorpatienten können die Symptome um 80 bis 90 Prozent reduziert werden. Aber Bewegungsstörungen sind komplex und schreiten fort.“ THS behandelt zwar nicht die Krankheit selbst, aber es beeinflusst die Auswirkungen positiv. Wie THS funktioniert, weiß man bis heute nicht so genau. Nur, dass die dezenten Stromstöße in den Gehirnarealen die beschriebenen Symptome lindern können.

THS wird nicht nur bei essentiellem Tremor angewendet, sondern unter anderem bei Parkinson, Multipler Sklerose, Epilepsie, Dystonien (dabei verkrampfen sich Körperteile eines Patienten) und Zwangserkrankungen wie dem Tourette-Syndrom (bei dem der Patient ohne Kontrollmöglichkeit Tics aufweist, Zuckungen hat oder Schimpfwörter ausstößt).

Verwandtschaft mit Herzschrittmacher

Erstmals angewendet wurde das Verfahren in den 1970er Jahren. Es hat Verwandtschaft mit dem Herzschrittmacher. Auch dabei wird ein Areal, in diesem Falle im Herzen, elektrisch erregt. Wann THS eingesetzt wird, ist für jeden Patienten unterschiedlich und hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. „Früher wurde THS angewandt, wenn gar nichts anderes mehr half“, so Groppa. „Dann war es oft schon viel zu spät, es gab zu viele Komplikationen.“ Nun gilt: THS hilft dann, wenn die Medikamente nicht mehr die gewünschte Wirkung zeigen. Dieser Zeitpunkt kommt für den einen Patienten früher, für den anderen später.

Nebenwirkungen kann es natürlich geben. Aber man kann sie auch wieder beheben, indem die Ärzte die Stimulation anpassen. Es gibt jedoch noch andere Bedenken: „Viele Menschen, eher die Angehörigen der Erkrankten, haben Angst, dass die Patienten mit den Elektroden ferngesteuert werden und ihre Persönlichkeit sich verändert“, sagt Dr. Sarah Kayser, Psychiaterin an der Universitätsklinik Mainz. „Aber das geschieht nicht. Die Menschen verändern sich, wenn sie schwer krank sind. Die Therapie beeinflusst ihre Persönlichkeit nicht, und die Patienten haben auch selbst nicht das Gefühl, ferngesteuert zu werden“, meint sie. Tatsächlich aber werden kurz nach dem Eingriff manchmal zeitweise psychische Veränderungen beobachtet - wie etwa anlasslos gehobene Stimmungen.

Dr. Kayser ist daran interessiert, welche weiteren Möglichkeiten THS bietet. Sie betreut beispielsweise Menschen mit Depressionen, bei denen Therapien mit Medikamenten keine Wirkung zeigen. In bisherigen Studien verbesserten sich die Symptome bereits um etwa 50 Prozent, teils sogar bis 85 Prozent. Das klingt vielversprechend, doch Dr. Kayser mahnt zur Vorsicht. „Die Patienten haben oft eine extrem schwere Ausgangssituation. Auch mit einem großen Effekt der Behandlung sind sie danach nicht frei von Symptomen.“ Bei Depressionen stellen sich die meisten Linderungen außerdem erst innerhalb eines Jahres ein. Schnelle Verbesserungen wie bei essentiellem Tremor gibt es kaum. Dennoch ist die Erforschung der THS bei Depressionen in vollem Gange.

Offenbar genau die richtige Entscheidung

Für Ben Bargenda war die Entscheidung, sich der THS zu unterziehen, offenbar genau die richtige. Mittlerweile traut er sich wieder, Vorträge vor kleinem und großem Publikum zu halten. Und wenn er im Zoo Getränke für seine Kinder kaufen möchte, kann er das problemlos tun. Seine Gefühle fasst er so zusammen: „Ich freue mich einfach auf die kommende Zeit.“ Wenn das keine verbesserte Lebensqualität ist.

Plötzlich verliert Ben Bargenda die Kontrolle über eine KörperhälfteBen Bargenda werden an der Uniklinik Mainz Hirnelektroden eingesetzt. Damit soll sein chronisches Zittern behandelt werden. Mit Erfolg, wie sich schlussendlich herausstellen wird. Foto: Martin Glaser, ohEs gibt Hinweise, dass die Tiefe Hirnstimulation auch bei Depressionen hilft

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