Ostheim

Wie Richard von Weizsäcker in der Rhön Grenzen überwinden wollte

Manch ein Politiker im Zonenrandgebiet verband den Besuch des Bundespräsidenten im Sommer 1989 mit Hoffnungen. Dass kurz darauf die Mauer fallen würde, ahnte aber niemand.
Gut gelaunt: Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei seinem Besuch im Sommer 1989 in Bad Kissingen. Links im Bild Stadtmusikdirektor Hans Wollgast.
Foto: Holger Welsch | Gut gelaunt: Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei seinem Besuch im Sommer 1989 in Bad Kissingen. Links im Bild Stadtmusikdirektor Hans Wollgast.

Im Sommer 1989 gilt der Eiserne Vorhang noch auf Jahrzehnte hinaus als unüberwindbar. Der Besuch des Bundespräsidenten in der Rhön ist eine Geste, um zu zeigen, dass die Bonner Politik die Menschen im Zonenrandgebiet nicht vergessen hat. Eine schöne Geste, mehr aber auch nicht. Gedanken an eine baldige Wiedervereinigung, die sind kein Thema, als Richard von Weizsäcker an jenem  Freitag im Juli Ostheim (Lkr. Rhön-Grabfeld), Münnerstadt (Lkr. Bad Kissingen) und Bad Kissingen besucht.

Gästeführer Adam Holl erläutert Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 7. Juli 1989 die Sehenswürdigkeiten von Ostheim. Links im Bild der Bundestagsabgeordnete Eduard Lintner.
Foto: Michael Czygan | Gästeführer Adam Holl erläutert Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 7. Juli 1989 die Sehenswürdigkeiten von Ostheim. Links im Bild der Bundestagsabgeordnete Eduard Lintner.

Aber die Hoffnung auf ein bisschen mehr Miteinander zwischen Ost und West, die weckt der Bundespräsident, damals gerade frisch für eine zweite Amtszeit gewählt, bei einzelnen Kommunalpolitikern dann doch. Hans Hartmann, der Bürgermeister von Ostheim, nutzt die Chance, dem prominenten Gast den konkreten Wunsch seiner Bürger nach einer Partnerschaft mit einer Stadt im nahen Thüringen mit auf den Weg zu geben. Bislang seien alle Versuche einer Kontaktaufnahme am Widerstand der DDR-Behörden gescheitert. Aber vielleicht könne ja Weizsäcker mit seinen Beziehungen etwas bewegen. 

Weizsäcker weckt Hoffnungen auf Partnerstadt

Und siehe da: Der Bundespräsident nimmt den Faden in seiner Rede auf. Seine Tochter forsche an der Uni über die Grundlagen deutsch-deutscher Städtepartnerschaften und fahre zu diesem Zweck öfter in die DDR, berichtet er. "Ich werde sie bitten, beim nächsten Besuch zu fragen, ob es eine Stadt in Thüringen gibt, die sich freuen würde, sich mit Ostheim im Rahmen einer Partnerschaft zu verbinden." Hunderte Zuhörer jubeln.

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Fragt man heute bei Beatrice von Weizsäcker, Juristin und Publizistin in München, nach, was denn ihr Vater seinerzeit konkret unternommen habe, fällt die Antwort knapp aus. "Das ist zu lange her, als dass ich mich daran erinnern könnte", schreibt die 62-Jährige auf Nachfrage. Für die Ostheimer geht der Wunsch gleichwohl in Erfüllung – wenn auch nach dem Mauerfall ganz anders als gedacht: Schon am 19. Mai 1990 besiegeln Hans Hartmann und sein Bürgermeister-Kollege Manfred Koch im Gasthof Paradies in Wasungen eine Partnerschaft.  Das 30 Kilometer entfernte thüringische Fachwerkstädtchen ist Geburtsort der Ostheimer Bürgermeister-Legende Werner Artus, Rathaus-Chef von 1954 bis 1989. Bis heute pflegen die beiden Kommunen und etliche Vereine eine gesamtdeutsche Freundschaft.

'Schmeckt gut': Frische Kirschen  kredenzten die Ostheimer Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei seinem Besuch im Juli 1989. Im Hintergrund Rhön-Grabfeld-Landrat Fritz Steigerwald.
Foto: Michael Czygan | "Schmeckt gut": Frische Kirschen  kredenzten die Ostheimer Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei seinem Besuch im Juli 1989. Im Hintergrund Rhön-Grabfeld-Landrat Fritz Steigerwald.

Zurück zum Weizsäcker-Besuch in Ostheim. Es herrscht lockere Stimmung rund um die historische Kirchenburg, der größten ihrer Art in Deutschland. Der Bundespräsident gibt sich nach einem Vaterunser in der Kirche St. Michael sehr nahbar. Er lässt sich von der kleinen Mariam eine Nelke ins Knopfloch stecken, probiert die Kirschen vom Zweig des Buben Benjamin ("schmeckt gut") und schreibt trotz der hochsommerlichen Temperaturen jede Menge Autogramme. Selfies kennt man damals noch nicht, der hohe Gast aber ist gleichwohl ein beliebtes Motiv der Hobby-Fotografen. Für einen Jungen, der ihm mit der Kamera dicht auf die Pelle rückt, hat von Weizsäcker einen Tipp parat: "Du bist zu nah, da wird das Bild doch nichts." Der Bub tritt zurück, der Präsident bleibt artig stehen, bis es klick gemacht hat.

Der Bundespräsident trifft seine Patenkinder

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Münnerstadt erreicht Richard von Weizsäcker später am Nachmittag Bad Kissingen, wo er nach Smalltalk in der Menge neben der politischen Prominenz im Rathaus auch Tabea, 20 Monate alt, und den dreijährigen Benedikt kennen lernt. Der Bundespräsident übernimmt traditionell die Ehrenpatenschaft für das siebte Kind einer Familie. Die Zeitung schreibt später, der prominente Gast sei zwar freundlich beklatscht worden, in Wallung aber habe er die Kissinger nicht versetzt.

Passende Fluglektüre: Richard von Weizsäcker am Flugplatz Reiterswiesen.
Foto: Michael Czygan | Passende Fluglektüre: Richard von Weizsäcker am Flugplatz Reiterswiesen.

Das politische Hauptaugenmerk in der Kurstadt gilt dem Klassik-Festival "Kissinger Sommer". Von Weizsäcker würdigt die europäische Dimension der Veranstaltung, den Anspruch, mit Musik Grenzen zu überwinden. Nach einem Konzertbesuch steht im Steigenberger-Hotel ein festliches Abendessen auf Einladung von Oberbürgermeister Georg Straus mit 90 Ehrengästen an. Das Menü  ist dokumentiert: Unter anderem gibt es Sommersalat mit sautierten Pfifferlingen, gebratene Wachtelbrust auf Trüffeljus,  Medaillons von Wildlachs und Seeteufel mit "glacierten Gemüschen". Dazu Silvaner vom Würzburger Stein. "Da muss ich wieder 50 D-Mark mehr Grundsteuer zahlen", ärgert sich ein namentlich nicht genannter Kissinger ob des Rummels um den Präsidenten. Ein bisschen Wallung ist also doch.

Abschied mit der Main-Post im Arm

Schlicht fällt schließlich der Abschied aus dem Rhöner Land aus: Neben OB Straus sind am nächsten Morgen auf dem Flugplatz in Reiterswiesen noch der bayerische Staatssekretär Albert Meyer und Polizeidirektor Oswald Holmer erschienen. Und zwei Main-Post-Redakteure, die dem Präsidenten die aktuelle Ausgabe mit den Berichten über die Visite im nördlichen Unterfranken in die Hand drücken.  

75 Jahre Main-Post

Am 24. November 1945 erschien im zerstörten Würzburg die erste Ausgabe der Main-Post. Zum Medienhaus gehören inzwischen auch das Schweinfurter Tagblatt, Volkszeitung und Volksblatt, der Bote vom Haßgau, das Haßfurter Tagblatt sowie das Obermain-Tagblatt. Der 75. Geburtstag der Main-Post ist ein Grund für die Redaktion, zurückzuschauen. Wir veröffentlichen deshalb das ganze Jahr Geschichten aus dieser Vergangenheit.
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