WÜRZBURG

Säurefraß bedroht fränkisches Kulturgut

Schimmel oder Sporen: Diese Handschrift ist ohne Hilfe dem Verfall geweiht. Hans-Günter Schmidt, Chef der Handschriftenabteilung der Uni-Bibliothek, zeigt das beschädigte Buch aus dem 9. Jahrhundert, das aus der Würzburger Dombibliothek stammt.
Foto: Thomas Obermeier | Schimmel oder Sporen: Diese Handschrift ist ohne Hilfe dem Verfall geweiht. Hans-Günter Schmidt, Chef der Handschriftenabteilung der Uni-Bibliothek, zeigt das beschädigte Buch aus dem 9.

In der Würzburger Unibibliothek am Hubland lagern Schätze: 3000 Handschriften, vom 500. Jahrhundert bis heute, alles wichtige Zeugen unterfränkischer Geschichte und Kultur, denn die Einrichtung ist auch Landesbibliothek für Unterfranken. Außerdem ist sie die größte Frankonia-Bibliothek der Welt. Aber in ihr arbeitet nahezu ungehindert der Säurefraß und Schimmel und Wasser befallene Handschriften gammeln vor sich hin. Der Grund: Es gibt keinen Etat zur Rettung des Kulturgutes.

„Es ist eigentlich verrückt“, sinniert Dr. Hans-Günter Schmidt, Chef der Abteilung Handschriften und alte Drucke. In seiner Abteilung lagern die meisten Patienten, die ohne Hilfe auf Dauer unrettbar verloren sind. Im Zweiten Weltkrieg, im November 1944, wurden die wertvollen Schriften in Schlössern, Kellern und Scheunen in den Landkreis ausgelagert, um sie vor der Vernichtung durch alliierte Bombenangriffe zu retten. Und das unter Lebensgefahr: Denn die lokalen SS-Schergen dulden nichts, das an dem Mythos der Unverletzlichkeit des Dritten Reichs rütteln konnte.

„Wir wissen, wir können nicht alle retten.“

Karl Südekum, Leiter der Unibibliothek

Uni-Mitarbeiter transportierten die Schriften gemeinsam mit Wehrmachts-Offizieren in Munitionskisten aus den Gebäuden. Große Wälzer mussten zurückbleiben, weil sie dort keinen Platz fanden, sagt Schmidt.

„Und heute, in Friedenszeiten, wird so wenig wie selten zuvor für die Rettung der Dokumente getan, obwohl es der Gesellschaft so gut wie nie geht“, macht Schmidt seinem Frust Luft. Der Chef der Unibibliothek, Dr. Karl Südekum, nennt eine Zahl: Schon mit einem Etat von 80 000 Euro pro Jahr könnte man die Krankheiten Zahn der Zeit, Schimmel, Wasser und Sporen im Pergament bessern und die Werke nach und nach sicher für die Nachwelt erhalten.

„Wir haben einen einmaligen internationalen Rang“, bekräftigt Südekum und belegt das am Beispiel des Kiliansevangeliars, das einen Versicherungswert von 20 Millionen Euro hat. Der Legende nach hat der Ire Kilian das Christentum nach Franken gebracht. 689 wurde er mit seinen Begleitern ermordet. Im Jahr 752 wurden seine Gebeine von Bischof Burkard gehoben und angeblich im Grab eine Handschrift geborgen. Es soll der Prachtkodex Kiliansevangeliar gewesen sein. So viel zur Geschichte des unschätzbaren heiligen Buches der Franken, das in der Hubland-Uni lagert. Das ist in einem Top-Zustand und konserviert, viele andere nicht.

Sogar hochrangige Politiker schauen sich die alten Handschriften an, von denen viele gefährdet sind. Mary McAleese, die bis 2011 irische Präsidentin war, besuchte im Jahr 2008 drei Tage lang Deutschland. Und in Würzburg machte sie eine Stippvisite, um sich eben dieses Evangeliar und andere Handschriften anzuschauen.

Neben den wertvollen Urkunden und Handschriften nagt aber auch der Säurefraß an vielen älteren Werken. Schmidt erläutert, was es damit auf sich hat: „Als Papier industriell hergestellt wurde, trat der Säurefraß als Massenphänomen auf. Man nutzte damals säurehaltige Materialien, um den Papierbrei zu verfestigen. Nach 50 Jahren fängt ein Buch dann zu bröckeln an.“ Das Ende lässt sich hinauszögern durch eine Behandlung mit Basen oder dauerhaftes Kühlen. So sind beispielsweise auch Zeitungsbände des Würzburger General-Anzeigers – das war der Vorgänger der Main-Post – betroffen. All diese Zeitdokumente, oft genutzt von Studenten und Schülern, müssten aus der täglichen Leihe genommen werden, sagt Schmidt. Oder eben digitalisiert werden. Das Problem ist groß: Südekum schätzt die vom Säurefraß betroffenen Bücher in Würzburg auf etwa zwei Millionen Exemplare. „Wir wissen, wir können nicht alle retten. Aber davon müssten wenigstens 280 000 Stück im Bestand bleiben.“ Der Bestand der Unibibliothek umfasst insgesamt 3,4 Millionen Medien.

Aber auch hier gilt: Kein Etat, denn die staatlichen Mittel sind zweckgebunden für Anschaffungen und Sachmittel. Und so arbeitet man sich beim Digitalisieren unendlich langsam vorwärts mit studentischen Hilfskräften und Dritt-Mitteln. Schmidt: „Wir sind im Promillebereich, was die Digitalisierung befallener Bücher angeht.“ Auf die Politik ist trotz positiver Minister-Aussagen, das Problem sei bekannt, kein Verlass, bekräftigen die Uni-Mitarbeiter. Und so muss Selbsthilfe her, zumindest was die alten Handschriften angeht. Schmidt hat ein Werk aus den Jahren 1586 bis 1609 ausgesucht. Das Buch ist eine Handschrift aus dem Kloster Mariaburghausen. Sie enthält Abschriften originaler Urkunden aus dem fürstbischöflichen Archiv. Der Einband der Handschrift ist schwer beschädigt, die Seiten von Schimmel befallen. Die Sanierung kostet 1000 Euro. Der Erlös aus dem diesjährigen Verkauf der Unibibliotheks-Weihnachtskarten ist für die Handschrift bestimmt. Wenn das schon mal gelingt, löst sich der Frust der Bibliothekare vielleicht ein wenig auf.

Pro verkaufter Karte werden 50 Cent dafür verwendet, die alte Handschrift zu retten. Es gibt sie in der Leihstelle und in der Kopierstelle in der Zentralbibliothek am Hubland sowie im Geschäftszimmer der Teilbibliothek Recht in der Domerschulstraße 16. Sie können auch im Onlineshop bestellt werden: www.bibliothek.uni-wuerzburg.de/service/online_shop

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