Lohr

Alarm der Öko-Jäger: Finanziert der Freistaat nur in Rehfutter?

Käfer und Raupen: Der Wald ist krank. Trockenheit und Stürme: Auch der Spessart ist gefährdet. Waldumbau ist nötig, sind sich viele einig. Strittig ist das Wie. Lohrs Stadtförster geht jetzt in die Offensive.
Der Ökologische Jagdverband fordert höhere Abschussquoten bei Schalenwild ein - ansonsten habe Naturverjüngung beim Waldumbau keine Chance. Darauf machen Unterstützer mit der Initiative Hunting4future aufmerksam, hier auf dem Lohrer Schlossplatz.
Foto: Roland Pleier | Der Ökologische Jagdverband fordert höhere Abschussquoten bei Schalenwild ein - ansonsten habe Naturverjüngung beim Waldumbau keine Chance.

Gegen den Klimawandel ist auch der Spessart nicht gefeit. Kaum einer bestreitet, dass Waldumbau nötig ist. Strittig aber ist das Wie. Dabei geht es nicht nur darum, welche Bäume besser oder schlechter geeignet sind. Denn junge Bäume haben natürliche Fressfeinde, Hirsche und Rehe. Deshalb geht Lohrs Stadtförster jetzt zusammen mit dem Ökologischen Jagdverband in die Offensive: Waldumbau durch Naturverjüngung geht auch ohne teure Einzäunungen, sagt Bernhard Rückert –aber nur wenn man für vernünftige Wildbestände sorgt. Die aktuellen jedenfalls seien vielerorts zu hoch.

Deshalb unterstützt er auch die Initiative hunting4future des Ökologischen Jagdverbands (ÖJV), dem sich die Stadt Lohr angeschlossen hat. Diese begnügt sich nicht damit, ein Faltblatt herauszugeben. Sie wirbt für ihre Sache und tritt auch den Beweis dafür an, dass es funktioniert. Welcher Wald wäre als Aushängeschild besser geeignet als der Lohrer, der zu den größten kommunalen in Deutschland gehört? Jene 4100 Hektar, die Rückert mit seiner 15-köpfigen Mannschaft nicht erst seit vorgestern ökologisch nachhaltig bewirtschaftet? Wolfgang Kornder, Vorsitzender des Ökologischen Jagdverbands Bayern, hat sich deshalb das Revier Rückerts ausgeguckt, um Jäger, Förster und Politiker wach zu rütteln.

Rückerts Konzept: Viel Wild in kurzer Zeit erlegen

Bernhard Rückert, seit 32 Jahren im Lohrer Stadtwald tätig.
Foto: Roland Pleier | Bernhard Rückert, seit 32 Jahren im Lohrer Stadtwald tätig.

Rückert kam 1988 als Revierförster zur Stadt, vier Jahre später übernahm er die Leitung der städtischen Forstverwaltung. Erst vergangenes Jahr zeichnete der Bund Naturschutz den 64-Jährigen als Vorreiter für eine naturgemäße Waldwirtschaft aus. Sein Jagd-Konzept: Zu guten Zeiten jagen, aber möglichst konzentriert und dabei viel Wild in kurzer Zeit erlegen, etwa durch Stöberjagden oder Drückjagden. 

Am Dicker Rohn: Nicht alle Bäume waren der Last des nassen Schnees Ende Februar gewachsen. 
Foto: Roland Pleier | Am Dicker Rohn: Nicht alle Bäume waren der Last des nassen Schnees Ende Februar gewachsen. 

Dass sich das bewährt hat, zeigt Rückert Gleichgesinnten vor Ort. Es ist der einzige Tag dieses Winters, an dem auch im Tal (wenn auch nur kurz) eine ansehnliche Schneedecke liegt. Oben am "Dicker Rohn", nur fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, ist sie richtig dick. Die Schneelast hat einzelne Bäume quer über die Forststraßen gedrückt. Die Schäden durch Sturmböen sind oft größer, schaffen bisweilen kleine Inseln im Wald.

An einer solchen hält der Tross mit Kornder an der Spitze. Rückert hat auf kleinen Windwurf-Flächen, insgesamt einen halben Hektar groß, Weißtannen als Mischbaumart beipflanzen lassen. Diese wurzeln tief, sind demnach widerstandsfähiger gegen Sturm und auch Trockenheit. Und sie bieten Laubbäumen so etwas wie Windschatten.

Eichen und Buchen kommen von allein

Bei 'angepasstem' Bestand von Schalenwild hält sich der Verbiss in Grenzen: Ein großer Teil der dort gepflanzten Weißtannen wird verschont.
Foto: Roland Pleier | Bei "angepasstem" Bestand von Schalenwild hält sich der Verbiss in Grenzen: Ein großer Teil der dort gepflanzten Weißtannen wird verschont.

Die Pflänzchen sind knie- bis hüfthoch, sehen noch recht mickrig aus, obwohl schon fünf Jahre alt. Bei einigen haben Rehe die Knospen abgeknabbert. Ein Teil davon wird eingehen, bei anderen setzt sich ein Seitentrieb durch. Hier aber bleiben wohl genügend stehen, um hinreichend Schutz für Laubbäume zu schaffen. Man müsse nur dafür sorgen, dass das Wild nicht überhand nimmt und alle Jungpflanzen verbeisst, sagt Rückert. Eichen und Buchen siedeln sich von allein an. 

Ganz oben, in 500 Metern Höhe, hat Anfang 2018 der Tornado Burglind gewirbelt, eine gut zehn Kilometer lange Schneise geschlagen von Neuhütten bis Lohr. Am Dicker Rohn standen keine Fichten. Der Tornado machte einen stabilen Bestand von Eichen und Buchen platt. 

Oben am Dicker Rohn: Vor zwei Jahren hat ein Tornado eine Schneise in den Wald geschlagen. Auch hier setzt Stadtförster Bernhard Rückert auf Naturverjüngung. 
Foto: Roland Pleier | Oben am Dicker Rohn: Vor zwei Jahren hat ein Tornado eine Schneise in den Wald geschlagen. Auch hier setzt Stadtförster Bernhard Rückert auf Naturverjüngung. 

"Wir haben uns entschieden, die Fläche der Sukzession zu überlassen", erläutert Rückert. "Buche, Kiefer, Lärche, Fichte, Birke und Aspe, die fliegen so rein." Deshalb habe die Stadt nur stabile und auch wirtschaftlich interessante Baumarten eingebracht: Weißtanne und Eiche, gesät und gepflanzt in Grüppchen. Die Eichen sind bereits kniehoch, die Tannen sind an diesem Tag vollkommen von Schnee bedeckt.

Einmal im Jahr eine ganz große Jagd

Die Überlebenschancen hängen wiederum vom Wild ab. "Es darf einfach nicht zu viel da sein – egal wie man es macht", sagt Rückert. Für diesen Bereich heißt das: einmal im Jahr eine ganz große Jagd, eine größere und ein, zwei kleinere mit zehn bis 15 Jägern. Dies aber nur zu Zeiten, wo es erfolgversprechend ist: im Frühsommer, im Herbst und im Winter. Im Sommer wird schon seit zehn Jahren Jagdruhezeit praktiziert. 

"An wenigen Tagen effektiv jagen und das Wild ansonsten in Ruhe lassen", pflichtet ihm auch Matthias Wallrapp bei, der Forstbetriebsleiter des Stiftung Juliusspital Würzburg. Zuständig für 3350 Hektar in der Vorrhön, ist er einer der Mitstreiter bei hunting4future.

Dass vielerorts zu wenig geschossen wird, weist sogar das Gutachten zur Situation der Waldverjüngung 2018  des bayerischen Forstministeriums aus. Die Zahlen schwanken zwar teilweise erheblich. Über den Daumen gepeilt aber ist jede zweite Hegegemeinschaft im roten Bereich, was heißt: Abschussquote erhöhen, wenn nicht sogar deutlich.  

Kritik an zu niedrigen Abschussplänen

Dabei sei dieses Bild noch geschönt, meinen die Öko-Jäger. "Manche Abschusspläne sind einfach zu niedrig", sagt Kornder. In der Regel unterschreiben Grundeigentümer und Landratsamt das, was die Jagdpächter vorlegen. Und diese würden oft einen höheren Wildbestand anstreben, um mehr sehen und leichter schießen zu können. "Im Extremfall ist der Wald nur noch Kulisse für die Jagd." Zudem, so macht Kornder deutlich, glichen Abschusspläne einer "arabischen Frontlinie": Keiner könne kontrollieren, ob das, was auf dem Papier angegeben wird, auch den Tatsachen entspreche.  

Auf der anderen Seite kommt erschwerend dazu: "Nicht einmal die, die mehr schießen wollen, dürfen es tun", verdeutlicht Rückert. "Manche Behörden entsprechen nicht dem Wunsch der Eigentümer", haut Wallrapp in die gleiche Kerbe. "Das ist wirklich ein Skandal." Es sei schon schwierig, wenn man im eigenen Besitz nicht machen könne, was man für nötig halte.

Mancher Jäger sollte öfters üben

Wollen und Dürfen sind zwei Paar Stiefel. Wollen und Können ebenso. So manchem Jäger täte es gut, seine Fertigkeiten des öfteren im Schießkino zu üben, bemerkt Wallrapp kritisch. Für die Jäger aus Main-Spessart bieten sich dafür Schweinfurt, Gelnhausen und Fulda an.

Ein ganzes Bündel von Umständen also führt aus Sicht der Öko-Jäger dazu, dass der Wildbestand unterm Strich zu hoch ist. Der großflächige Waldumbau gehe aber nur, wenn der Bestand stimme, betont Kornder.

Wallrapp bekräftigt das mit einer weiteren Argumentation: Bayern nehme viel Geld in die Hand für den Umbau zu klimarelevanten Wäldern, sagt er. Forstet man konventionell auf, geht die Hälfte davon für Zaunbau und Einzelschutzmaßnahmen drauf. "Das ist Verschwendung von Steuergeldern", verdeutlicht Wallrapp. Rückert veranschaulicht es auf andere Art: Solang der Wildbestand zu hoch ist, investiere der Freistaat vordergründig in Bäume, in der Praxis letztlich in Rehfutter. 

Jagdverbände und Initiativen
Der Bayerische Jagdverband (BJV) ist ein Verein, der nach Verordnung zur Ausführung des Bayerischen Jagdgesetzes (AVBayJG) als oberste Jagdbehörde anerkannt ist. Er wurde 1949 gegründet und war zu seinem Austritt 2009 als bayerische Landesgruppe Mitglied des Deutschen Jagdverbands. Im BJV sind rund 50 000 der insgesamt 70 000 Jagdscheininhaber Bayerns organisiert. BJV-Jäger und Waldbesitzer legen die Abschussquote zusammen mit den Landratsämtern fest.
Der Ökologische Jagdverein (ÖJV) ist ein 1988 gegründeter Jagdverband, der sich der ökologischen Jagd verpflichtet hat. Der ÖJV reformiert aktiv das deutsche Jagdwesen und trägt dazu bei, dass die Jagd auch in Zukunft in der Gesellschaft Akzeptanz findet. Der ÖJV Bayern ist der älteste von 16 Landesverbänden, die im 1991 gegründeten Bundes-ÖJV organisiert sind. (Quelle: www.oejv-bayern.de). Er zählt rund 2800 Mitglieder in Bayern.
Der Initiative hunting4future ("Jagen für die Zukunft") startete der  ÖJV im Oktober 2019. Der Name ist angelehnt an "Fridays for Future", die Initiative ist jedoch keine Untergruppierung dieser Klimaschutzbewegung. Unterstützt wird sie unter anderem von der ANW und dem BN. 
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