Karlstadt

Glosse: Rastlose Verbrecher im Main-Spessarter Paradies

Über Main-Spessart wird gerne gesprochen wie über einen Heimatfilm aus den 50ern. Dabei gibt es hier den einen oder anderen Gauner. Zeit für Ermittlungsarbeit.
Juhu: Bei der Unterführung am Karlstadter Bahnhof gibt's ein weiteres Schild.
Foto: Karlheinz Haase | Juhu: Bei der Unterführung am Karlstadter Bahnhof gibt's ein weiteres Schild.

Über Main-Spessart wird gerne gesprochen wie über einen Heimatfilm aus den 50ern: Malerische Weinberge, historische Altstädtchen. Auch heute noch eilen deswegen Fotografierwütige hierher, die meisten nach Karlstadt. Nicht umsonst darf sich die Kreisstadt mit dem "Instagram Star Award" schmücken – vergeben von keinem Geringeren als der Firma "Travelcircus". 1012 Kleinstädte in Deutschland wurden hinsichtlich der Anzahl von Instagram-Beiträgen "untersucht". Die ersten 100 dürfen sich mit dem Star-Emblem schmücken. Das schöne Karscht hatte Glück und kam auf Platz 80. 

Hinter der schönen Fassade ist aber nichts so wie es scheint. Seit Jahrzehnten ist die Unterführung am Karlstadter Bahnhof ein unerschöpflicher Quell von Konflikten. Generationen von Uneinsichtigen, die trotz Verbot mit dem Rad durchfahren, und Generationen von selbst ernannten Hilfssheriffs, die den Uneinsichtigen ein aufmunterndes "Absteigen!" zubrüllen oder sich ihnen in den Weg stellen, sind sich hier schon begegnet.         

Längst wurden die beiden Rampen der Unterführung gegen jegliche Missverständnisse aufgerüstet. Ein einfaches Fußgänger-Schild genügt dort schon lange nicht mehr. Die Sperrgatter wurden nach der jüngsten Bürgermeisterwahl massiv "ertüchtigt". Zudem zieren riesige Schilder mit durchgestrichenen Fahrrädern den Boden.

Ein 15-jähriger Karlstadter hat kürzlich dennoch ein Schlupfloch gefunden. Als ihn der (auch in den Stadtteilen beliebte) Ober-Verkehrsüberwacher der Stadt auf dem Rad in der Unterführung erwischte, erklärte der Jugendliche, auf seinem Weg sei ihm kein Schild begegnet – er war kurzerhand mit seinem Mountainbike die Treppe mit ihren 15 Stufen hinuntergeradelt. Nachahmer haben Pech: Inzwischen ist die Kreisstadt um ein Schild reicher.  

Wer klaut denn so sowas?

Nun kann es schon mal passieren, bei Stunts am hellichten Tag erwischt zu werden. Dementsprechend gewitzt versuchte ein Mann in dieser Woche, eine Autobatterie aus einem Zellinger Baumarkt zu klauen. Er legte sie von innen an den Zaun, um dann durch den Haupteingang hinauszugehen und die Batterie von außen durch den Zaun zu ziehen. Pech für ihn war, dass er dabei ähnlich auffällig vorging wie der treppenradelnde Jugendliche. Ein Mitarbeiter erwischte ihn auf frischer Tat.

Es stellt sich die Frage, warum der Dieb die Batterie klauen wollte? In einem Baumarkt ist so gut wie alles unauffälliger und wertvoller als eine Autobatterie. Hat er sich zum Beispiel einmal die Preise für einen Blumentopfuntersetzer oder eine Glühbirnenfassung angesehen? Und wenn er diese Autobatterie so dringend brauchte, wie ist er dann nach Zellingen gekommen?

Wenn man jetzt mal ein bisschen Detektivarbeit macht, so auf dem Kompetenzniveau von Michael Wendler, Attila Hildmann und wie sie alle heißen, dann war es hundertprozentig derselbe Gauner, der einige Tage später die Anhängerkupplung eines Autos in Partenstein entwendete. Vermutlich will er sich Teil um Teil ein Auto zusammenklauen.

Rätsel gelöst. Denn damit ist auch der Täter klar. Vergangene Woche stahl ein Unbekannter in der Nähe von Darmstadt einen Tresor. Den Tresor fand die Polizei am Wochenende in einem Waldstück in Glasofen. Weil das Fluchtauto bekannt ist (witzig, er fuhr mit einem Opel Crossland übers Land), muss er sich das neue zusammenklauen. Der Gauner wandert jetzt also rastlos durch den Landkreis, um sich ein neues Fluchtauto zu bauen. Das Gute für ihn: Wenn er den Landkreis wieder verlässt, hat er zwar keinen Tresor mit Geld, aber zumindest genug schöne Fotos für den Instagram-Account.

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