BURGSINN

Haarige „Zigeuner“ von der Insel

Ziemlich blauäugig: Der vier Monate alte Old Henry's Jewel hat ein blaues und ein braunes Auge.
| Ziemlich blauäugig: Der vier Monate alte Old Henry's Jewel hat ein blaues und ein braunes Auge.

Die Pferde haben Puschel an den Füßen, manchmal blaue Augen und manche sogar einen Schnurrbart. Jutta und Micha Bartelmess, beide 45, züchten außergewöhnliche Tiere: sogenannte Tinker, auch Gypsy Cobs genannt, eine Kaltblutrasse aus Großbritannien und Irland. „Wir sind ihnen total verfallen“, sagt Jutta Bartelmess.

Das Interesse an der haarigen Inselrasse hat mit dem Pferd eines Bekannten angefangen, erzählt die gelernte Tierpflegerin. Zuvor hatten die Eheleute ein Warmblut und mehrere Esel. Vor neun Jahren haben sie sich dann mit Ronja das erste Tinker-Fohlen zugelegt – und dabei erst so richtig Blut geleckt. Bis nach Wales sind sie seitdem gefahren, um weitere Tiere zu kaufen. Mittlerweile haben sie 15 Stück, verteilt über mehrere Weiden rund um Burgsinn.

Das Charakteristischste an den kräftigen Pferden sind wohl die Puschel an den Fesseln. In der Fachsprache heißen sie „Behang“. Farblich und auch in der Größe können die irisch-britischen Kaltblüter sehr unterschiedlich sein, je nachdem wie viel von verschiedenen Rassen – darunter das mächtige „Shire Horse“, die größte Pferderasse der Welt – in ihnen steckt.

„Wir sind ihnen total verfallen.“

Jutta Bartelmess Tinker-Züchterin

Deshalb gibt es sie auch in allen Farben, gescheckt oder einfarbig, in verschiedenen Größen, teilweise mit blauen Augen und mal mehr, mal weniger behaart. Interessant ist der bei manchen auftretende Schnauzer. „Die Leute sind da erstmal irritiert“, sagt Jutta Bartelmess, „erst recht, wenn es sich um eine Stute handelt.“ Manche Tinker-Besitzer stutzen den Schnauzer, erzählt sie, ihr selbst gefällt er aber.

Ein Tinker ist „ein tolles Freizeitpferd“, meint sie, ein „sehr, sehr gutmütiger Allrounder“ zum Reiten und Wagen ziehen. Nur zum Springen ist der „schwere Typ“ nicht so geeignet. In den 90er Jahren, erzählt sie, habe es einen regelrechten Tinker-Boom gegeben. In Irland sei es zu einem regelrechten Ausverkauf gekommen. Vor allem die Amerikaner sind verrückt nach den Tieren, besonders nach Gescheckten.

Die Stute Irish Rose ist mit 1,62 Metern Stockmaß das größte Tier der Züchter. Einige der Pferde, die ihrer Herkunft gemäß meist englische Namen tragen, haben erlauchte Vorfahren. Die vierjährige fuchsscheckige Stute Ginger Girl aus Wales etwa ist die Enkelin von Lion King. Dieser sei in den USA eine Legende, erzählt die Mittvierzigerin. Der Großvater mütterlicherseits heißt übrigens Hugo Boss. Zurzeit haben sie zwei Fohlen, beide im Mai geboren. Junghengst Old Henry's Jewel hat ein blaues und ein braunes Auge.

Seit zwölf Jahren leben die Bartelmess im Sinngrund. Ursprünglich kommen sie aus Heilbronn. In Burgsinn haben die beiden Mittvierziger sich ihren Traum vom Haus im Grünen erfüllt. „Ich wollte einen großen Garten“, sagt Jutta Bartelmess. Aus dem großen Garten am Ortsrand ist mittlerweile ein richtiger Bauernhof geworden. „Als wir herzogen, hatten wir nur einen Hund und Katzen“, erzählt Ehemann Micha.

Jetzt haben sie obendrein Esel, Hasen und die Pferde. Micha Bartelmess arbeitet bei Bosch Rexroth, seine Frau eigentlich als Heilpraktikerin mit Psychotherapieausbildung. Inzwischen ist sie aber mehr mit den Pferden beschäftigt, als in ihrer Praxis tätig. Als gelernte Tierpflegerin kennt sie sich mit Tieren aus, und man merkt, dass ihr Herz an ihnen hängt. Sie hat sogar schon einmal ein Tierheim geleitet.

In Ruppertshütten, berichtet Jutta Bartelmess, gebe es ebenfalls Tinker. Die Pferde dort haben vor allem durch ihre Schnurrbärte schon für Furore gesorgt.

ONLINE-TIPP

Mehr Bilder von den Burgsinner Tinkern finden Sie unter www.mainpost.de/regional/main-spessart/gemuenden/

Tinker

Eine genaue Zuchtgeschichte der Tinker gibt es nicht. Welche Rasse ihre Pferde hatten, war den Roma egal. Wahrscheinlich sind Tinker eine Kombination aus anderen Rassen wie Shire, Clydesdales, Friesenpferd und Dales-Ponys. Schecken wurden wohl erst Anfang des 20. Jahrhunderts gezielt eingezüchtet. Erst seit wenigen Jahren gibt es Tinker-Zuchtverbände. Als Arbeits- und Zugpferde setzte die nichtsesshafte Bevölkerung in Großbritannien und Irland die Tinker, auch Irish Tinker, Gypsy Cob oder Gypsy Vanner genannt, ursprünglich ein. „Tinker“ kann wie „gypsy“ Zigeuner heißen, aber auch Kesselflicker. „Cob“ ist die englische Bezeichnung für ein gedrungenes Pferd. Quelle: Wikipedia

Seit den 90ern beliebt: Die robuste „Zigeunerpferderasse“ Tinker zeichnet sich unter anderem durch Puschel an den Fesseln aus. Manche Tiere, egal ob Hengst oder Stute, haben sogar einen Oberlippenbart.
Foto: Björn Kohlhepp | Seit den 90ern beliebt: Die robuste „Zigeunerpferderasse“ Tinker zeichnet sich unter anderem durch Puschel an den Fesseln aus. Manche Tiere, egal ob Hengst oder Stute, haben sogar einen Oberlippenbart.
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