Karlstadt

Johann Schöner: Er erklärte mit seinen Globen die Welt

Aus der Geschichte Main-Spessarts (45): Johann Schöner gehört zu den großen Söhnen der Stadt Karlstadt. Er war ein Mathematiker, Geograph, Astronom, Astrologe und Herausgeber wissenschaftlicher Werke. Besonders für seine Globen ist er bekannt.
Ein Porträt von Johann Schöner 1527, gemalt von Hans Springinklee und ausgestellt im Landesmuseum Hannover. 
Foto: Wolfgang Merklein | Ein Porträt von Johann Schöner 1527, gemalt von Hans Springinklee und ausgestellt im Landesmuseum Hannover. 

Johann Schöner war zu seiner Zeit der erfolgreichste und auch bekannteste Globenbauer. Er besaß dafür das notwendige handwerkliche und geographische Wissen sowie Kenntnisse der Mathematik und der Astronomie. In dieser Epoche der Zeitenwende erkannte Schöner den großen Bedarf an Erd- und Himmelskugeln, denn Humanisten und Gelehrte wollten ihren Wissenshorizont erweitern und bildhaft sehen. Schöner konnte das mit seinen Globen erreichen und stets darauf aktuelle Entwicklungen darstellen.

Monika Maruska schreibt 2008 in ihrer Doktorarbeit, dass "Schöners Bedeutung in der Sicherung überlieferten Wissens sowie in der Erstveröffentlichung wichtiger Werke bedeutender Vorgänger liegt". Seine eigenen Werke, die oft einen Gesamtüberblick über ein Fachgebiet vermittelten, haben noch lange Zeit als Standardliteratur für Schule und Studium gegolten.

Nach Ansicht von Monika Maruska ist Schöner jedoch kein Visionär mit zukunftsweisenden Ideen oder ein innovativer Forscher gewesen, sondern hauptsächlich konservativen Ansichten verhaftet, was unter anderem auch dazu führte, dass er die bahnbrechenden Erkenntnisse von Nikolaus Kopernikus weder förderte oder zumindest akzeptierte, sondern sogar öffentlich dagegen Stellung bezog. Von den nachweislich mehr als 30 Globen, die Johann Schöner herstellte, sind nur fünf Exemplare erhalten geblieben, zwei Himmelsgloben und drei Erdgloben.

Doch zunächst zu seinem Lebenslauf: Johannes Schöner wurde am 16. Januar 1477  in Karlstadt geboren. Er besuchte die Lateinschule in Karlstadt, in Erfurt studierte er ab dem Herbst 1494 Philosophie, Mathematik und Theologie eventuell auch Medizin. Am 21. März 1498 beendete er sein Studium und bereits vom 22. Februar bis 20. September 1499 leitete er die Schule in Gemünden am Main. Die Priesterweihe empfing er am 13. Juni 1500 in Erfurt. Er hatte in Würzburg um eine Vikarstelle angefragt, die er am 4. Juni 1504 in Karlstadt erhielt und diese bis zum 29. Oktober 1506 innehatte. Vermutlich blieb er noch länger in Karlstadt, denn erst ab 1512 ist er bis 1523 als Priester in St. Jakob in Bamberg.

Im August 1526 bekam der durch die Hilfe der Humanisten Pirckheimer und Melanchthon eine gut dotierte Professorenstellung als Mathematiker am Edigien-Gymnasium in Nürnberg. Hier in Nürnberg entfaltete Johann Schöner seine Fähigkeiten als Astronom und Astrologe, er lehrt höhere Mathematik, publizierte mehr als 40 Werke sowie Arbeiten von Regimontanus und Georg Feuerbach. Für seine Forschungen fertigte er Zeitmessinstrumente und astronomische Gerätschaften an. Hinzu kommen eine medizinische Rezeptesammlung und das Erstellen von Horoskopen für einen illustren Kreis der Bürgerschaft und des Adels.

Schöner als Geograph und Globenbauer

Die Zeit, in der Schöner lebte, war im Umbruch, vom traditionellen Lernen und Lehren hin zur Suche nach eigener neuer Erkenntnis. Es war dies die beginnende Epoche des Humanismus, der Schritt in die deutsche Renaissance. Schöner war 15 Jahre alt, als Christopher Kolumbus am 2. Oktober 1492 die vorgelagerten Inseln des nordamerikanischen Kontinents entdeckte. Solche Nachrichten verbreiteten sich über die Handelsbeziehungen und gelangten auch nach Nürnberg. So war das auch mit der ersten Weltumseglung Magellans von 1519 - 1522. Die Entdeckungsreisen förderten das Entstehen der Kartographie für die Navigation auf See.

Als Johann Schöner 1515 noch in Kirchehrenbach lebte und anfing, erste Globen zu bauen, war er im Besitz der Weltkarte des Martin Waldseemüller von 1507 sowie der 1515 in Augsburg und Nürnberg gedruckten Sensationsmeldung: „Copia der newen Zeytung auß Presillg Landt“, die damals irrtümlich berichtete, portugiesische Seeleute hätten eine Wasserstraße um den südamerikanischen Kontinent gefunden. In der Tat wurde diese Umsegelung erst 1519 begonnen und 1522 beendet. Solche Meldungen, überlieferte Karten der Antike und des Orients, dazu Reisebeschreibungen Vespuccis und Marco Polo sowie Flugblätter waren die Voraussetzungen, sich ein Bild von der Welt zu machen und auf Weltkarten und Erdkugeln festzuhalten.

Bemalte Streifen des Himmelsglobus von 1517, zu sehen im Museum für Stadtgeschichte Karlstadt.
Foto: Wolfgang Merklein | Bemalte Streifen des Himmelsglobus von 1517, zu sehen im Museum für Stadtgeschichte Karlstadt.

Johann Schöner stellte die Erdkugeln in seiner Werkstatt in Serie her, sodass er Bestellungen schnell abwickeln konnte. Die Kugelsegmente wurden von ihm in Holzplatten geschnitten und dann gedruckt und auf die Kugel geklebt und bemalt. 

Der Erdglobus von 1515 in Frankfurt und Weimar

Der Frankfurter Globus ist quasi identisch mit dem Weimarer Globus. Er stammt aus der Serienproduktion von Schöner. Die geografischen Darstellungen im Text beruhen vornehmlich auf dem Weltbild des antiken Astronomen Claudius Ptolemäus, das Schöner übernimmt. 

Der Erdglobus von Johann Schöner, ausgestellt in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar.
Foto: Wolfgang Merklein | Der Erdglobus von Johann Schöner, ausgestellt in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar.

Nach der Entdeckung der westindischen Inseln durch Kolumbus kursierten verschiedene kartographische Vorlagen von portugiesischen und spanischen Seefahrern. Auch der Kartenmacher Martin Waldseemüller aus Saint Dié in den Vogesen druckte 1507 eine solche Weltkarte. Ein Exemplar besaß Johannes Schöner. Auf ihr ist der südliche Teil der Neuen Welt zum ersten Mal nach dem Entdecker Amerigo Vespucci benannt. 1515 übernimmt Schöner die Bezeichnung „America“ zum ersten Mal auf einem Globus. Japan „Zipangri“ ist von Nordamerika nur durch eine sehr schmale Meerenge getrennt.

Stark verhaftet in die Erzählwelt des Mittelalters belebt Schöner die Meere und das Festland mit zahlreichen Darstellungen von Fischen, Vögel oder einem Elefant. Hinzu kommt das legendäre Reich des Priesterkönigs Johannes, die Länder der Hl. Drei Könige und verschiedene Fabelwesen, kopflose „Blemmier“, Mischwesen wie Meerjungfrauen oder Fabeltiere wie Meeresungeheuer. Zusätzlich sind mehrere Schiffe abgebildet. Eigene Ansichten flossen in die Gestaltung des Indischen Ozeans ein, wo Schöner "Laurety" (St. Laurentius, Madagaskar) an die richtige Stelle rückte.

Nachbau des Globus von 1515 nach dem Umzeichnungen Jomards von 1842, bald ausgestellt im Museum Stadtgeschichte Karlstadt. 
Foto: Wolfgang Merklein | Nachbau des Globus von 1515 nach dem Umzeichnungen Jomards von 1842, bald ausgestellt im Museum Stadtgeschichte Karlstadt. 

Alexander von Humboldt und Johann Wolfgang von Goethe hatten den Weimarer Globus für ihre Studien nachweislich in Händen gehalten. Im Museum Karlstadt-Stadtgeschichte befindet sich der Nachbau des Globus von 1515, jedoch in einer etwas größeren Dimension. Diese Weltkugel wurde vom Autor dieser Zeilen in den 90er Jahren hergestellt. Sie beruht auf den Umzeichnungen des Franzosen François Jomard, der den Frankfurter Globus kannte und danach die Kugelsegmente für die Nord– und Südhalbkugel zeichnete. 

Der Nürnberger Schöner-Globus ist der älteste Globus, der für einen konkreten Besitzer hergestellt wurde. Auftraggeber und Erstbesitzer war Johannes Seiler. Dieser stammte aus dem Bamberger Patriziat. Nach Seilers Tod im Jahre 1530 kam der Globus in den Besitz der Stadt Nürnberg. Der Globus ist von Hand koloriert und misst 87 cm im Durchmesser.

Für dieses Meisterwerk greift Schöner sowie für den Globus von 1515 auf vielfältige Informationen, Schriften von Ptolemäus und Marco Polo sowie auf die Waldseemüller-Karte von 1507 zurück. Es handelt sich um einen „sprechenden Globus“, weil auf ihm kurze Texte über Wundergeschichten, Menschenfresser und Monsterwesen geschrieben sind, ähnlich dem etwas älteren Behaim Globus, den Johann Schöner sicherlich gekannt hat.

Der verschollene Globus von 1523

Am 20. September 1519 stach Magellan unter spanischer Flagge mit fünf Schiffen in See, von denen nur eines am 7. September 1522 ohne Magellan nach Spanien zurückkam. Es war der Expedition gelungen, an der Südspitze Amerikas eine Durchfahrt in den Pazifik zu finden und damit die Welt zu umsegeln. Diese Sensationsmeldung sandte Maximilianus Transilvanus aus Köln in einem gedruckten Brief im Januar 1523 an den Erzbischof von Salzburg.

Der Himmelsglobus von London.
Foto: Wolfgang Merklein | Der Himmelsglobus von London.

Johann Schöner hatte Kenntnis des Briefes von der geglückten Weltumsegelung durch Magellan. Er bestätigte, dass die Grundlage für seinen Globus der Brief des Maximilianus sei. Er publizierte damit den neuesten Stand der Entdeckungsfahrten der Spanier und Portugiesen. Leider fehlt bis heute jede Spur dieses Globus. Ein Zufallsfund von 1884 in einem Münchner Antiquariat förderte eingebundene Globusstreifen zutage, die zunächst als der verschollene Globus betrachtet wurden.

Auf den gedruckten 12 Streifen, die einen Globus von 17,2 cm Durchmesser ergeben, ist die in Schöners Publikation genannte Magellanroute eingezeichnet. Obwohl zwischen dem Bericht des Maximilianus Transilvanus und der Kartenbeschriftung viele Übereinstimmungen vorhanden sind, gibt es aber wissenschaftliche Zweifel. Doch es spricht einiges dafür, dass der verloren gegangene Globus von Schöner von 1523 so ausgeschaut haben könnte.

Der Erdglobus in Weimar von 1533

In den Rechnungsbüchern des Gesamtarchivs in Weimar wird der Erwerb eines Globenpaares (Erd- und Himmelsglobus) von Johannes Schöner erwähnt. Es ist somit anzunehmen, dass Schöner diese Globen im Jahr 1533 gleichzeitig mit den dazu gehörigen Erläuterungsschriften fertigstellte und 1534/35 in Weimar die Gestelle dazu ausgeführt wurden. Schöner stellt auf diesem Globus die Erde gemäß den aus den Entdeckungsreisen gewonnenen aktuellen Ansichten dar. Die Gestalt Amerikas nähert sich den wirklichen Umrisslinien ganz gut an, jedoch ist auch hier die Bezeichnung „Amerika“ entfallen. Im Gegenteil, Amerika wird als Teil des asiatischen Kontinents angesehen und bildet mit diesem eine Einheit.

Diese sogenannte „Drachenschwanz-Darstellung” ist ab den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts weit verbreitet und beruht auf einer damals aktuellen Weltkarte von Orantius Finaeus aus Paris. Schöner liegt also voll im Trend der Zeit und bietet dem Kurfürsten mit seinem Erdglobus den neuesten Stand der wissenschaftlichen Forschung an. Im Grunde ist es aber in Wahrheit eine Rückwendung auf altes, überliefertes Wissen.

Der Himmelsglobus in London, der aus der Produktion Schöners des Jahres 1533 stammt, ist eine identische Kopie des Globus von Weimar mit einem Durchmesser von 27 cm. Er zeigt die von Ptolemäus beschriebenen Sternbilder in lateinischer Sprache, farbig illustriert vor dunklem Hintergrund, während die Namen der einzelnen Sterne in arabischer Schrift geschrieben sind. Das zweite Exemplar des Himmelsglobus befindet sich in der Anna Amalia Bibliothek zu Weimar. 

Johann Schöner starb 1547 in Nürnberg. Eine umfassende Darstellung und Würdigung des Lebenswerkes von Johann Schöner wird in einer großen Ausstellung mit interessanten Exponaten zur Eröffnung des „Museums Karlstadt – Stadtgeschichte – ZeitBrüche“ im Frühjahr 2022 gezeigt werden. Die Ausstellung wird kuratiert vom Autor des Artikels.

Zum Autor: Wolfgang Merklein ist Kunsthistoriker, Germanist und langjähriger Kunsterzieher am Johann-Schöner-Gymnasium Karlstadt. Zudem ist er Vorsitzender des Historischen Vereins Karlstadt.

Literatur: Norbert Holst:  Mundus-Mirabilia-Mentalität Weltbild und Quellen des Kartographen Johannes Schöner, Scripvaz-Verlag Frankfurt/Oder;  Helmuth Grössing/ Kurt Mühlberger: Wissenschaft und Kultur an der Zeitenwende, Vienna University Press, 2012;  Franz Wieser:  Der verschollene Globus von Johann Schöner von 1523, Print Edition British Library, 1888; Konrad Kratzsch: Alte Globen Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen Literatur in Weimar, 1984;  Franz Berger (Herausgeber): Der Erdglobus des Johann Schöner von 1515, Historisches Museum Frankfurt, 2013.

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