Lohr

Lohrer Joseph Koeth: Der Achtstundentag trägt seine Unterschrift

Reichswirtschaftsminister aus Lohr: Joseph Koeth machte eine steile Karriere.
Foto: Thomas Josef Möhler | Reichswirtschaftsminister aus Lohr: Joseph Koeth machte eine steile Karriere.

Was passt besser in ein Krisenjahr als die Biografie eines Krisenmanagers? Lokalhistoriker Gerd Walter hat sie am Dienstag geliefert: Die Lebensgeschichte des vor 150 Jahren geborenen Lohrers Joseph Koeth, der im Kaiserreich und der Weimarer Republik Krisen meisterte, die wir uns heute kaum vorstellen können. In der Sozialpolitik hat Koeth einen Platz gefunden durch die Einführung des Achtstundentags.

Susanne Duckstein, Leiterin der Vhs Lohr-Gemünden, charakterisierte Koeth als "einen Lohrer, der in die Welt zog, um dort Karriere zu machen". Der Vortrag in der Alten Turnhalle mit gut 20 Zuhörern war Teil der Reihe "Lohrer Persönlichkeiten" und der zweite in diesem Semester in Zusammenarbeit mit dem Geschichts- und Museumsverein.

Joseph August Philipp Koeth kam am 7. Juli 1870 im Hinterhaus der Marien-Apotheke an der Hauptstraße zur Welt. Später kaufte die Familie die "Villa Koeth" am Valentinusberg. Dabei handelt es sich um das Gebäude unmittelbar an der Baugrube für den Wohnkomplex an der Rechtenbacher Straße.

Rasche Militärkarriere

Der gleichnamige Vater, der aus Ochsenfurt stammte, kam als Rechtsanwalt nach Lohr, wo seine Frau Verwandte hatte. Über Koeths Jugend ist wenig bekannt. 1888 trat er in die damals noch bestehende bayerische Armee ein und machte rasch Karriere. Der Eintritt in den Generalstab wurde ihm jedoch trotz seiner Qualifikationen verwehrt.

Seine Vorgesetzten fanden, seine philosophischen Neigungen lenkten einen Offizier nur ab. Koeth las Nietzsche und Clausewitz. Als Konsequenz der Zurücksetzung wechselte er 1900 in die preußische Armee. Auch dort erkannte man seine organisatorischen Fähigkeiten und holte ihn 1910 ins Kriegsministerium.

Sein letzter Dienstrang war 1918 Oberst. Ungleich wichtiger als der militärische Rang war die Funktion, die Koeth von 1915 bis 1918 innehatte: Er leitete die Kriegsrohstoffabteilung, eine Behörde, die dem Kriegsministerium unterstellt war. Seine Aufgabe war es, Deutschlands Rohstoffmangel während des Ersten Weltkriegs zu lindern.

Historiker bescheinigen ihm laut Gerd Walter, er habe sich als exzellenter Krisenmanager erwiesen. Die Behörde habe mit hoher Effizienz gearbeitet, Koeth sei tüchtig und energisch gewesen und habe Geschick im Umgang mit Menschen gezeigt. Diese Eigenschaften konnte er nach Kriegsende in seinem nächsten Amt gut brauchen.

Soldaten zurückgeholt

Von 1918 bis 1919 war er Leiter des Demobilmachungsamtes. Diese Behörde hatte die Aufgabe, Millionen Soldaten von der Front zurückzuholen und wieder ins Zivilleben einzugliedern. Ferner musste sie die Wirtschaft von Kriegs- auf Friedensproduktion umstellen. Die Behörde war das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften im November 1918.

Koeths Ansehen kann man daran erkennen, dass beide Seiten ihn der Regierung als Amtsleiter vorschlugen. Auch diese Aufgabe meisterte er. Am 23. November 1918 unterschrieb Koeth die Anordnung über die Einführung des Achtstundentags. Nach Gerd Walters Worten hatte das Amt unter seiner Führung entscheidenden Einfluss auf die Weimarer Sozialgesetzgebung.

Wirtschaftsminister

Von 1919 bis 1923 war Koeth erster Präsident des neu gegründeten Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Im kurzlebigen zweiten Kabinett von Gustav Stresemann war er 1923 schließlich für wenige Monate Reichswirtschaftsminister.

Seit 1920 war Koeth, der in Berlin-Wilmersdorf wohnte, mit Helene Fenkohl verheiratet. Das Paar adoptierte einen Sohn, Hans Georg Koeth, der zeitweise in Lohr lebte. In der Berliner Charité, die durch die Corona-Krise neue Bekanntheit erlangt hat, starb Koeth am 22. Mai 1936.

Familiengrab in Lohr

Beerdigt wurde er auf dem Lohrer Friedhof im Familiengrab, das 1903 nach dem Tod seiner Mutter angelegt worden war. 1913 wurde dort auch sein Vater beerdigt, 1958 seine Witwe. Heute gehört das Grab seiner Enkelin Barbara, die 80-jährig in Mannheim lebt. Gerd Walter hat zu ihr Kontakt aufgenommen: Auch sie wolle in Lohr beigesetzt werden, wo sie von 1945 bis 1951 lebte.

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