Arnstein

Main-Spessart: Warum große Teile des Landkreises lahmes Internet haben

Während Corona ist vor allem eins wichtig, um den Anschluss nicht zu verlieren: schnelles Internet. Das gibt es in Main-Spessart nicht überall. Die Betroffenen leiden darunter.
Die Rohre, in die später die Glasfaserkabel verlegt werden, ragen aus der Erde an einer Straße. (Symbolbild)
Foto: Patrick Pleul | Die Rohre, in die später die Glasfaserkabel verlegt werden, ragen aus der Erde an einer Straße. (Symbolbild)

Als Susanne Hofmann damals an die Kappesgärten zog, schaute sie öfter mal aus dem Fenster. "Mein Internet bekam ich damals über Mobilfunk. Wenn es regnete, ging's nicht", erzählt sie. Das war im Jahr 2006. "An den Kappesgärten" war ein Neubaugebiet am Rand von Arnstein und mit diesem Neuland Internet konnten eigentlich die wenigsten so richtig was anfangen. Nur eingekauft habe sie hin und wieder im Netz, sagt Hofmann. 

Beim gelegentlichen Internetshopping bleibt es heutzutage aber selten – erst Recht nicht seit Corona. Wer während der Pandemie online lernen und arbeiten muss, der braucht eine schnelle Internetverbindung. Auch für das soziale Leben. Mit Freunden und Familie sprechen, spielen, fernsehen – das alles verschiebt sich immer weiter in die digitale Welt. Problematisch wird es dann, wenn das Internet nicht mehr mithalten kann. 

So wie "An den Kappesgärten". Zwischen 50 und 75 Megabit Daten pro Sekunde (MBit/s) sind dort über Kupferleitung inzwischen möglich. Das ist die Regel in Arnstein und in Main-Spessart, für 93 beziehungsweise 95 Prozent der Haushalte. Vor Jahren hat das Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur (BMVI) einmal das Ziel ausgegeben, jeder Haushalt in Deutschland sollte bis 2018 mit einem Zugang bis zu 50 MBit/s versorgt sein. Seitdem wird das als Synonym für "schnelles Internet" verwendet.

Das Problem ist: Zwar würde ein einzelner Homeoffice-Nutzer mit einer Bandbreite von 30 MBit/s klarkommen. Eine Familie, wenn alle gemeinsam zu Hause sind, braucht da laut Experten schon mehr, etwa 100 bis 150 MBit/s. Und sind dann noch alle Familien in der Straße gleichzeitig zu Hause, sei es abends oder – weil ein Virus um die Häuser zieht – rund um die Uhr, dann passiert in vielen Haushalten im Landkreis das, was auch "An den Kappesgärten" passiert.

Auf einem Verteilerkasten in einer Baustelle wird mit den Worten 'Surfen mit bis zu 200 Mbit/s im superschnellen Kabel-Glasfasernetz' für ein schnelles Internet geworben (Symbolbild).
Foto: Arno Burgi | Auf einem Verteilerkasten in einer Baustelle wird mit den Worten "Surfen mit bis zu 200 Mbit/s im superschnellen Kabel-Glasfasernetz" für ein schnelles Internet geworben (Symbolbild).

Schreckgeschichten der Internetlosigkeit

Sechs Jahre nach Hofmann baute das Ehepaar Weismann, etwa noch einmal so viel später das Ehepaar Reuter. Heute stehen sie alle mitten auf der Straße, zwischen den neun Häusern der Straße und erzählen das, was viele Millennials als Gruselgeschichten bezeichnen würden. "Wir müssen jeden Morgen um vier Uhr aufstehen, um die Schulunterlagen unserer Kinder herunterzuladen", sagt Martin Weismann. Stefanie Reuter trifft es doppelt: "Wenn ich daheim arbeite und mein Kind gleichzeitig Onlineunterricht hat, dann schmeißt es einen von uns sofort raus." Susanne Hofmann, die bei einer größeren Firma arbeitet, geht es da nicht anders.

Nun wird das Arbeiten von zu Hause nach Corona nicht verschwinden. Im September fragte die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) seine Mitgliedsunternehmen, wie viele ihren Mitarbeitern Homeoffice ermöglichen. "Fast alle. Die Zahl hat sich im Vergleich zu vergangenem Jahr verdoppelt. Für unsere Unternehmen ist es daher sehr wichtig, dass Arbeitnehmer zu Hause mit einer stabilen und schnellen Internetverbindung versorgt sind – ob auf dem Land oder in der Stadt", erklärt Bertram Brossardt, VBW-Hauptgeschäftsführer:

Glasfaser wäre die Lösung

Um als Familie in der Hinsicht einigermaßen sorglos sein zu können, braucht es einen Anschluss, der bis zu 200 MBit/s schafft. Einen solchen hätte in der Theorie laut Breitbandatlas knapp jeder zweite Haushalt Main-Spessarts zur Verfügung. In der Realität sieht das wiederum schwieriger aus. Zum einen bestellt nicht jeder die Internetgeschwindigkeit, die möglich wäre. Denn Geschwindigkeit ist immer auch eine Frage des Geldes, bei Autos wie beim Internet. Zum anderen behalten es sich Internetanbieter durch die beiden Wörtchen "bis zu" vor, nicht die volle Geschwindigkeit liefern zu müssen. Selbst wer für "bis zu 200 MBit/s" bezahlt, bekommt sie oft nicht.

Die Lösung wäre Glasfaser. Damit wären bis zu 1000 MBit/s möglich und viele Sorgen schnell vergessen. Klar, der Tarif dafür ist noch zu bezahlen, aber je mehr Angebot es gibt, desto günstiger werden die Preise. Das ist Grundkurs Marktwirtschaft. Doch in Deutschland im Allgemeinen und in Main-Spessart, Arnstein und "An den Kappesgärten" im Speziellen dominiert noch das Kupferkabel. Darüber geht es nicht mal im Ansatz so schnell. Nur sieben Prozent der Haushalte in Unterfranken haben einen Glasfaseranschluss. In Arnstein sind es vier.

Dass das mehr als nur persönliche Unbequemlichkeiten für die Leute bedeutet, erläutert VBW-Geschäftsführer Bertram Brossardt: "Ohne die Glasfasertechnologie wird unser Wirtschaftsstandort an Wettbewerbsfähigkeit verlieren." Schon jetzt klagt die Hälfte seiner befragten Unternehmer über unzureichende Internetverbindungen. "Der Bedarf wird aufgrund neuer technischer Möglichkeiten und Innovationen weiter rasant steigen." Und je weiter sich das Arbeitsleben in die Wohnungen und Häuser der Angestellten verschiebt, desto wichtiger wird es, schnelles Internet bis in die letzten Winkel zu legen. Brossardt: "Wir müssen daher den Ausbau von Glasfaser und 5G mit Vollgas weiter vorantreiben. Bis 2025 muss der flächendeckende Ausbau abgeschlossen sein."

Abgesehen davon, dass Deutschland von diesem Ziel noch weit entfernt ist, würden die Familien "An den Kappesgärten" gerne damit anfangen. Kommendes Jahr soll das Baugebiet erweitert werden. Die 14 weiteren Häuser bekommen Glasfaseranschlüsse, von Telekom und Habnet. Dabei könnte man doch auch die neun bestehenden Häuser anschließen, haben sie sich gedacht.

Es wäre billiger, man könne sich eine zweite Baustelle sparen und die Glasfaserkabel müssten eh über das neue Baugebiet angeschlossen werden. Habnet, sagen Kappesgärtner, habe schon Interesse am Verlegen der Kabel angemeldet, unter der Voraussetzung, die Stadt würde die Tiefbauarbeiten bezahlen. Würde die Maßnahme nicht kommendes Jahr gemacht werden, sagt Stefanie Reuter, könnte es sich nicht mehr lohnen, die restlichen Häuser auch anzuschließen. "Wir haben Angst, vergessen zu werden."

Was die Glasfaserversorgung so schwierig macht

Trotzdem werden sieben von ihnen wohl vorerst leer ausgehen (zwei wohnen noch nah genug an dem neuen Gebiet). Die Gründe dafür gehen aber weit über die Stadt Arnstein hinaus. Denn eigentlich hat Arnstein mit Franz-Josef Sauer einen Bürgermeister, bei dem die Digitalisierung hoch oben auf der Agenda steht. Über 40 Jahre hat er bei Siemens in diesem Bereich gearbeitet. Unter ihm hat hat die Stadt einen eigenen Ausschuss dafür eingerichtet. "Glasfaser hat eine ganz hohe Priorität bei uns", sagt er. "Die Einwohner wollen das, zu Recht." Und warum klappt es mit dem Ausbau "An den Kappesgärten" dann nicht? 

"Genauso stümperhaft wie wir in die Energiewende gelaufen sind, laufen wir jetzt in die Digitalisierung."
Franz-Josef Sauer, Bürgermeister Arnstein

Nicht der Staat, sondern die Netzbetreiber sind für den Glasfaserausbau zuständig. Für die muss es sich lohnen, das alte Kupferkabel rauszureißen und Glasfaser neu einzusetzen. Die Telekom hat deshalb jahrelang lieber mit Vectoring, ein Verfahren das Sauer "ein Krebsgeschwür für Telekommunikation" nennt, alte Kupferleitungen aufgewertet und damit den Glasfaserausbau blockiert. Denn vor allem im ländlichen Raum ist der Aufbau einer flächendeckenden Glasfaser-Infrastruktur nicht profitabel genug. "Kommunen könnten ihn sich ohne Förderung kaum leisten", sagt zum Beispiel das Landratsamt dazu. 

Förderprogramme sind ein "Irrgarten" 

Das gilt auch für Arnstein. Zwar verwaltet Sauer von der Fläche her die größte Stadt Main-Spessarts, das gilt aber nicht für die Einwohnerzahl. Etwa 8000 sind es. Noch immer gebe es Stellen, an denen es kein oder kaum Internet gibt, sagt Sauer. Zwei Prozent der Arnsteiner Haushalte sind das, um genau zu sein. Wären die Kappesgärten unter der vom BMVI festgelegten Grenze von 30 MBit/s, würden sie als sogenannte "weiße Flecke" gelten. Der Bund würde ihnen den Glasfaseranschluss fördern. Das Problem für Hofmann, die Weismanns und die Reuters ist in diesem Fall: Ihr Internet ist zu gut ist – und gleichzeitig nicht gut genug. 

Sauer nennt deshalb die Förderprogramme des BMVI einen "Irrgarten", einen "Flickenteppich" und "Ressourcenverschwendungung pur". Vor zwei Jahren seien noch Kupferleitungen gefördert worden. Inzwischen blicke durch die unkoordinierte Programmvielfalt keiner mehr durch, sagt er: "Genauso stümperhaft wie wir in die Energiewende gelaufen sind, laufen wir jetzt in die Digitalisierung."

Bürger sind frustriert 

So einfach wollen das Stadtoberhaupt die Anwohner "an den Kappesgärten" nicht vom Haken lassen. Sie haben vor Kurzem einen Brief an den Bürgermeister und alle Stadträte geschrieben. Eine Antwort kam nicht. Die dritte Bürgermeisterin habe auch mal eine WhatsApp-Gruppe zu diesem Thema gegründet. Nach Fragen der Anwohner sei keine Antwort gekommen. Und jetzt hätten sie sich schon allein um alles gekümmert und trotzdem: "Niemand redet mit uns. Wir werden immer nur vertröstet", werfen sie der Stadt vor. 

Er verstehe die Anwohner, sagt Sauer. Es sei schmackhaft, sobald die Bagger da stünden, gleich das ganze Baugebiet ans Internet anzuschließen. Man sei im Tiefbau aber schnell bei 200 bis 300 Euro pro Meter (was bei 200 Meter Straßenlänge 40 000 bis 60 000 Euro wären). Außerdem: Wenn die Stadt Habnet das bezahle, könnte die Telekom später genauso darauf bestehen und es würde doppelt so teuer werden. Die Kappesgärtner müssten deshalb Habnet irgendwie davon überzeugen, auch die Kosten für den Tiefbau zu übernehmen. "Da haben sie mit mir einen Verbündeten", sagt Sauer.

Oder, sie sollen einfach warten. Sauer versucht gemeinsam mit der ILE Main-Werntal in das im März gestartete Förderprogramm "Bayerische Gigabitrichtlinie" zu kommen. Mit der will der Freistaat den Bau und Betrieb von Glasfaserleitungen fördern. Sauer: "Wir haben eine Strategie. Sie werden nicht vergessen. Ich bitte einfach um Geduld." Irgendwann hat aber auch die ein Ende. 

Wichtige Begriffe rund um das Internet

MBit/s: Abkürzung für die Maßeinheit Megabit pro Sekunde, also die Schnelligkeit der Datenübertragung. Es wird zwischen Download/Downstream (Daten aus dem Internet zum Nutzer) und Upload/Upstream (vom Nutzer ins Internet) unterschieden. Die im Artikel genannten Werte sind Upstream.
Breitband: Unter diesem Begriff werden alle schnellen Anbindungen ans Internet verstanden, sei es zum Beispiel via (V)DSL, Glasfaser oder LTE. War früher ein ISDN-Anschluss das Maß der Dinge, führt heute an Breitband kein Weg vorbei. Im Breitbandatlas des BMVI kann sich jeder über den Stand der eigenen Kommune informieren.
Glasfaser: Datenübertragung im Kabel per Lichtwellen. Ist die derzeit schnellste Variante mit bis zu 1000 Mbit/s im Download (DSL/VDSL: maximal 250). Im Vergleich zu den anderen Breitband-Varianten ist Glasfaser in Deutschland noch nicht sehr verbreitet.
Ausbauhemmend wirken laut dem Landratsamt Main-Spessart vor allem drei Faktoren:
1.       hoher Verwaltungsaufwand im Förderverfahren (z.B. bei der Gigabitrichtlinie)
2.       Finanzielle Aspekte
3.       Kapazitätsengpässe bei den Netzbetreibern
An der im März 2020 gestarteten „Bayerische Gigabitrichtlinie“ (mindestens ein Gbit/s für gewerbliche Anschlüsse und mindestens 200 Mbit/s für Privatanschlüsse) haben sich bislang folgende MSP-Kommunen am Förderverfahren beteiligt: Karlstadt, Marktheidenfeld, Neuendorf, Neustadt, Rechtenbach und Steinfeld.
Quelle: Haug-Peichl/Mainpost und Landratsamt
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