Zellingen

Wo lag Seehausen und was hat Karlburg mit der Wüstung zu tun?

Ein Luftbild zeigt Stellen auf dem Acker, in denen das Getreide schlechter wächst. Sind dies Hinweise auf ein ehemaliges Dorf, das Seehausen genannt wurde?
Auf einem Acker zwischen Zellingen, Duttenbrunn und Billingshausen wird die Wüstung Seehausen vermutet. Daher wurde das Gebiet geomagnetisch und geoelektrisch untersucht.
Foto: Doris Dörringer | Auf einem Acker zwischen Zellingen, Duttenbrunn und Billingshausen wird die Wüstung Seehausen vermutet. Daher wurde das Gebiet geomagnetisch und geoelektrisch untersucht.

Woher kommt der Name Seehausen? Wo liegt die Wüstung? Warum wurde das Dorf vermutlich im 9. Jahrhundert nach Christi wieder verlassen? Das sind viele Fragen, auf die es noch keine gesicherten Antworten gibt. Der Historische Verein Karlstadt hat es sich mit seiner Arbeitsgemeinschaft, dem Archäologischen Arbeitskreis, zur Aufgabe gemacht, das Rätsel um das verlassene Dorf zwischen Duttenbrunn, Zellingen und Billingshausen zu lösen. Im Pfarrheim St. Andreas in Karlstadt wurden erste Zwischenergebnisse vorgestellt. Diese sind spannend wie ein Krimi.

Das Pfarrheim war bis auf den letzten Platz gefüllt. Etwa 50 Interessierte waren gekommen, darunter um den Bürgermeister Wieland Gsell auch eine starke Gruppe aus der Marktgemeinde Zellingen. Sie hörten sich an, was die Referenten Ralf Obst vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und der Geologe Markus Tarasconi an neusten Erkenntnissen zusammengetragen haben. In Detektivarbeit müssen Funde richtig gedeutet werden, denn oberhalb der Erde ist nichts zu sehen von dem ehemaligen Dorf, das einmal Seehausen genannt worden ist.

Seehausen in historischen Quellen erwähnt

Aber historische Quellen geben Auskunft. Ralf Obst berichtet von Schriften vom Hochstift Würzburg aus dem Jahr 1468. In denen wurde erstmals der Flurname Seehausen südlich von Duttenbrunn erwähnt, der auf eine Siedlung hinweist, die damals schon eine Wüstung war. Möglicherweise hat sich früher dort auch ein See befunden. Dies würde den Name erklären.

Grafik Wüstung Seehausen
Foto: Marina Weigand | Grafik Wüstung Seehausen

Einen Anhaltspunkt auf das Alter des verlassenen Dorfes Seehausen gibt die Ortsnamenforschung, denn Orte mit -hausen als Endung sind in einer Siedlungswelle im 8. und 9. Jahrhundert entstanden. Das Dorf Seehausen ist verschwunden, die Flurnamen haben sich aber gehalten. Die Gegend dort heißt Seehauser Graben und Seehauser Grund, sagt Obst. Doch ist der heutige Flurname auch der Standort des damaligen Dorfes? Das sei nicht sicher, "denn Flurnamen können wandern", so Obst. 

Weitere Hinweise gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine Wüstung Seehausen. 1985 machte dann ein Duttenbrunner Bürger einen Fund, der die These einer verlassenen Siedlung bestärkte. Ab 1990 sind daher die Mitglieder des Archäologischen Arbeitskreises Karlstadt immer wieder aufgebrochen, um nach Funden zu suchen. "Sie haben das aufgelesen, was der Bauer rauspflügt", erklärte Obst. Was zum Vorschein kam, waren Keramikscherben von Töpfen und Kannen. Zudem konnten aber auch menschliche Skelettreste aufgefunden werden, was auf einen Friedhof schließen lässt. Es sei nicht viel gewesen, sagt Obst. "Alles passt in eine kleine Kiste." Es seien aber dennoch klare Belege für das Bodendenkmal „Wüstung Seehausen“ gewesen.

700 bis frühes 9. Jahrhundert

Die Funde waren wissenschaftlich wertvoll, denn sie haben Hinweise auf das Alter der Wüstung geben können. Die Scherben zeigten beispielsweise typische Formen und Verzierungen, die den Jahren 700 bis frühes 9. Jahrhundert zuzuordnen sind. Daher glaubt Obst, das Alter der Siedlung auf diese Jahre einschränken zu können.

Das Luftbild zeigt in der Mitte einen hellen rechteckigen Grundriss im Getreidefeld. Dort wächst das Getreide schlechter. Vielleicht weil im Untergrund noch Mauerreste sind?
Foto: Ralf Obst | Das Luftbild zeigt in der Mitte einen hellen rechteckigen Grundriss im Getreidefeld. Dort wächst das Getreide schlechter. Vielleicht weil im Untergrund noch Mauerreste sind?

Doch wo lag das Dorf? Dazu gab ein Luftbild aus dem Jahr 1991 einen interessanten Hinweis. Es zeigt ein Ackerfeld, auf dem ein heller Bewuchsunterschied von zwölf mal fünf Meter Größe im ausreifenden Getreide festzustellen ist. Für den Archäologen ist dies ein Zeichen, dass dort der Untergrund für den Ackerbau schlechter als in der Umgebung ist – möglicherweise weil im Boden die Fundamente eines ehemaligen Gebäudes liegen. Das Getreide reift dort später aus. Mauerfundamente wiederum sind Hinweise für ein größeres Bauwerk wie beispielsweise eine Kirche, denn zur damaligen Zeit waren die Häuser aus Holz gebaut. Eine Kirche wiederum ist ein Hinweis für eine Ansiedlung.

Der Archäologische Arbeitskreis sah sich auf der richtigen Spur und veranlasste eine geophysikalische Untersuchung. Finanziert wurden diese vom Historischen Verein Karlstadt und mit Zuschüssen des Sachgebiets Ehrenamt in der Bodendenkmalpflege des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege sowie der Unterfränkischen Kulturstiftung. Die Mitglieder der Archäologischen Arbeitsgemeinschaft halfen ehrenamtlich mit und die Grundeigentümer und Pächter seien dem Vorhaben sehr aufgeschlossen gegenüber gestanden, sagt Obst.

Den Auftrag dazu bekam Markus Tarasconi vom Geotechnischen Büro in Fürth, der an diesem Abend anwesend war und von seinen Ergebnissen berichtete. Er habe das betreffende Gebiet, knapp vier Hektar, geomagnetisch und geoelektrisch untersucht. Dies erlaubt Erkenntnisse über archäologische Befunde im Untergrund, die dabei – im Gegensatz zu einer Ausgrabung – nicht zerstört werden. 

Punkte ergeben ein geometrisches Muster

Das Ergebnis seiner Untersuchungen stellte er den Interessierten im Pfarrheim vor. Es war eine Karte mit vielen schwarzen Punkten, die dem Laien kaum etwas sagt. Der Experte Tarasconi wusste sie aber zu lesen. Er zeigte auf Punkte, die offensichtlich ein geometrisches Muster ergeben, das dann als das Fundament eines Gebäudes zu werten ist. "Die Baukörper sind nachweisbar", sagt er. So wurden Hausgrundrisse, Pfosten und Wege sichtbar.

Wie groß das ehemalige Dorf Seehausen war, ist dennoch nur schwer zu sagen, da man nicht weiß, ob die entdeckten Baukörper alle zur gleichen Zeit gestanden sind. Obst geht aber von einem kleinen Dorf aus. Dass der entdeckte Grundriss von einer Kirche stammt, ist die Hoffnung beziehungsweise die  Arbeitshypothese. Allerdings sind steinerne Kirchen in ländlichen Siedlungen der Karolingerzeit die Ausnahme, so Obst. 

Ist Karlburg schuld am Abstieg Seehausens?

Ähnlich schwer ist eine Aussage, warum das Dorf bereits im 9. Jahrhundert aufgegeben wurde. Auch da gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Man weiß von der spätmittelalterlichen Wüstungsphase, dass im 14. Jahrhundert viele Dörfer verlassen wurden, weil die Pest gewütet hatte. Oder es gab territoriale Streitigkeiten. Dies trifft auf Seehausen wohl nicht zu. Ein mögliche Erklärung ist daher für Obst, dass Karlburg als wichtiger Zentralort im Frühmittelalter hier in der Region so eine große Attraktivität entfaltete, dass es zu Abwanderungen gekommen ist. 

Am Ort der vermuteten Kirche schlägt Tarasconi eine noch intensivere geophysikalische Untersuchung vor, die im Sommer auf dem abgeernteten Feld durchgeführt werden soll. Denn es sind noch viele Fragen offen. "Es bleibt spannend." Für den Historischen Verein und den Archäologischen Arbeitskreis Karlstadt ist die Wüstung Seehausen ein weiteres Puzzlestück, um die karolingische Siedlungsperiode in unserer Gegend besser zu verstehen. Detektivarbeit ist weiterhin gefragt. 

Die Karolinger und Merowinger
Karolinger ist der auf Karl Martell zurückgehende Hausname des Herrschergeschlechts der  Franken, das ab 751 im Frankenreich die Königswürde innehatte. Sein berühmtester Vertreter war Karl der Große, von dem die späteren karolingischen Herrscher abstammten. Nach der Teilung des Karolingerreichs im Jahr 843  regierten die Karolinger im Ostfrankenreich bis zu ihrem Aussterben im Jahr 911.
Die Karolinger lösten 751 die Merowinger ab, die von der Spätantike bis zum Frühmittelalter den gallisch-germanischen Raum beherrschten. Diese Zeit wird Merowingerzeit genannt. 
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