Tauberbischofsheim

Skandal-Schlachthof: Waren Mitarbeiter betrunken?

Skandal-Schlachthof: Waren Mitarbeiter betrunken?       -  Nach mutmaßlichen Verstößen gegen den Tierschutz bleibt dieser Schlachthof in Tauberbischofsheim bis auf Weiteres geschlossen. Die Polizei durchsuchte am Donnerstag das Gelände.
Foto: dpa | Nach mutmaßlichen Verstößen gegen den Tierschutz bleibt dieser Schlachthof in Tauberbischofsheim bis auf Weiteres geschlossen. Die Polizei durchsuchte am Donnerstag das Gelände.

Im Skandal um den Schlachthof in Tauberbischofsheim sind jetzt weitere Vorwürfe bekannt geworden. So will der Verein Soko Tierschutz aus anonymer Quelle erfahren haben, dass mehrere Schlachthofmitarbeiter immer wieder im Dienst betrunken gewesen seien. So jedenfalls steht es in der Soko-Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft.

Außerdem habe enormer Arbeitsdruck geherrscht. In der Belegschaft gebe es „eine große Unzufriedenheit“, wie Soko-Vorsitzender Friedrich Mülln am Freitag gegenüber dieser Redaktion sagte. Die Bezahlung der Mitarbeiter sei schlecht. OSI relativierte die Vorwürfe in einer Stellungnahme vom Freitagabend.

 

Landratsamt hört seine Veterinäre an

Wie berichtet, war der Schlachthof des US-Nahrungskonzerns OSI am Mittwoch vom Landratsamt Main-Tauber geschlossen worden, nachdem Soko heimlich in dem Betrieb gedrehte Videoaufnahmen veröffentlichen ließ. Die Szenen sollen zum Teil erhebliche Verstöße gegen den Tierschutz zeigen.

Soko reichte am Mittwoch bei der Staatsanwaltschaft Mosbach eine Strafanzeige ein gegen die Europazentrale von OSI in Gersthofen bei Augsburg, gegen die Geschäftsleitung des Schlachthofes und einige Mitarbeiter sowie gegen das Veterinäramt im Main-Tauber-Kreis.

Weil der Vorwurf im Raum steht, dass anwesende Tierärzte dieses Veterinäramtes bei den zweifelhaften Vorgängen nicht eingeschritten seien, hat das Landratsamt in Tauberbischofsheim eigene Ermittlungen eingeleitet. Wie Sprecher Markus Moll am Freitag auf Anfrage sagte, werden die in Frage kommenden Mitarbeiter des Veterinäramtes in der kommenden Woche zu dem Fall angehört. Seine Behörde prüfe „konsequent disziplinarrechtliche beziehungsweise personalrechtliche Maßnahmen“, teilte Moll mit.

Heimlich gedrehte Videos sind offenbar echt

Dass die heimlich gedrehten Videos auch tatsächlich den Tauberbischofsheimer Schlachthof zeigen, daran ließ Soko-Chef Mülln keine Zweifel: Er und seine Mitstreiter „stehen als Zeugen zur Verfügung.“ Mülln hat die Videos nach eigenen Worten selbst aufgenommen. Dabei habe er auch Details gefilmt, anhand derer der Schlachthof einwandfrei zu identifizieren sei – wie zum Beispiel OSI-Überwachungskameras mit QR-Codes.

„Jeder Schlachthof sieht anders aus“, weshalb allein diese Details ein eindeutiger Beweis für die Authentizität der Szenen seien.

Tierschützer-Film geht zur Staatsanwaltschaft

Auf Tauberbischofsheim sei Soko durch den Tipp eines Eingeweihten gekommen. Das zeige, wie schlecht die Stimmung in der Belegschaft des Betriebes sei, so Mülln. Zwar könne man nicht jeden Schlachthof im Land an den Pranger stellen, doch in der Branche gebe es „tendenziell mafiöse Strukturen“.

Dass die Soko-Filme die Wahrheit im Tauberbischofsheimer Schlachthof zeigen, davon ist offenbar auch die Staatsanwaltschaft Mosbach überzeugt. „Wir gehen davon aus, dass es so ist“, sagte ein Sprecher am Freitag. Seine Behörde werde die Soko-Originalaufnahmen wahrscheinlich in Kürze erhalten. Es werde einige Wochen dauern, bis die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft beendet sind. Am Donnerstag durchsuchte die Polizei den Schlachthof und nahm allerlei Beweismaterial mit.

Was schon 2015 bekannt wurde

Schon 2015 waren in dem Schlachthof in Tauberbischofsheim im Rahmen eines Audits Mängel bekannt geworden. Sie bezogen sich nach Auskunft von Landratsamtssprecher Moll sowohl auf das Gebäude als auch auf den Umgang mit den Tieren. Vor allem was das Gebäude angeht, seien die geforderten Verbesserungen bis heute noch nicht abgeschlossen.

Glaubt man Soko, so soll es im Tauberbischofsheimer Schlachthof auch nicht besonders hygienisch zugegangen sein. So wollen die Tierschützer beobachtet haben, dass sich „unter Gerätschaften und in Ecken (. . .) Schichten mit altem Blut, Haar und Geweberesten“ befunden haben, „die offensichtlich nicht bereinigt werden“, wie es in der Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft heißt.

Wie OSI reagiert

Kurz nachdem die Soko-Vorwürfe bekannt geworden sind, hat OSI nach eigenen Angaben die Produktion im Schlachthof Tauberbischofsheim gestoppt. Es sei intern „eine gründliche Überprüfung unserer Prozesse und Verfahren“ eingeleitet worden, hieß es am Donnerstag in einer Mitteilung. OSI-Personal werde vor Arbeitsantritt eingehend eingewiesen und mit den internen wie externen Vorschriften vertraut gemacht.

Am Freitagabend ließ der Konzern wissen, dass bei OSI "der Konsum alkoholischer Getränke während der Arbeit generell nicht gestattet ist". Die Bezahlung der Belegschaft entspreche dem Branchendurchschnitt. Die Mitarbeiter "haben gängige 40-Stunden-Arbeitsverträge". Mehrarbeit werde "wie gesetzlich vorgeschrieben" vergütet, teilte ein OSI-Sprecher mit, ohne Einzelheiten zu nennen.

Der Konzern lieferte Fleisch aus Tauberbischofsheim an die Fastfoodkette McDonald's. Für OSI haben die aktuellen Schlagzeilen erste Konsequenzen: Nach einem Bericht der „Heilbronner Stimme“ hat das Handelsunternehmen Kaufland seine Geschäftsbeziehungen zu dem Konzern auf Eis gelegt. Das beziehe sich aber allein auf die Lieferungen aus Tauberbischofsheim, ergänzte OSI am Freitag gegenüber dieser Redaktion.

Kritik kommt auch von Politikern

Inzwischen hat der Fall auch die Politik erreicht. „Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass die staatliche Kontrolle beim Tierschutz auf Schlachthöfen nicht funktioniert, da es schlichtweg zu wenig Personal für diese wichtige Aufgabe gibt“, sagte etwa Reinhold Gall, der agrarpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag.

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