Gerolzhofen

Das Rätsel um ein Vortragebild

Ein wiederentdecktes in Sütterlin geschriebenes Schriftstück beschreibt die Anschaffung eines Kupferbilds anno 1814 in Gerolzhofen. Davon war bislang nichts bekannt.
Diese Prozessionsstange steht im Stadtmuseum in Gerolzhofen. Nun konnte ihre Herkunft geklärt werden.
Foto: Klaus Vogt | Diese Prozessionsstange steht im Stadtmuseum in Gerolzhofen. Nun konnte ihre Herkunft geklärt werden.

Dieser Tage ist in Volkach aus Privatbesitz ein Schriftstück aufgetaucht, das durch Vermittlung von Stadtführerin Evamaria Bräuer der Gerolzhöfer Museumsleitung zugänglich gemacht wurde.  "Im Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit Gottes Vaters und des Sohnes und das heiligen Geistes – zu dessen Ehren hat sich die hiesige Bürgerschaft entschlossen, ein neues Bild machen zu lassen und das zu einem längeren Andenken." So beginnt der in Sütterlin handschriftlich geschriebene Text, der als "Beschreibung" bezeichnet ist. In dem historischen Schriftstück geht es um die Anschaffung eines neuen "Bilds" aus Kupfer, die im Mai 1814 in Gerolzhofen stattgefunden haben soll. Davon war bislang nichts bekannt.

Im Text wird kurz beschrieben, dass ein Schlossermeister das Kupferbild verfertigt hat, ein Tüncher es vergoldet und ein Schreiner den Stab dazu geliefert hat. Aus diesen Umständen lässt sich schließen, dass es sich bei der Neuanschaffung offenbar um ein Vortragebild gehandelt hat, das bei Prozessionen und Wallfahrten mitgetragen wurde. Um welches Bild es sich genau handelt, ist in dem Schriftstück leider nicht erwähnt. Existiert das Kupferbild vielleicht noch heute? Gehört es gar zu den Wallfahrtsstandarden, die im Steigerwalddom aufgestellt sind? Eine Spurensuche.

Hinweis auf "Präfekt"

Den ersten Hinweis bietet eine kleine Passage in der historischen Beschreibung. Zwei Bürger werden hier besonders erwähnt: Matthäus Wolf und Martin Werner hätten die Mühe auf sich genommen, bei der Bürgerschaft des nötige Geld für das neue Bildnis zusammenzutragen. Der Matthäus "Mathes" Wolf aus der oberen Schuhstraße war ein Gerolzhöfer Maurermeister, der in den Jahren zuvor mehrere größere Aufträge von der Kirche erhalten hatte, unter anderem am Pfarrhof und an der Kaplanei in der Kirchgasse. Martin Werner war Häfnermeister und wohnte in der Bleichstraße.

In dem Dokument wird Martin Werner als "Präfekt" bezeichnet. Ein Präfekt ist bis zum heutigen Tag der vom örtlichen Pfarrer eingesetzte Vorstand einer Bruderschaft. Ganz offenbar ist also die Neuanschaffung des Tragebilds auf Betreiben einer Gerolzhöfer Bruderschaft erfolgt. Doch welcher Bruderschaft stand Martin Werner vor? 

Mehrere Bruderschaften

Im katholischen Gerolzhofen gab es in den vergangenen Jahrhunderten gleich mehrere Bruderschaften. Die älteste und vermutlich auch größte war die "Bruderschaft der Elenden Kerze", synonym auch als "Große Bruderschaft" bezeichnet. Sie wurde wohl bereits um 1303 gegründet und in ihrem Bestand nochmals im Jahr 1414 bestätigt. Mit dem Geld dieser Bruderschaft wurde auch das Wachs der "Elenden Kerze" finanziert. Diese Kerze, betreut von den Mitgliedern der örtlichen Häckers-Zunft, brannte immer dann in der Kirche bei Totenfeiern, wenn arme Leute die Beleuchtung der Kirche selbst nicht finanzieren konnten. 

Daneben gab es auch noch die so genannte "Kleine Bruderschaft", die in Gerolzhofen seit dem Jahr 1687 auch als "Bruderschaft Corporis Christi" erwähnt wird, als der damalige Würzburger Fürstbischof Johann Gottfried von Guttenberg in seiner Diözese neue Corporis Christi-Bruderschaften flächendeckend einführte. Eine weitere große Fraternität war die Rosenkranz-Bruderschaft, auch "Erzbruderschaft" genannt, die am 13. November 1653 vom Dominikanerprovinzial Arnold Gallius in der hiesigen Pfarrkirche errichtet wurde. Außerdem gab es eine eigene Sebastiani-Bruderschaft (für die Schießgesellen), die schon anno 1440 auftaucht, eine St. Barbara-Bruderschaft (erwähnt 1615), die Urban-Bruderschaft (wohl für die hiesigen Winzer und Häcker) von 1626, eine Vierzehnheiligen-Bruderschaft, die erstmals 1715 erwähnt wird und eine "Bruderschaft ad Honorem Sanctissimi" (zu Ehren des Allerheiligsten) aus dem Jahr 1716. 

Dreifaltigkeitsbruderschaft

Und schließlich gab es in der Steigerwaldstadt noch eine "Dreifaltigkeitsbruderschaft", von der bekannt ist, dass anno 1663 ein heute verschollenes neues "Confraternität- oder Bruderschaftsbüchlein" mit den Namen der Mitglieder angelegt wurde. Anno 1827 ist von den "Brüdern und Schwestern der Trinitarier-Bruderschaft" die Rede. Der Verdacht liegt nahe, dass Martin Werner im Jahr 1814 der Präfekt dieser "Dreifaltigkeitsbruderschaft" gewesen war. Denn die überlieferte zweiseitige "Beschreibung" beginnt mit der Anrufung der Dreifaltigkeit und dem Hinweis, dass das Vortragebild zu Ehren der Dreifaltigkeit gemacht wurde. Und sie endet zusätzlich mit der Gebetsformel "Hochgelobt und gebenedeit sei die Allerheiligste Dreifaltigkeit." 

Auf der Rückseite des Tragebilds ist diese Szene zu sehen:  die Heilige Familie vor einer Landschaft mit Palmen. Ungewöhnlich ist, dass Maria und das Jesukind Gegenstände tragen. Es könnte sich also um die Flucht nach Ägypten handeln.
Foto: Klaus Vogt | Auf der Rückseite des Tragebilds ist diese Szene zu sehen:  die Heilige Familie vor einer Landschaft mit Palmen. Ungewöhnlich ist, dass Maria und das Jesukind Gegenstände tragen.

Aber stimmt es, dass die Standarde tatsächlich anno 1814 angeschafft wurde? Ein kurzer Blick auf die im Text erwähnten Handwerker bestätigt tatsächlich diese Zeitstellung. Die Kupferarbeiten steuerte der damals in Gerolzhofen tätige Schlossermeister Franz Leyerer (auch Layerer oder Leierer geschrieben) bei. Er hatte sein Haus samt Werkstatt in der heutigen Breslauer Straße (alte Hausnummer 90, heute Kronenapotheke), das er als in die Familie Messinger eingeheirateter Schwiegersohn übernommen hatte. Er entstammte einer alten Gerolzhöfer Schlosser-Familie, die 1759 von Augustin Leyerer gegründet worden war. Die Vergoldungen nahm Georg Maier (auch: Meyer) vor. Der Tünchermeister aus der Schuhstraße übte damals sein Handwerk ebenfalls schon mindestens in der dritten Generation aus. Und schließlich war noch der Schreinermeister Philipp Friedrich aus der Grabenstraße an der Aktion beteiligt. Er lieferte den hölzernen Stab. 

Lokale Amtsträger

Neben den ausführenden Handwerkern sind in dem historischen Schriftstück auch zeitgenössische lokale Amtsträger erwähnt – ganz so, wie man es beispielsweise auch von Dokumenten kennt, die in die Turmkugeln von Kirchtürmen hinterlegt werden. Die Rede ist von einem "Landrichter Wirth" und einem "Zehntbeamten Kirchgessner". Auch dies passt. Der Landrichter Hugo Franz Wirth, ein gebürtiger Gochsheimer, war zunächst ab 1781 rechtlicher Berater (Konsulent) der Abtei Ebrach und ab 1796 fürstlich-würzburgerischer Amtskeller zu Markt Bibart gewesen, ehe er 1804 königlich-bayerischer Landrichter in Gerolzhofen wurde. Und Adam Franz Kirchgeßner, vormals Amtskeller zu Sulzfeld im Grabfeld, hatte seit 1810 in Gerolzhofen die Stelle eines Amtmanns inne.

Die Stiftung des neuen Tragebilds wird aber nicht nur in einen lokalen Kontext gestellt, sondern der unbekannte Verfasser schildert auch die politische Situation anno 1814 in Europa. Napoleon Bonaparte, dieser "Bösewicht" und "Menschenwürger", habe ganz Europa mit seinem Krieg überzogen und schließlich sogar den Hl. Vater (gemeint ist Papst Pius VII.) nach Frankreich in den schwersten Arrest gesetzt. Der "blutdürstig aufgeworfene Monarch" habe zudem alte Stiftungen und Klöster aufgehoben, all ihre Vermögen geraubt und verkauft und die Geistlichen aus ihren Klöstern verjagt – ein Hinweis auf die Säkularisation im napoleonischen Zeitalter. Und schließlich sei der Franzose erst kürzlich, im April 1814, auf die Insel Elba in Verwahrung gekommen.

Gibt es das Tragebild noch?

Abschließend ist die spannende Frage zu klären, ob das in dem Schriftstück erwähnte Tragebild sich vielleicht bis in die heutige Zeit erhalten hat. In der Stadtpfarrkirche befinden sich heute drei Prozessionsstangen. Passt eine davon zur der historischen Beschreibung? Das eine Tragebild, das auf der einen Seite die Pieta und auf der Rückseite die Krönung Mariens durch die Dreifaltigkeit zeigt, ist mit "Gemeinde Rügshofen" beschriftet und scheidet somit aus. Die zweite Prozessionsstange mit der Darstellung einer Pieta und der Madonna mit Kind trägt den Stiftervermerk "Georg Böhm 1859" und kommt somit ebenfalls nicht in Frage aus. 

Das dritte Tragebild ist zugleich das größte und zeigt auf der einen Seite die Vierzehnheiligen-Szene und auf der anderen die Krönung Mariens. Das Bild war wohl für die Fußwallfahrt nach Vierzehnheiligen im Einsatz, die für Gerolzhofen erstmalig am 2. Osterfeiertag 1783 schriftlich belegt ist, und für den alljährlichen Gang nach Gößweinstein, wo das Gnadenbild der Krönung Mariens verehrt wird. Es ist auch denkbar, dass die Stange früher von den Mitgliedern der Vierzehnheiligen-Bruderschaft bei örtlichen Prozessionen mitgetragen wurde, genauso wie die zwei großen Bruderschaftsfahnen aus rotem Damast, die beispielsweise im Inventarverzeichnis des Steigerwalddoms von 1823 erwähnt werden. Aber auch dieses Tragebild ist nicht das, das in dem historischen Schriftstück erwähnt wird.

Zwischen der Jahreszahl 1814 prangt das Meisterzeichen des Schlossermeisters Franz Leyerer. Und die Initialen MW stehen für den Präfekten Martin Werner.
Foto: Klaus Vogt | Zwischen der Jahreszahl 1814 prangt das Meisterzeichen des Schlossermeisters Franz Leyerer. Und die Initialen MW stehen für den Präfekten Martin Werner.

Entdeckung im Stadtmuseum

Aber es gibt noch ein viertes Tragebild, das im Stadtmuseum im Alten Rathaus im Raum der Volksfrömmigkeit im zweiten Stock etwas unbeachtet und unrestauriert in einer Ecke steht. Im Inventarverzeichnis des Museums wird das Bild unter der Nummer 751 als ein "Aufsatz einer Prozessionsstange" beschrieben, der angeblich aus der Friedhofskapelle stammen soll und von einem Georg Schmitt dem Stadtmuseum geschenkt wurde. Bislang gab es keine weiteren Erkenntnisse über die Geschichte dieses Tragebildes.  

Doch schon der erste Blick auf das Bild elektrisiert: Es trägt die Jahreszahl 1814! Und zwischen diesen Ziffern prangt ein Meisterzeichen, das sich stark am Gerolzhöfer Stadtwappen orientiert. Der Meister und Hersteller des Bildes hat sich darin mit seinen Initialen verewigt: "FL" – für Franz Leyerer! Doch damit nicht genug: Unter dem Meisterzeichen sind weitere Initialen zu sehen: "MW" – für den Präfekten Martin Werner! Die weiteren Buchstaben "ST", für die es keine passenden Personen im Schriftstück gibt, sind möglicherweise die Abkürzung für "Sankt Trinitatis" als Bezeichnung für die Dreifaltigkeitsbruderschaft. Kein Zweifel: Dies ist das Tragebild, das in dem wiederentdeckten Schriftstück beschrieben worden ist.

Dargestellt ist auf dem Tragebild eine dreitürmige Kirche, in die gerade eine Prozession einzieht: die Basilika von Gößweinstein.
Foto: Klaus Vogt | Dargestellt ist auf dem Tragebild eine dreitürmige Kirche, in die gerade eine Prozession einzieht: die Basilika von Gößweinstein.

Basilika von Gößweinstein

Das Gesamtbild rundet sich ab, wenn man sich die Vorderseite des Bildes betrachtet: Dargestellt ist die Krönung Mariens durch die Dreifaltigkeit und am unteren Bildrand sieht man eine Kirche mit zweitürmiger Fassade und einem Dachreiter über der Apsis, in die gerade eine Prozession einzieht – eindeutig die Wallfahrtskirche von Gößweinstein mit dem Gnadenbild aus dem Jahr 1510.  Auch die Gerolzhöfer Dreifaltigkeits-Bruderschaft hatte sich also früher mit ihrem Tragebild von 1814 dorthin aufgemacht.

Und so konnte wieder eine kleine lokale Begebenheit aus der Gerolzhöfer Stadtgeschichte entschlüsselt werden.

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