Schweinfurt

Faschingsdienstag 2020: Nach Streit Messerstich ins Herz

Ohne Notoperation hätte das Opfer die Messerattacke nicht überlebt. Der Angeklagte gesteht die Tat vor dem Schwurgericht. Was war sein Motiv?
Vor dem Schwurgericht des Landgerichts Schweinfurt muss sich ein 27-jähriger Industriemechaniker verantworten, der einen 19-jährigen Algerier einen Messerstich ins Herz versetzt hat. 
Foto: Oliver Berg (dpa) | Vor dem Schwurgericht des Landgerichts Schweinfurt muss sich ein 27-jähriger Industriemechaniker verantworten, der einen 19-jährigen Algerier einen Messerstich ins Herz versetzt hat. 

Was als Hintergrund des Messerangriffs eines 27-jährigen deutschen Industriemechanikers auf einen 19-jährigen Algerier am Faschingsdienstagabend 2020 auf dem Roßmarkt vermutet wird, geht weniger aus der Anklageschrift hervor, als vielmehr aus der Anklagebehörde. Nicht die Staatsanwaltschaft Schweinfurt hat den Mann wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagt, sondern die Generalstaatsanwaltschaft München, und zwar von dieser die Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET).

Not-OP rettet Opfer das Leben

Also trägt die ZET-Staatsanwältin aus München am Freitagmorgen vor dem fünfköpfigen Schwurgericht des Landgerichts Schweinfurt vor, dass am 25. Februar letzten Jahres zum Faschingskehraus, eine Dreiviertelstunde vor Aschermittwoch, der Angeklagte eine Flasche zu Boden geworfen habe und Splitter in Richtung des 19-Jährigen geflogen seien. Im folgenden Streit darüber habe der 27-Jährige ein Messer gezückt und dem jungen Algerier, der zurückgewichen sei, auf Höhe des Herzens in den Oberkörper gestoßen.

Die Wunde habe sofort stark geblutet. Einen zweiten Stichversuch hat der 19-Jährige laut Staatsanwältin noch abwehren können. Er sei Richtung Theaterpark geflüchtet, wo er zusammengebrochen sei. Dort hat ihn gegen 23.35 Uhr ein 18-jähriger Schüler schwer verletzt und stark blutend gefunden und die Polizei verständigt. Laut Anklage wurde der Herzmuskel durch den Messerstich lebensbedrohlich verletzt, die rechte Herzkammer sei eröffnet worden. Und: "Ohne die notfallmäßige Operation wäre der Geschädigte zeitnah verstorben."

Alkohol trübt die Erinnerung

Den Tod des 19-Jährigen habe der Messerstecher demnach "zumindest billigend in Kauf" genommen, weshalb ihm die Generalstaatsanwaltschaft München versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorwirft. Was sagt der Angeklagte dazu? Sein Verteidiger räumt für ihn die Tat ein. Der mit dem Messer auf dem Video der Roßmarkt-Kamera sei der Angeklagte. Er habe aber infolge Alkoholisierung keine Erinnerung an die Tat.

Zehn bis 15 Bier, viele Schnäpse mit Cola und Wein habe sein Mandant zuvor getrunken, so der Verteidiger. Nach der Tat sei dieser ziellos durch die Stadt gelaufen und habe das Messer in einem Abfallbehälter geworfen. Er habe keine Erklärung für die Tat und bereue diese sehr, einen rechtsradikalen oder extremistischen Hintergrund habe sie aber nicht. Weitere Fragen zum Tatgeschehen würden nicht beantwortet. Laut der Gerichtsvorsitzenden haben aber auch Videokameras am Roßmarkt das Geschehen in ordentlicher Schärfe und recht gut erkennbar aufgezeichnet.

Wer rennt wem hinterher?

Eine Reihe von Zeugen marschieren auf, alle aber faschingshalber mehr oder weniger alkoholisiert, einschließlich des Opfers. Einige wollen gesehen haben, wie der 19-jährige Algerier nach dem Messerstich vor dem Angeklagten über die Wolfsgasse Richtung Theaterpark geflüchtet sei. Andere sagen, der Schwerverletzte sei dem Täter hinterher gerannt. Das sagt auch der junge Algerier selbst. Er habe ein Beweisfoto von dem Angeklagten für die Polizei machen wollen.

Wie auch immer: Die lebensgefährliche Attacke räumt der Angeklagte ein und entschuldigt sich ausführlich bei dem Opfer und seiner Familie. Offenbar wird auch ein Täter-Opfer-Ausgleich mit Schmerzensgeldzahlung vorbereitet. Dennoch fetzen sich der Verteidiger und die Nebenklagevertreterin ausgiebig über die Frage, wann, wie oft und bei welchen Ärzten das Opfer seit der Tat in Behandlung war.

Wo ist das Motiv?

Völlig unbeantwortet ist bisher die Frage nach dem Motiv für den beinahe tödlichen Messerstich des Angeklagten gegen einen Mann, den er gar nicht kannte. Er sagt nichts dazu. Eine Bekannte von ihm, die bei der Tat anwesend war, sagt auf die Frage der Nebenklage-Anwältin, wie der Angeklagte zu Ausländern steht: "Er mag nicht alle, die zum Beispiel klauen und Gesetze missachten."

Für den Prozess sind fünf Tage vorgesehen. Er wird am 1. Februar um 8.30 Uhr fortgesetzt.

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