Schweinfurt

Landrat Töpper und OB Remelé: Exklusiv-Interview zur Coronakrise

Der Landrat und der Oberbürgermeister stellen sich den Fragen der Redaktion. Sie sprechen über neue Herausforderungen in der Coronakrise, persönliche Momente und die Zukunft.
Seit vielen Jahren haben Landrat Florian Töpper (links) und Schweinfurts Oberbürgermeister Sebastian Remelé ein gutes, kollegiales Verhältnis. In der Coronakrise und der Zusammenarbeit im Krisenstab zahlt sich das nun aus.
Foto: Anand Anders | Seit vielen Jahren haben Landrat Florian Töpper (links) und Schweinfurts Oberbürgermeister Sebastian Remelé ein gutes, kollegiales Verhältnis.

Die Coronakrise und die Ausgangsbeschränkungen, die bis 19. April gelten, bringen ganz neue Herausforderungen für die Menschen in ganz Deutschland. Im Exklusiv-Interview mit dieser Redaktion beschreiben Landrat Florian Töpper und Oberbürgermeister Sebastian Remelé die Zusammenarbeit, erklären die Situation in Krankenhäusern und Pflegeheimen und sind sich der gravierenden Folgen für die heimische Wirtschaft sehr bewusst.

Herr Töpper, Herr Remelé, das Wichtigste in diesen Tagen: Wie geht es Ihnen und Ihren Familien?

Landrat Florian Töpper: Es sind fordernde Zeiten für ganz viele Menschen. Wichtig ist, es dass es uns gelungen ist, Strukturen mit Leben zu erfüllen, die notwendig sind, um einer solchen besonderen Lage gerecht zu werden. Wir arbeiten sehr intensiv, aber auch in einem gewissen unaufgeregten Grundmodus, um die richtigen Ergebnisse für unsere Bürger und unser Gesundheitssystem insbesondere zu erreichen.

Oberbürgermeister Sebastian Remelé: Persönlich kann ich sagen, dass wir eine intensive familiäre Situation erleben. Zwei meiner Kinder sind ja eigentlich schon aus dem Haus. Wir haben festgestellt, dass wir durch das Coronavirus wieder sehr intensiv zusammenleben wie seit langem nicht mehr. Überraschender Weise empfinden wir das als sehr angenehme, harmonische Zeit, in der sich jeder zurück nimmt, wenn das nötig ist, und zusammen kommt, wenn es die Gemeinschaft erfordert. Wenn wir gemeinsam Essen, Spiele spielen oder spazieren gehen. Ich hoffe sehr, dass es in anderen Familien auch so läuft, wenngleich ich weiß, dass Spannungen nicht ausbleiben, die auch eskalieren können. Es ist eine Geduldsprobe und eine Phase, in der hohe Selbstdisziplin von uns allen verlangt wird.

Wie arbeiten Sie während der Ausgangsbeschränkungen?

Töpper: "Immer da" ist der Modus, der es am besten trifft. Man ist im Grunde genommen rund um die Uhr erreichbar. Der Arbeitstag hat sich völlig umgestellt, das trifft für die allermeisten Mitarbeiter hier im Haus zu, da bin ich keine Ausnahme.

Remelé: Unsere Ämter leben auch von der körperlichen Präsenz in unserer beiden Häuser, so dass die Mitarbeiter auch wissen, wir sind da, wir sind ansprechbar. Natürlich haben unsere gesamten Repräsentationspflichten ein Ende genommen, was uns neue Freiräume gibt.

Töpper: Wir sind demokratisch gewählte Repräsentanten in einer Zeit, in der es um Grundrechtsbeschränkungen geht. Es ist eine wichtige Botschaft, dass das Ganze kontrolliert wird von Menschen, die einer demokratischen Kontrolle unterliegen. Ich stimme mich auch eng mit den Bürgermeistern in unseren 29 Gemeinden ab. Wir hatten zwei Bürgermeisterdienstbesprechungen, in denen es ausschließlich um das Thema Corona und seine Auswirkungen ging.

Lobt Zusammenhalt und Teamgeist im Krisenstab von Stadt und Landkreis während der Coronakrise: Landrat FLorian Töpper.
Foto: Anand Anders | Lobt Zusammenhalt und Teamgeist im Krisenstab von Stadt und Landkreis während der Coronakrise: Landrat FLorian Töpper.
Wie haben Sie die Besprechung gemacht, telefonisch?

Töpper: Nein, die waren vor Ort mit den gebotenen Abständen. Wir haben ganz viele Themen transportiert, die die Menschen in den Dörfern beschäftigen. Kommunikation ist in diesen Zeiten ganz, ganz wichtig.

"Kommunikation ist in diesen Zeiten ganz, ganz wichtig."
Landrat Florian Töpper
Seit gut einem Monat ist Deutschland ein anderes Land durch die Coronavirus-Pandemie. Es gibt einen gemeinsamen Krisenstab zwischen Stadt und Landkreis, wie fällt die Bilanz bisher aus?

Töpper: Er tagt zwei Mal in der Woche und ist ein ausgesprochen breit aufgestelltes Gremium, weil wir wissen, wen wir alles mitnehmen müssen, um der Lage Herr zu bleiben. Es sind Polizei, Hilfsorganisationen, Vertreter der Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser. Wir sitzen alle in der gebotenen Distanz in einem Raum. Das ist wichtig, damit wir auch unmittelbar über die einzelne Betroffenheit Bescheid wissen.

Remelé: Ich bin grundsätzlich durch den Ordnungsreferenten Jan von Lackum vertreten, bin sporadisch selbst bei den Sitzungen dabei. Es ist wichtig, dass wir uns auch in Coronazeiten begegnen. Der Krisenstab ist das ideale Sammelbecken, um alle betroffenen Einrichtungen und Lebensbereiche zu bündeln. Er hat sich etabliert.

Töpper: Wir hatten den Krisenstab schon vor dem Katastrophenfall einberufen. Stadt und Landkreis finden sich hier mit allen Themen, die nur gemeinsam gelöst werden können. Für uns im Landratsamt ist das noch einmal eine besondere Situation, denn das Gesundheitsamt für Stadt und Landkreis als das größte in der Region für 170 000 Einwohner, ist in unserem Haus angesiedelt. Auch hier haben wir sehr gut zusammengefunden.

Über die Disziplin der Mitbürger während der Ausgangsbeschränkung in der Coronakrise ist er positiv überrascht: Oberbürgermeister Sebastian Remelé.
Foto: Anand Anders | Über die Disziplin der Mitbürger während der Ausgangsbeschränkung in der Coronakrise ist er positiv überrascht: Oberbürgermeister Sebastian Remelé.
Was genau bespricht man in so einem Krisenstab?

Remelé: Wir haben zum Beispiel in der Stadt zwei weitere Krisenstäbe, die sich regelmäßig treffen. Da geht es darum, die Daseinsvorsorge sicherzustellen. Ist die Versorgung mit Strom, Wasser, Gas sichergestellt, nicht wegen Lieferengpässen, sondern weil möglicherweise das Personal ausfallen könnte? Fahren die Busse und wenn ja in welchem Takt? Sind die Pflegeheime aufnahmefähig und was passiert, wenn Personal ausfällt? Wir verhandeln sehr praktische Fragen des Lebensschutzes und der Daseinsvorsorge. Ich bin sehr angetan, mit welcher Ernsthaftigkeit, Nüchternheit und Effizienz das funktioniert, so dass wir auch für Zeiten gewappnet sind, in denen die Schlagzahl vielleicht höher wird.

Töpper: Wir setzen um, was Ministerpräsident Markus Söder und Kanzlerin Angela Merkel zurecht vorgeben. Lebensschutz geht vor, aber wir müssen auch schauen, dass das Land am Laufen bleibt. Es sind besondere Herausforderungen und keine Lage, die Katastrophenschutz im Allgemeinen ausmacht wie zum Beispiel Hochwasser. Umso wichtiger war der Krisenstab, um das Thema Materialversorgung stringent zu bearbeiten, zu schauen, was haben wir und dafür zu sorgen, dass die am meisten belasteten Berufsgruppen wie Pflegekräfte und medizinisches Personal sich nicht allein gelassen fühlen und mit dem versorgt werden, was sie zur Arbeit benötigen. Ich spüre sehr hohe Motivation bei meinen Mitarbeitern, egal welcher Tag es ist. Zum Glück ist bei uns ein sehr stabiler Geist des Zusammenhalts vorhanden.

Wie bereitet man sich als Behörde in Sachen Katastrophenschutz vor? Kann man das üben?

Töpper: Wir haben die Übungen schon seit Beginn meiner Amtszeit intensiviert, auch die entsprechende IT-Ausstattung organisiert, vor allem für das Bürgertelefon. Es war wichtig, dass wir die richtigen Leute herangezogen haben, auch mit Ehrenamtlichen wie der Feuerwehr, uns regelmäßig zu Übungen getroffen haben. Übung und Professionalität in der Ausstattung sind wichtig.

Remelé: Neu ist für uns alle, dass wir keine regional begrenzte Katastrophe bekämpfen müssen, sondern weltweit die gleichen Anforderungen haben was die Ausstattung mit Schutzmasken, Kleidung, etc. betrifft. So sind wir in einer Art Wettbewerb national wie regional, um die Bevölkerung und die betroffenen sensiblen Berufsgruppen auszustatten. Das war in anderen Katastrophenszenarien nicht so, da war klar, man holt sich von außen Hilfe, zum Beispiel durch die Bundeswehr. Anders als in anderen Lagen stehen uns diese Hilfsmittel und Hilfsdienste so nicht zur Verfügung und das macht die Lage so besonders. Das kann man nicht üben. In diesem Zusammenhang gilt es Dank zu sagen an die Rettungskräfte und das Pflegepersonal, aber auch ein großes Lob an die Landes- und Bundespolitik und die Exekutive, die sehr flexibel ist. Wir haben zum Beispiel Bühnentechniker aus dem Theater an der Teststelle am Humboldt-Gymnasium eingesetzt. Es arbeiten Mitarbeiterinnen des Ausländeramtes in der Führungsgruppe Katastrophenschutz mit. Es zeigt sich hier auch die Qualität einer Verwaltung.

"Die ganz große Herausforderung ist es, den sozialen Frieden über diesen langen Zeitraum zu wahren, was in der Stadt zum Glück gut funktioniert."
Oberbürgermeister Sebastian Remelé
Wie verändert sich das soziale Miteinander in Zeiten der Ausgangsbeschränkung? Glauben Sie, man kann noch länger als bis 19. April aushalten?

Töpper: Ich nehme die Mitbürger als ausgesprochen verständnisvoll und diszipliniert wahr, die zurecht vorgegeben Linie der Bundes- und Landesregierung wird akzeptiert. Diese müssen natürlich  immer wieder begründet und kommuniziert werden. Wir hören in diesem Land zum Glück auf die Wissenschaft, übernehmen als Politik aber auch Verantwortung für die Entscheidungen. Wir können das, was geboten ist, auch weiterhin tolerieren, weil die Begründung stichhaltig ist. Wir wissen vieles noch nicht über das Virus, im Zweifel geht Lebensschutz vor. Trotzdem ist es wichtig, dass wir die Nöte sehen, beispielsweise bei der Landwirtschaft mit den Erntehelfern. Niemand kann in die Glaskugel schauen, wie lange es noch dauert. Wichtig ist, dass wir unser Gesundheitssystem gut gerüstet halten.

Remelé: Ich bin sehr positiv überrascht, wie diszipliniert die Bevölkerung diese noch nie dagewesenen Einschnitte in elementare Grundrechte akzeptiert, zum Teil ja sogar fordert. Eine Ausnahmesituation muss natürlich endlich sein. Es wächst auch langsam die Erwartung, wieder in den Normalzustand übergehen zu können oder zumindest eine Perspektive dazu zu haben. Die ganz große Herausforderung ist es, den sozialen Frieden über diesen langen Zeitraum zu wahren, was in der Stadt zum Glück gut funktioniert.

In drei Pflegeheimen in der Stadt und im Landkreis gab es Todesfälle durch das Coronavirus. Was kann man tun, um die Pflegeheime in Zukunft zu unterstützen?

Töpper: Wir lassen die Häuser in keiner Weise allein. Entscheidend ist das Gesundheitsamt, das sehr klare Vorgaben macht, wie in den Pflegeheimen vorzugehen ist. Für die Mitarbeiter ist es eine besondere Belastung. Ich bin dankbar, dass die Staatsregierung nun auch eine Beratungseinheit schafft für betroffene Pflegeheime. Wir wissen, wie entscheidend die Motivation und hervorragende Arbeit in den Einrichtungen selbst ist im Interesse der Bewohner.

Remelé: Es war weder von uns noch von den Landesregierungen so abgesehen worden, dass die Brennpunkte zunächst nicht die Krankenhäuser, sondern die Altenpflegeheime sind. Dort löst das sehr aggressive Virus, wenn es sich dort festsetzt, fürchterliche tödliche Folgen aus. Wir waren in der Stadt in der Situation, dass ein Heim tatsächlich vor der Schließung stand.

Im Seniorenpflegeheim 'Domicil' in Schweinfurt gab es Todesfälle nach Infektionen mit dem Coronavirus zu beklagen.
Foto: Martina Müller | Im Seniorenpflegeheim "Domicil" in Schweinfurt gab es Todesfälle nach Infektionen mit dem Coronavirus zu beklagen.
Sie meinen das Domicil-Pflegeheim, in dem es bisher sechs Todesfälle gab.

Remelé: Ja. Wir haben um Lösungen gerungen und mit der Bundesagentur für Arbeit zu meiner Freude Personal auf dem Arbeitsmarkt gefunden, eine Pflegefachkraft und vier Hilfskräfte, so dass die Schließung abgewandt werden konnte. Wir haben hier ganz effektiv, schnell und unbürokratisch zusammengearbeitet.

"Ich finde, es ist jetzt nicht die Zeit für lauthalse Kritik, weil wir in einer einzigartigen Lage sind."
Oberbürgermeister Sebastian Remelé.
Der Diakoniechef Jochen Keßler-Rosa hat massive Kritik geübt, die Pflegeheime würden alleine gelassen. Können Sie das nachvollziehen?

Remelé: Ich finde, es ist jetzt nicht die Zeit für lauthalse Kritik, weil wir in einer einzigartigen Lage sind. Keine Einrichtung kann, anders als in anderen Katastrophensituationen, Hilfe von außen bekommen, weil jede Hilfskraft in ihrer jeweiligen Region benötigt wird. Deswegen würde ich empfehlen, dass man Kritik übt, wenn man eine Bilanz ziehen kann. Die Situation in den Pflegeheimen war schon vor der Coronakrise angespannt, weil sich immer schon das Personalproblem stellte. Insofern war klar, dass wenn es zu krankheitsbedingten Einbrüchen beim Personal kommen würde, diese Heime die Hauptlast tragen würden. Da das Ansteckungsrisiko extrem hoch ist bei der engen Tuchfühlung, war das fast vorauszusehen, dass wir in Engpässe geraten würden.

Töpper: Die Wohlfahrtsverbände waren von Anfang an im Krisenstab dabei. Dass es subjektiv empfundene und objektive Mangellagen gibt, kann niemand in Abrede stellen. Wir arbeiten aber in den Verwaltungen rund um die Uhr daran, dass das abgestellt wird.

Wie ist die Situation in den Krankenhäusern in Stadt und Landkreis?

Töpper: Wir sind Herr der Lage und müssen das auch bleiben. Wir haben neue Strukturen geschaffen, zum Beispiel den ärztlichen Leiter in der Führungsgruppe Katastrophenschutz, der die Betten- und Patientensteuerung in die Hand genommen hat. Hier kommen wir sehr gut voran. Natürlich ist die Situation auch im Kreiskrankenhaus Gerolzhofen nicht "normal", denn es bestehen auch hier Besuchsverbot und ganz strenge Hygienevorschriften. Die Lage verlangt den Patienten und den Mitarbeitern viel ab. Aber die Klinik arbeitet gut und zuverlässig weiter.

Remelé: Das Leopoldina-Krankenhaus wie das St. Josef arbeiten vollkommen ordnungsgemäß. Wir sind nach wie vor aufnahmefähig auch für weitere Intensivpatienten.

Der Eingang der Teststrecke für Patienten mit Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus in der Turnhalle des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums in Schweinfurt.
Foto: Oliver Schikora | Der Eingang der Teststrecke für Patienten mit Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus in der Turnhalle des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums in Schweinfurt.
Seit 20. März gibt es die Teststrecke am Humboldt-Gymnasium. Kürzlich gab es ein Video, das eine vorgeblich unverschlossene Teststrecke zeigt. Wie stehen Sie zu dem Fall?

Remelé: Ich hielt das ganz ehrlich gesagt zunächst für einen Aprilscherz. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Jemand mit einem reichlich konstruierten Anliegen gegen 18 Uhr, ausgestattet mit Kamera, Mundschutz und Plastikhandschuhen, zufällig auf eine offene Tür trifft, Aufnahmen macht, das Gebäude betritt, in Räumlichkeiten eindringt, vermeintliche Missstände aufdeckt und dann nichts besseres zu tun hat als einen Bild-Journalisten und seinen Anwalt zu verständigen. Ich war selbst Anwalt, aber das wäre das letzte gewesen, was mir in dieser Situation eingefallen wäre. Wir sind dabei, den Sachverhalt aufzuklären. Wenn es dazu gekommen sein sollte, dass die Räume nach Dienstschluss unverschlossen gewesen wären, wäre das ein Fehlverhalten, das sofort abgestellt werden müsste. Nach unseren Ermittlungen war das aber nicht so, die Einrichtung ist von der letzten Schicht gegen 16.30 Uhr ordnungsgemäß abgeschlossen worden. Wir und die Polizei müssen recherchieren, wie der Zutritt dieser Person gegen 18 Uhr möglich gewesen ist.

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen, die solche Vorfälle aufdecken – wenn es denn eine wirkliche und keine inszenierte Aufdeckung war – sich umgehend an die richtigen Stellen wenden. Die Verwaltung muss nicht grundsätzlich geschont werden, wenn Fehler passieren sollten. Aber in einer Situation, wo sich das Land in einer nie da gewesenen Lage befindet und damit auch Fehler, wenn es sie gab, nahezu unvermeidbar sind, wäre meine Bitte, sich sofort an die Behörden zu wenden, die den Fehler abstellen können, anstatt an die Boulevardpresse. Da die Propagandamaschine derartig anzurühren, hat für mich sehr viel mit Profilneurose zu tun.

Töpper: Für mich ist der Umgang mit diesen vermeintlichen Fehlern verwerflich. Ich denke, dass wir in der Teststrecke sehr pragmatisch und schnell zusammengefunden haben, um dieser Lage in der Region Herr zu werden. Ich nehme wahr, dass diese Art der Skandalisierung nicht den Effekt hatte, dass das berechtigte Grundvertrauen in unsere Strukturen erschüttert ist. Dieser Umgang mit der Situation spricht sehr gegen diejenigen, die ihn auf diese Art und Weise in der Öffentlichkeit verlautbart haben. Das möchte ich in dieser Deutlichkeit sagen.

"Kein Kommunalhaushalt bleibt von dieser Krise verschont."
Landrat Florian Töpper
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Ausgangsbeschränkungen sind enorm, für die Firmen, aber auch für Stadt, Landkreis und Kommunen. Wie können Sie Wirtschaftsunternehmen helfen, zumal auch die Gewerbesteuereinnahmen drohen einzubrechen?

Remelé: Das ist eine nationale Herausforderung. Wir stellen fest, dass es leider die Kleinen zuerst und möglicherweise existenziell am härtesten treffen könnte. Ich bekomme wöchentlich Mitteilungen, wo mir Einzelhändler, selbstständige Unternehmer oder in der Kulturszene Tätige sagen, wir halten nicht mehr lange durch. Das betrifft auch alteingesessene Geschäfte. Es macht mir große Sorgen, denn diese Geschäfte leben von einem Monat zum nächsten. Wir sind froh, dass Land und Bund Zuschüsse und Kredite geben, die relativ schnell und unbürokratisch zur Verfügung gestellt werden. Bei der Großindustrie war die Situation schon vor der Krise angespannt, so dass das Coronavirus sie noch mal verschärft. Aber es greifen auch die Mechanismen schneller, sich um externe Hilfen zu bemühen und man ist personell und organisatorisch besser aufgestellt. Ich bin verhalten optimistisch, dass unsere Großunternehmen möglicherweise besser durch die Krise kommen als der Einzelhandel oder Mittelstand. Die Stadt Schweinfurt, da möchte ich von vorneherein ehrlich sein, wird nicht im Stande sein, großzügig finanzielle Leistungen aus nicht vorhandenen Töpfen anbieten zu können. Wir werden als Erstes nach dem Abflauen der Krise Bilanz ziehen müssen, wie unsere Einnahmesituation ist. Haben wir nur einen kurzzeitigen Einbruch oder weitet sich die seit zwei Jahren angespannte Situation dauerhaft aus? Nach dieser Bilanz müssen wir unsere eigenen Projekte insofern auf den Prüfstand stellen, als wir uns fragen müssen, ob wir alles in der geplanten Geschwindigkeit umsetzen können, was wir uns vorgenommen haben.

Wie ausgestorben ist die Innenstadt Schweinfurts seit Beginn der bis 19. April geltenden Ausgangsbeschränkung. Im Bild die Spitalstraße. Viele Unternehmer und Einzelhändler sind durch diese Maßnahme in massive wirtschaftliche Schwierigkeiten gekommen.
Foto: Silvia Gralla | Wie ausgestorben ist die Innenstadt Schweinfurts seit Beginn der bis 19. April geltenden Ausgangsbeschränkung. Im Bild die Spitalstraße.
Muss man auch die Landesgartenschau 2026, auch wenn sie das Leuchtturmprojekt für Stadt, Landkreis und Region ist, grundsätzlich hinterfragen?

Remelé: Ich möchte an der Landesgartenschau festhalten, weil sie gerade in schwierigen Zeiten ein Signal sendet, seht, wir sind handlungsfähig als Region und die Stadt treibt ihre Entwicklung voran, setzt auf Ökologie und schafft lebenswerte, urbane Räume. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass man neue Formate findet, was die Durchführung betrifft, vielleicht ein bisschen bescheidener daher kommt und stärker auf Nachhaltigkeit setzt.

Töpper: Kein Kommunalhaushalt bleibt von dieser Krise verschont. Ich weiß, dass viele unserer Betriebe auf Sicht fahren, große Sorgen haben, wie es weitergeht. Ich spüre aber auch einen entschiedenen Durchhaltewillen, die Bereitschaft, alle Möglichkeiten zu nutzen, um den Betrieb zu erhalten und möglichst dynamisch weiterzumachen, wenn die Krise aus gesundheitlicher Sicht überwunden ist. Der öffentlichen Hand kommt gerade als Auftraggeber in krisenhaften Zeiten eine wichtige Rolle zu, deswegen bemühen wir uns als Landkreis so wie geplant zu investieren. Natürlich stehen wir mit der Wirtschaftsförderung den Unternehmen beratend zur Seite, um auch die Fördermöglichkeiten abzuschöpfen. Es ist mir bewusst, dass es für unsere Unternehmen fordernde Zeiten werden. Trotzdem glaube ich, dass wir die Zuversicht nicht verlieren dürfen. Wir haben gesunde Strukturen und müssen uns auch um die Entlohnung und Wertschätzung der Berufe kümmern, die jetzt im Fokus als systemrelevant stehen.

Coronafälle in Stadt und Landkreis Schweinfurt
In Unterfranken haben sich, Stand 9. April, nachweisbar mindestens 2305 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Die meisten Fälle,  723 bestätigte Infektionen, gibt es weiter in Stadt und Landkreis Würzburg. In Stadt und Landkreis Schweinfurt waren es laut Landratsamt am 9. April 392 positiv Getestete, davon im Landkreis 294, in der Stadt 98 – 17 Personen starben bisher an einer Infektion mit dem Coronavirus. In Quarantäne, weil Kontaktperson ersten Grades, befinden sich 851 Menschen (601 im Landkreis, 250 in der Stadt). 47 Personen müssen zur Zeit stationär in Krankenhäusern behandelt werden. Die Anzahl der als gesund geltenden Personen ist auf 97 gestiegen.
Das Bürgertelefon des Gesundheitsamts Schweinfurt ist auch über die Osterfeiertage täglich von 10 bis 16 Uhr unter Telefon (09721) 55745 erreichbar.

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