Schweinfurt

Mit dem Rollstuhl unterwegs - Wie barrierefrei ist Schweinfurt?

Aktion der Offenen Behindertenarbeit Schweinfurt zum "Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung". Warum viel gut gemeint, aber nicht zu Ende gedacht ist.
Das ist deutlich zu steil für einen elektrischen Rollstuhl, findet Katharina Moser. Deshalb gibt es für die Rampe, die vom Marktplatz zum Martin-Luther-Platz führt, ein 'Achtung Barriere'.
Foto: Helmut Glauch | Das ist deutlich zu steil für einen elektrischen Rollstuhl, findet Katharina Moser. Deshalb gibt es für die Rampe, die vom Marktplatz zum Martin-Luther-Platz führt, ein "Achtung Barriere".

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die zur großen Barriere werden. Eine Klingel, die ein paar Zentimeter zu hoch sitzt, eine einzige vermeintlich flache Stufe im Eingangsbereich einer Arztpraxis, Apotheke, einer Behörde oder eines Geschäftes. Hürden, die ein Mensch ohne Behinderung sozusagen "im Vorbeigehen" bewältigt, die aber für jemanden, der zum Beispiel mit dem Rollstuhl unterwegs ist, ganz einfach den Unterschied ausmachen zwischen "komme ich rein oder nicht?".  

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Solchen Barrieren waren am "Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung" am 5. Mai ein halbes Dutzend Teams der Offenen Behindertenarbeit der Diakonie Schweinfurt (OBA) auf der Spur. Pandemiegerecht in Kleinstgruppen – meist ein Mensch mit Behinderung gemeinsam mit Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen der OBA – wurde nach Barrieren an öffentlichen Gebäuden im Innenstadtbereich von Schweinfurt gesucht.  

Von "Sehr Gut" bis "Achtung Barriere"

Und weil sich schon viel getan hat in Sachen Barrierefreiheit in Schweinfurt wurden mit Straßenkreide nicht nur finster blickende Emojis auf die Gehsteige vor den begutachteten Gebäuden gemalt, sondern auch erfreulich viele Smileys. Lachgesichter, die den Planern der behindertengerechten Zugänge zum betreffenden Gebäude sagen sollen "Sehr Gut", da hat jemand mitgemacht, oder eben das traurige Gegenteil mit seiner Botschaft "Achtung Barriere".  

Mitunter liegt die Tücke im Detail. Hier ist die Klingel einfach zu hoch um sie aus dem Rollstuhl heraus erreichen zu können.
Foto: Helmut Glauch | Mitunter liegt die Tücke im Detail. Hier ist die Klingel einfach zu hoch um sie aus dem Rollstuhl heraus erreichen zu können.

Unterwegs mit Sarah Kimmel, gegenwärtig FH-Praktikantin bei der OBA, und Rollstuhlfahrerin Katharina Moser zeigt sich, dass in den vergangenen Jahren erhebliche Bemühungen unternommen wurden, um das Leben in Schweinfurt behindertengerechter zu machen. Die Tücke liegt aber dennoch meistens im Detail. Zum Beispiel an in Reihe aufgestellten Geldautomaten. Sind zwischen denen Sichtschutzelemente aufgestellt, dann kann der Platz vor dem Geldautomaten für den Rollstuhl sehr schnell zur viel zu engen "Parkbucht" werden. Da hilft nur frontal von vorne auf den Automaten zuzufahren, doch dann sind die Hände zu kurz, um noch an das Display zu gelangen.

Am Gericht mit seiner historischen Treppe, die für Rollstuhlfahrer unüberwindbar ist, gibt es zwar einen ebenerdigen Seiteneingang, aber die Klingel ist etwas zu hoch angebracht, um sie im Rollstuhl sitzend erreichen zu können. Auch vor Apotheken und Arztpraxen gibt es oft Stufen. Fragt man dort nach, gibt es meist eine Lösung, einen Aufzug oder einen ebenerdigen Hintereingang. Doch um diese Lösung erfragen zu können, müsste der oder die ja erst einmal in das Gebäude hineinkommen.

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"In den letzten Jahren hat sich viel getan", räumt Katharina Moser ein. So sei zum Beispiel das Stadtbusfahren dank der Rampen für die Rollstuhlfahrer nahezu barrierefrei. Auch vor und in modernen Gebäuden wie der Volkshochschule oder dem Landratsamt sei vieles sehr gut, zum Beispiel mit automatisch öffnenden Türen, gut erreichbaren Türöffnern und Aufzügen.          

Ein Smiley hat FH-Praktikantin Sarah Kimmel vor dem Landratsamt mit Kreide auf den Boden gemalt. Barrierefrei, das findet auch Rollstuhlfahrerin Katharina Moser. Verbesserungen wären dennoch möglich, denn die Theke gleich nach dem dahinterliegenden Eingangsbereich ist zu hoch für Rollstuhlfahrer.
Foto: Helmut Glauch | Ein Smiley hat FH-Praktikantin Sarah Kimmel vor dem Landratsamt mit Kreide auf den Boden gemalt. Barrierefrei, das findet auch Rollstuhlfahrerin Katharina Moser.

Doch Verbesserungsvorschläge gibt es immer, vor allem wenn man die Situation aus der Rollstuhl-Perspektive betrachtet. Manchmal täte es eine einfache preisgünstige Kunststoff-Rampe, die an einer flachen Stufe den Unterschied macht. Viele Einrichtungen, wie zum Beispiel der "+Plus.Punkt", das ehemalige Diözesanbüro, erleichtern Rollis so den Zugang. An der Theke im Eingangsbereich des Landratsamtes fehlt eine Mulde, durch die auch Rollstuhlfahrer ihre Papiere reichen oder sich mitteilen können. So ist sie nur für "stehende" Ratsuchende geeignet, findet Katharina Moser.    

Oft fehlt es an der Konsequenz auf den letzten Metern

Und dann gibt es sie immer noch, die absolut unüberwindlichen Barrieren. Vom Marktplatz direkt zum Martin-Luther-Platz zu kommen, ist für einen Rollstuhl-Selbstfahrer unmöglich. Zwar gibt es Rampen, aber die sind deutlich zu steil.

Eine keilförmige und rutschfeste Kunststofframpe reicht oft schon, um eine Stufe vor der Eingangstür für Rollstuhlfahrer zu 'entschärfen'.
Foto: Helmut Glauch | Eine keilförmige und rutschfeste Kunststofframpe reicht oft schon, um eine Stufe vor der Eingangstür für Rollstuhlfahrer zu "entschärfen".

"Vieles ist gut gemeint, aber mitunter fehlt die Konsequenz auf den letzten Metern", so auch die Einschätzung von Reinhold Stiller, dem Leiter der offenen Behindertenarbeit der Diakonie in Schweinfurt. Deshalb sei es wichtig bei Planung und Bau von Gebäuden, Betroffene ins Boot zu holen. Bei allen Verbesserungen die es in den vergangenen Jahren gab, müssten die Belange von Menschen mit Behinderungen dennoch viel deutlicher ins Bewusstsein gerückt werden. So habe eine Umfrage der "Aktion Mensch" ergeben, dass etwa 55 Prozent der Deutschen die etwa zehn Millionen Menschen mit Behinderungen im Land mehr oder weniger gar nicht wahrnehmen. Jede(r) Dritte habe gar keinen Kontakt zu Menschen mit Handicap.  

Verbesserungen könnte das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz bringen, das noch im Juni diesen Jahres vom Bundestag auf den Weg gebracht werden soll. Darin wäre dann zum Beispiel der Anspruch auf barrierefreien Zugang zu Geld- oder Ticketautomaten festgeschrieben.  

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