Schweinfurt

Stefan Buschs brilliante schauspielerische Leistung

Spielte mit beeindruckender Intensität: Stefan Busch im Ein-Personen-Stück „Ich ein Jud - Verteidigungsrede des Judas Ischariot“, das Bernd Lemmerich in der Johannis-Kirche inszeniert.
Foto: Oliver Schikora | Spielte mit beeindruckender Intensität: Stefan Busch im Ein-Personen-Stück „Ich ein Jud - Verteidigungsrede des Judas Ischariot“, das Bernd Lemmerich in der Johannis-Kirche inszeniert.

Einen Sündenbock zu suchen bzw. zu haben, ist in manchen Situationen eine für den Betroffenen zwar mehr als unangenehme, aber trotzdem ziemlich menschliche Angewohnheit. Im Christentum gibt es mit Judas Ischariot, der Jesus Christus für 30 Silberlinge an die Römer verriet und dann Selbstmord beging, eine Figur, die über zwei Jahrtausende nichts anderes war: der perfekte Sündenbock, derjenige, der den Heiland auslieferte, ihn verriet. „Du Judas“, ein geflügeltes Wort. Er ist die Inkarnation des Verrats. Zu Recht?

Eine spannende Frage, die unsere menschliche Existenz berührt, nicht nur aus theologischer Sicht. Und deswegen natürlich ein Projekt für den in der Region für seinen inszenatorischen Mut bekannten Regisseur Bernd Lemmerich. „Wenn man Theater macht, braucht man Vielfältigkeit und Mut zum Experiment“, findet Lemmerich, der bewusst Welten schaffen will, die nicht nur das eigene Denken bestätigen. Mit der Inszenierung von „Ich ein Jud – Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ nach der Vorlage von Walter Jens in Kooperation mit dem Theater an der Disharmonie in der kleinen Kapelle unter dem Turm der St. Johannis-Kirche ist Lemmerich in der Tat genau das gelungen: eine andere Welt, die das eigene Denken mindestens mal in Bewegung bringt.

Beeindruckende Intensität

Das liegt vor allem an der intensiven Art des Spiels von Stefan Busch in dem knapp einstündigen Ein-Personen-Stück, der all die Facetten des Judas Ischariot – sein Wehklagen, seine Entschuldigungen, seine Ausflüchte, seine Erklärungen, seine Zweifel an Gott, seine Zweifel an den Mitmenschen, seine Verzweiflung – sich körperlich spürbar zu eigen macht, diese Figur lebt. Und deswegen auch hernach beim völlig zu Recht stehend dargebrachten Applaus der tief beeindruckten Besucher die Tränen der Rührung kaum zurückhalten konnte.

Dieser selten gesehene Symbiose eines Schauspielers mit seiner Figur verdankt man ein Stück, das fast alle in der Person des Judas steckenden existenziellen Fragen anspricht. Ist das harte Urteil über Judas im Johannes-Evangelium wirklich gerecht? Wusste Jesus, dass Judas der Teufel ist? War es Verrat oder Gehorsam für Gottes Wille? Was wäre denn gewesen, wenn Judas Nein gesagt hätte zu den Römern? Hätte es das Christentum überhaupt gegeben? Konnte es nur ein Mensch sein, der Gottes Sohn verrät, um zu beweisen, dass wir alle der Erlösung bedürfen? Und wie ist das denn nun mit der Vergebung für den Sündenbock, hat nicht auch Judas Barmherzigkeit verdient? „Dieser Mann musste um Christi Willen zum Selbstmörder und Schlächter werden, weil es Gottes Wille war“, bilanziert Judas.

Mit musikalischer Wucht

Wichtiger Bestandteil dieser nicht nur wegen der schauspielerischen Leistung bemerkenswerten Aufführung war auch Andrea Balzers Orgelspiel, das mit musikalischer Wucht an den richtigen Stellen die getroffenen Aussagen unterstützte. Ein nachdenklich stimmender und deswegen rundum gelungener Abend.

„Ich ein Jud“, Inszenierung von Bernd Lemmerich in der St. Johannis-Kirche, Schauspieler: Stefan Busch, Orgel: Andrea Balzer.

Weitere Aufführungen: 23., 24., 25. November (jeweils 19.30 Uhr). Eintritt: 10 Euro/ermäßigt 6, Vorverkauf: Pfarramt St. Johannis, Tel. (0 97 21) 21 655, sowie Disharmonie, Tel. (0 97 21) 28 895.

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